Frau aus Backnang streitet mit Deutscher Bahn „Es sah aus wie nach einem Bombenanschlag“

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Die Betreiberin eines privaten Tierheims aus Backnang fordert wegen „rücksichtsloser Baumaßnahmen“ Schadenersatz von der Deutschen Bahn – und lässt sich letztlich vor Gericht auf einen für sie völlig unbefriedigenden Vergleich ein.

Eines von unzähligen Beweisfotos, die Petra Conrad von den Bauarbeiten vor ihrem Haus (rechts halb zu sehen) gemacht hat Foto: Conrad
Eines von unzähligen Beweisfotos, die Petra Conrad von den Bauarbeiten vor ihrem Haus (rechts halb zu sehen) gemacht hat Foto: Conrad

Backnang - Vor mehr als 30 Jahren hat Petra Conrad am östlichen Stadtrand von Backnang, unweit der Bahngleise der Murrbahn, das Tierpflegenest eingerichtet – um „die immer noch oft praktizierte Zwingerhaltung von Hunden durch eine artgerechte Rudelhaltung zu ersetzen“. Die meisten ihrer im Schnitt 30 Schützlinge bringen eine Leidensgeschichte mit. Glaubt man Petra Conrads Schilderungen, die sie mit einer umfangreichen Dokumentation aus Bildern und Videos unterlegt hat, ist vor knapp vier Jahren eine weitere hinzu gekommen, die auch sie selbst massiv in Mitleidenschaft gezogen hat. Von Hörsturz, Augenentzündungen, Dauerhusten, Schwindel, Magen- und Darmbeschwerden, Nasenbluten und Lymphknotenschwellungen ist die Rede. Auch die Tiere seien erkrankt. Seither liegt sie im Clinch mit der Deutschen Bahn.

Noch heute Schlafstörungen, Depressionen und Angstattacken

Die hatte im Herbst 2014 etwa zehn Meter Luftlinie entfernt von Petra Conrads Grundstück mit Bauarbeiten begonnen. Der Hang an den Bahngleisen sollte gesichert, der Naturfels mit Stahlnetzen und Betoneinspritzungen stabilisiert werden. Rund zwei Monate seien für den Abschnitt veranschlagt gewesen, am Ende habe sich das, was Petra Conrad eigenen Angaben zufolge noch heute Schlafstörungen, Depressionen und Angstattacken bereitet, fast ein Dreivierteljahr hingezogen.

Begonnen habe alles nach vergleichsweise harmlosen Vorarbeiten in der Nacht des 14. Oktober 2014: Mit einem Spezialgerät sei in den Hang gebohrt – und mit Pressluft alles in ihr Haus und auf das Grundstück geblasen worden, auf dem sie und die Hunde leben. Petra Conrad hat es noch deutlich vor Augen: „Es sah aus wie nach einem Bombenanschlag oder Erdbeben.“ Ihre Beschwerde hatte zunächst Erfolg: Bei einem Ortstermin mit Verantwortlichen der Bahn seien Zugeständnisse gemacht worden, die Sache behutsamer anzugehen und etwa auf Nassbohrung umzustellen. Viel geändert habe sich aber nicht. Kaum eine Ritze in ihrem Haus habe es gegeben, in der sich kein Feinstaub abgelagert habe, sogar in Steckdosen oder hinter Bilderrahmen habe sie beim ständigen Putzen welchen entdeckt. Viel schlimmer aber sei gewesen, „dass wir zeitweise keine Luft mehr zum Atmen hatten“.

„Höllischer Ton von 126 dB“

Dann kamen der Winter und der Beton. Um diesen verarbeiten zu können, hätten die Bauarbeiter Tausalz eingesetzt. „Hochaggressiv“, wie Petra Conrad sagt. Immer wieder sei das Gemisch auf ihr Grundstück niedergegangen „Wir standen viele Wochen im Zementnebel“, sagt Petra Conrad, „wir mussten diese Luft einatmen, die Hunde und weitere Tiere hatten den Dreck im Trinkwasser und Futter.“ Einmal, genau am 30. Oktober 2015, habe sich eine ganze Fontäne aus einer verstopften Betonrohrleitung in ihrem Garten ergossen. Hinzu sei die Lärmbelastung durch die Hupen gekommen, die alle paar Meter entlang ihres Zauns die Arbeiter vor Gefahr warnen sollten. Petra Conrad spricht von einem „höllischen Ton von 126 dB“.

All das habe zu den bereits erwähnten massiven akuten Erkrankungen bei Mensch und Tieren geführt. „Ich wusste an manchen Tagen nicht mehr, wie es weitergehen sollte.“ Später hätten sich dann auch Sachschäden an Haus und Hof gezeigt. Die Ziegel auf dem Dach zerbröselten wegen des Betons und Salzes, die Holzdecke unter dem Dach beginne zu faulen.

Die Bahn habe ihr als Entschädigung für den Lärm der 40 Bohrungen pro Nacht 150 Euro angeboten. Und 5000 Euro für die Schäden. Doch das, sagt Petra Conrad, sei ein Witz. Um zu beweisen, dass die Sachschäden weit höher lägen, beauftragte sie einen Gutachter – und der kam auf 34 000 Euro. Weil das wiederum die Bahn für nicht angemessen hielt, haben sich die streitenden Parteien am Donnerstag vor dem Landgericht getroffen. Doch beim Gütetermin kam dann die endgültige Ernüchterung für die Tierheimbetreiberin.

Richter: Offensichtlich, aber nicht zweifelsfrei sicher

Der Richter machte klar, dass die von Petra Conrad gemachten Fotos durchaus anschaulich machten, dass sie einiges an Staub und Dreck habe aushalten müssen – aber der mache in der Regel nicht ihr Dach kaputt. Zwar habe das Gutachten festgestellt, dass auch Zement auf Dach und Grundstück gelandet sei – aber zum einen nicht zweifelsfrei feststellen können, dass dieser von den Bauarbeiten der Bahn gekommen sei, und zum anderen nicht, dass die Schäden durch ihn entstanden seien. Der Zusammenhang sei vielleicht offensichtlich, aber nicht sicher und könne deshalb vor Gericht nicht hergestellt werden. Dennoch regte er an, dass die Bahn ihr Angebot auf 7500 Euro erhöhe und sich zur Hälfte an den Gutachter- und Verfahrenskosten – gut 10 000 Euro – zu beteiligen.

Beide Parteien schlossen sich letztlich dem Vorschlag an – Petra Conrad allerdings nur auf Anraten ihrer Anwältin, die ihr klar gemacht hatte, dass ein weiteres Verfahren für sie mangels Rechtsschutzversicherung zu einem finanziellen Desaster ausarten könnte. Ihren Glauben an Recht und Gesetz indes hat sie wohl verloren.




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