Eveline war vor der Geburt sorglos und voller Zuversicht – dann, als das Kind da war, fühlte sich plötzlich alles falsch an. Foto: privat
Eveline spricht offen darüber, wie schlecht sie sich nach der Geburt ihrer Tochter fühlte. Heute weiß sie, was die Ursache war – und hat einen Weg gefunden, ihr Kind und ihr neues Leben zu lieben. Wir haben ihre Geschichte als Protokoll aufgeschrieben.
Franziska Herrmann
02.10.2024 - 10:00 Uhr
Es war an einem Samstag fünf oder sechs Wochen nachdem ich meine Tochter zur Welt gebracht hatte. Mein Mann saß mir gegenüber, und ich hatte das Kind auf dem Schoß, als auf einmal alles aus mir herausbrach. Schluchzend sackte ich in mich zusammen. Inmitten der Tränen fühlte mich unendlich eingeengt. „Verdammt, so ist mein Leben nun, und es wird sich nie wieder ändern“, dachte ich.
Sehr deutlich erschienen mir Fluchtgedanken vor meinem inneren Auge. Ich wollte meine Koffer packen und abhauen.
Bevor ich Mutter wurde, hatte ich ein selbstbestimmtes Leben
Zum Zeitpunkt, als ich schwanger wurde, waren mein Mann und ich schon acht Jahre zusammen und verheiratet. Wir hatten ein Haus gekauft und arbeiteten beide Vollzeit. Nichts Außergewöhnliches, sondern ganz normale Bürojobs. An den Abenden gingen wir regelmäßig unserem Hobby nach, dem Tanzen, Standard und lateinamerikanische Tänze. Es war ein unaufgeregtes, aber selbstbestimmtes und freies Leben, das ich immer geschätzt habe.
Ich hatte nie diesen brennenden Kinderwunsch, bei dem Frauen von einer inneren tickenden Uhr berichten oder einem Leben, das ohne Kind keinen Sinn machen würde. Es war eher so, dass wir uns nach mehreren Jahren Beziehung anschauten und fragten, was jetzt kommen würde. Was wäre der nächste Schritt?
Das Bild von Mutterschaft wird in Medien und Filmen oft romantisiert dargestellt. /Foto: Imago/xzotev777687x
Wir dachten darüber nach, ob ein Kind vielleicht ganz schön wäre. Mit Kindern hatte ich weder in der Familie noch im Freundeskreis viele Berührungspunkte gehabt. Das meiste schnappte ich über die Medien und aus Filmen auf. Dass diese stark romantisierte Version, die dort abgebildet wird, nichts mit der Realität zu tun hatte, wusste ich damals noch nicht. Sicher, mir war klar, dass die Anfangszeit anstrengend sein würde, weil das Kind noch nicht durchschläft. Doch nach ein paar Monaten würde es ja besser werden, dachte ich. Ein halbes Jahr Schlafmangel, das überlebt man.
Über das Muttersein habe ich mir vorher kaum Gedanken gemacht
An dem Morgen, als ich diese zwei Streifen auf dem Schwangerschaftstest sah, war ich nicht emotional bewegt, sondern reagierte distanziert: „Krass, jetzt ist es wirklich so weit.“ Diese Reaktion war nicht überraschend, denn ich bin generell nicht der Typ, der exakt in dem Moment seine Emotionen fühlt, sondern eher im Nachhinein.
Meine Schwangerschaft war recht unkompliziert. Erst gegen Ende hatte ich öfter Sodbrennen und ab und an Übelkeit. Ich habe mir auch kaum Sorgen gemacht, wie alles werden würde. Wie so viele Menschen ohne Kinder, waren wir davon überzeugt, dass alles bloß eine Frage der Erziehung ist: Wenn man es richtig erzieht, läuft das Kind nebenher mit und macht, was man will.
Als ich das kleine Bündel nach der Geburt auf die Brust gelegt bekam, war ich komplett überfordert. Da war kein: Wow, ich bin so verliebt. Ich dachte bloß: Dafür bin ich nun verantwortlich, und es ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ziemlich schnell fragte ich mich, warum ich so fühlte. Traurigkeit stieg in mir auf über mein altes Leben, das ich nun hinter mir gelassen hatte. Es würde nie wieder so werden wie vorher.
