Bottwartal-Marathon Kleine Siege für das dritte Geschlecht

Bis unterhalb der Burg Hohenbeilstein: Stets im Oktober rennen die Bottwartalläufer zwischen wenigen Hundert Metern und imponierenden 53 Kilometern. Foto:  

Beim Bottwartal-Marathon in Marbach gibt es erstmals die Möglichkeit, nicht nur als Mann oder Frau an den Start zu gehen, sondern auch unter der Rubrik „divers“. Das wirft aber auch Probleme auf.

Steinheim - Für Sebastian Coe, den britischen Welt-Leichtathletik-Chef und 800-Meter-Weltrekordler von 1981 bis 1997, ist die Sache klar: „Wir haben eine Wertung nach Männern und Frauen. Und nach Altersklassen.“ Caster Semenya durfte also ob ihres gemischt-geschlechtlichen Körperbaus – sie hat zweierlei Geschlechtsorgane – bei der WM in Doha nicht über 800 Meter starten. Punkt. Die schnoddrige Empfehlung der Leichtathletik-Bosse von 2009 gilt also heute noch: Wenn sich Semenya entmannt, also die Testikel wegschneiden lässt, und dadurch weniger Kraft verleihendes Testosteron in ihrem Körper zirkuliert, darf die lesbische Südafrikanerin wieder antreten.

 

Macht sie aber nicht. Die 28-Jährige lässt sich nicht diskriminieren. Sie spielt nächstes Jahr Fußball bei den JVW Girls. Die Kickerinnen sehen das offenbar nicht so eng, wenn eine in ihrem Team Eier hat.

Den Bottwartal-Marathon könnte Semenya aber mitlaufen. Dort gibt es auf der digitalen Anmeldemaske ein Kästchen für „weiblich“, eins für „männlich“ und eins für „divers“. Semenya könnte also auf das dritte Quadrat klicken und starten.

Eine Frage des Respekts

Für Gerhard Petermann, den Motor des Bottwartallaufs, ist die Rubrik eines dritten Geschlechts eine Frage des Respekts: „Wir können die Leute nicht zwanghaft zuweisen.“ Auch gegenüber Personen, die sich weder rein als Frau oder ganz als Mann empfinden, müsse Fairness gelten.

Nur: „Es war nicht unsere Initiative“, sagt Petermann, „wir sind da leider nicht Vorreiter.“ Der Absolvent Dutzender Marathons hat überhaupt erst gemerkt, dass es bei seinem Lauf jene ominösen drei Kästchen gibt, als er von Dritten darauf angesprochen wurde. Was kein Wunder ist, schließlich hat Petermann am 20. Oktober anderes zu tun, als am Steinheimer Steppi-Mammut-Kreisel die Schuhe zu schnüren und 42 Kilometer zu rennen. „Upps!?“ ist ihm entfahren, als er sich daraufhin probehalber angemeldet hat.

Zuständig für die digitale Verarbeitung

Nein, sagt Petermann, dieser Lorbeer gebührt Abavent. Jenem Zeitmessunternehmen aus Kempten, das über standardisierte Anmeldemasken Wettkämpfe in der halben Welt coacht. Der Firma, der das Orga-Team des Bottwartallaufs die digitale Verarbeitung des Rennens überlassen hat – aus Datenschutzgründen, weil die elektronische Zeitmessmatten für die unterschiedlichen Strecken haben, weil sie Ergebnisse von zig Tausend Läufern an einem Vormittag auswerten können. Nicht zuletzt, weil die sich um Abermillionen Euro Startgebühren kümmern. „Uns ist das mittlerweile zu heiß“, sagt Gerhard Petermann.

Eingeführt hat Abavent das dritte Kästchen zu Jahresanfang – aus Rücksicht auf eine Order der EU. Und mit Bauchschmerzen. Bisher sei „nicht zwingend“ vorgeschrieben, dass Veranstalter ein diverses Geschlecht berücksichtigen müssen, sagt Manfred Herz, Geschäftsführer bei der bayrischen Eventmanagement-Firma: „Aber solche Regelungen werden kommen.“ Unter 1000 Läufern sei einer nicht unklaren Geschlechts. Beim Einstein-Marathon in Ulm am 29. September etwa waren es drei von 12 000 Startern.

Die Diversen werden nach dem Vornamen einsortiert

Das Trio, sagt Herz, wurde bei den Frauen einsortiert, wenn ein Vorname weiblich klang. Alternativ bei den Männern. Denn „aus sportlicher Sicht ist eine dritte Kategorie nicht sinnvoll“, meint Herz. „Wenn Sie mich fragen, ist es sogar lächerlich“, die Veranstalter seien da schnell überfordert.