Die ersten Tage nach der Geburt war ich nur mit Überleben beschäftigt, doch auch nach Wochen ging dieser Zustand nicht weg. Ich verstand nicht, warum ich als frischgebackene Mutter nicht einfach glücklich war. Bevor wir unsere Tochter bekamen, brauchten mein Mann und ich acht Stunden Schlaf. Jetzt schliefen wir maximal zweieinhalb Stunden pro Nacht, aufgeteilt in Viertelstunden. Das war hart. Ich war schon froh, wenn ich alle drei Tage mal duschen konnte, während mein Kind laut heulend auf dem Arm meines Mannes auf meine Rückkehr aus dem Badezimmer wartete.
Warum ich es bereute, Mutter geworden zu sein
Die Intensität, die meine Tochter mitbrachte, war immens und mir zuvor unbekannt. Ich weiß nicht, ob mein Mann und ich uns in den ersten Wochen überhaupt unterhalten haben. Nach zwei Wochen ging er wieder regulär zur Arbeit. Ich blieb zu Hause. Er muss mir angemerkt haben, wie ich mich fühlte, wenn er abends wiederkam. Erst dachte ich, meine düstere Stimmung hängt mit der Hormonumstellung oder dem Wochenbett-Blues zusammen.
Doch dann kam irgendwann dieser Gefühlsausbruch am Küchentisch. Danach erkannte ich, dass ich mich nicht einfach wieder normal und gut fühlen würde. Ich bereute es, Mutter geworden zu sein. Bis sich etwas änderte und ich die Punkte verstand, die mich unglücklich machten, vergingen drei Jahre. Doch dann wusste ich, woran es lag: Ich hatte keine Zeit mehr für mich alleine, ich war völlig fremdgesteuert. Ich musste mich und meine Emotionen permanent hintanstellen und zu vieles runterschlucken. Und dann hat man als junge Mutter immer tausend Dinge zu tun, die nie weniger werden. Als ich das alles so klar vor mir sah, konnte ich endlich etwas ändern.
Ich fing an, mir im Alltag regelmäßig kleinere Auszeiten zu nehmen, kurze Momente für mich. Je älter und unabhängiger meine Tochter wurde, desto mehr verschwand auch mein Reuegefühl. Als sie größer wurde und auf dem Spielplatz mit ihren Freundinnen spielte, ohne dass ich alle zwei Minuten hinter ihr herrennen musste, konnte ich endlich wieder atmen. Ich fing sogar an, das Muttersein zu genießen. Wenn ich mein Kind beobachte, wie es mit anderen spielt und interagiert, zum Beispiel einem kleineren Kind beim Schuhe anziehen hilft, weiß ich: Ich habe alles richtig gemacht.
Ich glaube inzwischen, dass viele Frauen das Mutterwerden bereuen
Es hat Jahre gedauert, bis ich erfahren konnte, dass die Liebe zu einem Kind die größte Liebe ist, die sich empfinden lässt. Heute ist meine Tochter sieben Jahre alt und ich sehe vor allem die vielen schönen Seiten in unserem Zusammensein.
Dass wir zum Beispiel am Wochenende auch mal Fahrrad fahren gehen, wenn das Wetter nicht optimal ist. Und auch, dass durch Kinder oft Situationen entstehen, bei denen man ins Lachen kommt. Mittlerweile kann ich das sehr genießen, weil es mein Leben bereichert.
Ich glaube inzwischen, dass viele Frauen das Mutterwerden bereuen. Der Grund ist meiner Ansicht nach meistens die Überlastung. Je nachdem, wie die Rahmenbedingungen der Eltern sind, dauert es länger oder kürzer bis wieder Entspannung einkehrt.
Wenn ich mir rational anschaue, was Kinderhaben bedeutet, bin ich mir sicher, dass ich mich dagegen entschieden hätte. Doch zum Glück wusste ich das damals noch nicht.