Der würdevolle Umgang mit Menschen eines zweideutigen Geschlechts ist zweifelsohne löblich. Aber er wirft Probleme auf. Wer sich nicht Frauen oder Männern zuordnen kann oder mag, bekommt beim Lauf entlang der Bottwar eine eigene Ergebnisliste, überlegt Gerhard Petermann.

Das ist machbar. Wird die beste Zeit bei den Diversen mit einem eigenen Preis ausgezeichnet? Dem gleichen wie der schnellste Mann und die schnellste Frau erhalten? Schwierig.

Zu erwarten ist, dass maximal eine Handvoll Personen als divers antritt. Womöglich eine beim Marathon, zwei bei der halb so langen Distanz, noch eine beim Zehnkilometer-Lauf, eine vielleicht in einer Staffel. Da die Wertung zu gewinnen, ist in Anbetracht fehlender Gegner ein Leichtes.: „Es droht eine Verwässerung in die Breite“, sagt Gerhard Petermann. Sprich, der Stellenwert eines Siegs sinkt. Wer hat den Berlin-Marathon gewonnen? Klar: Kenenisa Bekele, in 2:01:41 Stunden ist er um zwei Sekunden am Weltrekord vorbeigeschrammt, die arme Haut. Bei den Frauen: Bekere Ashete, auch aus Äthiopien. Die restlichen 40 000: blieben dahinter. Im Bottwartal gibt es mehr Sieger. Bei den Kinderläufen, bei einem Ultralauf über 53 Kilometer, bei einem Handicap-Lauf. Lauter Sieger werden am dritten Oktoberwochenende gekürt. Kenenisa Bekele lief Ende September als Erster durchs Brandenburger Tor, es war sein glänzender Triumph, alles schaute auf ihn. Bei der Zielankunft am Steinheimer Kreisverkehr passieren mit dem Sieger des 42-Kilometer-Rennens mittelstarke Halbmarathonläufer die finale Zeitmessung, weil sich die Wettkämpfe überlappen. Auch das ist eine „Verwässerung“. Petermann streitet das nicht ab.

Der Triumph des Kenenisa Bekele

Laufevents mit nur einer Strecke verlieren meist Jahr für Jahr an Teilnehmern. Beim Schönbuchlauf in Hildrizhausen (Kreis Böblingen) sind einst mehr als 1200 Athleten durch den Wald zwischen Herrenberg und Holzgerlingen gehetzt. Alle über 25 Kilometer. Jetzt, bei der 46. Auflage, treffen sich noch um die 400, um ebenfalls am 20. Oktober durch den herbstlich gefärbten Forst zu joggen. Der Bottwartallauf dieses Jahr sprengt dagegen locker die 4000-Teilnehmer-Marke, angemeldet sind bis dato 4070 Läufer.

Wenn jeder ein Sieger ist, ist jeder Sieger ein Jedermann

Und doch hebt der Organisationschef Petermann warnend den Finger. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns mit neuen Angeboten nicht selbst die Läufer wegnehmen.“ Wer beim Dreiviertel-Marathon startet, ist für den ganzen perdu. Es gebe schon Forderungen, bei einer der jüngeren Neuerungen, dem Urmenschlauf, nicht nur 53 Kilometer auf und ab und über Stock und Stein durchs Bottwartal unterwegs zu sein, sondern auch 35 Kilometer. Oder ein Rennen 60plus, weil die rüstigen Rentner unter sich bleiben wollen. Auch gibt es Läufer, die ein ärztliches Attest vorlegen, um wegen eines Handicaps mit einer besseren Zeit gelistet zu werden. Petermann dazu: „Wir müssen sagen, wo das Maß der Dinge ist.“

Bevor die Kannibalisierung überhandnimmt. Bevor jedermann ein Sieger ist und jeder Sieger ein Jedermann ist.

Für kleinere Veranstalter wird es schnell eng

Jetzt also auch die Kategorie „d“. Petermann zeigt sich aufgeschlossen. „Wir müssen uns da was einfallen lassen.“ Pokale sind schnell nachgereicht. Trotzdem hofft er, dass „nicht zu viele mit einem dritten Geschlecht kommen“. Denn, fragt er, wo sollen sich diese Sportler umziehen, wo duschen, wo auf die Toilette gehen? Der Bottwartallauf als Big Player in Baden-Württemberg könne das womöglich bewältigen. Kleinere Veranstalter aber mit 150 Startern – für die, sagt Petermann, „wird’s da schnell eng“.

Dort könnte Sebastian Coe wohl vorerst noch beruhigt an die Startlinie gehen. Gegen andere Männer. Mit ein paar Frauen. Und in seiner Altersklasse.

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