Frau und Sohn in Stuttgart getötet Familie ausgelöscht: 15 Jahre Gefängnis

Von George Stavrakis 

Das Landgericht Stuttgart hat den Mann, der seine Ehefrau und seinen 16-jährigen Sohn in Stuttgart-Riedenberg mit mehr als 80 Messerstichen umgebracht hat, wegen Totschlags verurteilt. Der Angeklagte sei psychisch krank, so die Richter.

Mit mehr als 80 Messerstichen Sohn und Ehefrau getötet: Jetzt ist der Angeklagte vom Landgericht Stuttgart verurteilt worden. Foto: SDMG
Mit mehr als 80 Messerstichen Sohn und Ehefrau getötet: Jetzt ist der Angeklagte vom Landgericht Stuttgart verurteilt worden. Foto: SDMG

Stuttgart - Der 53-jährige Mann auf der Anklagebank hat allen Prozessbeteiligten bis zuletzt Rätsel aufgegeben. Weil er als Baustellenkoordinator und Sicherheitsbeauftragter eines Energieunternehmens überfordert gewesen sei und Angst vor Entlassung hatte, habe er seine Familie ausgelöscht, so der Angeklagte. „Damit lässt sich solch eine Tat nicht erklären“, sagt Wolfgang Hahn, Vorsitzender Richter der 9. Strafkammer des Landgerichts. Es müsse zusätzlich eine psychische Komponente dafür geben, dass der Angeklagte seine 43-jährige Frau und seinen 16-jährigen Sohn am Morgen des 18. Oktober 2015 in der Wohnung in Riedenberg getötet hat – mit mehr als 80 Messerstichen.

Der psychiatrische Gutachter hatte dem Mann eine bipolare affektive Störung mit depressiven Schüben attestiert. „Auch wir zweifeln nicht daran, dass er eine psychische Krankheit hat“, so Hahn. Deshalb sei der 53-Jährige nur vermindert schuldfähig. Und deshalb komme auch die Höchststrafe nicht in Betracht. Also verurteilt ihn die Strafkammer am Montag wegen Totschlags in zwei Fällen zu 15 Jahren Gefängnis.

Seltsame und absurde Aussagen

Seltsam und teilweise absurd seien die Aussagen des Mannes gewesen, so der Richter. Den Hund habe er töten wollen, damit mehr Zeit für die Familie bleibe, hatte der 53-Jährige beispielsweise ausgesagt. Am Ende tötete er seine Frau, seinen Sohn und den Hund. Das Motiv für die Bluttat bleibt rätselhaft – auch weil das Gericht so gut wie nichts über die eheliche Situation in Erfahrung bringen konnte.

Die Familie hatte weitgehend isoliert in Riedenberg gelebt. Von der 43-jährigen Frau weiß man so gut wie nichts. Sie habe psychische Probleme gehabt, heißt es. Nachbarn mutmaßten, die 43-Jährige sei schwer krank, weil sie sich einmal komplett den Schädel rasiert hatte. Chemotherapie? Von einer Krebserkrankung ist nichts bekannt. In dem Handy der Frau waren nur zwei Kontakte gespeichert – der des Ehemannes und der des Sohnes. Auch der 16-jährige Gymnasiast galt als introvertiert. In der Familie habe eine große Sprachlosigkeit geherrscht, so der Gutachter, der von einem „pathologischen Familiengefüge“ und von einer „extremen Abschottung“ spricht.

Wahnhafte Angst vor dem sozialen Nichts

Der Angeklagte galt bei seinem Arbeitgeber als hochqualifiziert und zuverlässig – bis zum Juni 2015. Nachdem auf Baustellen zwei Beinahe-Unfälle passiert waren, steigerte sich der Angeklagte krankheitsbedingt immer mehr in Sicherheitsfragen hinein. Es gab Konflikte mit Kollegen, er schaute nachts und am Wochenende auf Baustellen vorbei und schrieb seinem Chef – ebenfalls nachts – Emails. Er befinde sich auf einem „Kreuzzug für Arbeitssicherheit“, so der Mann.

Er wurde freigestellt und in psychiatrische Behandlung geschickt. Er habe sich aber nicht krank, sondern gekränkt gefühlt, so Richter Hahn. Und er habe unter anderem seiner Therapeutin vorgespielt, es gehe ihm besser. Nach einem Frankreich-Urlaub mit seiner Frau und mehreren Wochen Auszeit trat er am 7. September 2015 wieder seinen Dienst an, um schnell festzustellen, dass er hoffnungslos überfordert war. In seiner wahnnahen Verzweiflung wuchs in dem Mann die Angst vor dem Absturz ins soziale Nichts. Wofür es keinen Grund gegeben habe, sagt der Richter.

Frau und Sohn hatten keine Chance

Am Morgen des 18. Oktober vorigen Jahres, vier Tage nach seiner letzten Therapiesitzung, habe sich der 53-Jährige entschlossen, sich, seine Frau, seinen Sohn und den Hund umzubringen, sagt Richter Hahn. Erst versuchte der Angeklagte, den Hund zu ersticken. Weil dies scheiterte, ging er in den Keller. „Ich brauchte ein großes Messer“, sagte er vor Gericht aus. Mit einem Beil, einer Axt und einem Messer kam er zurück in die Wohnung, wo er auf seine Frau traf. Er legte Beil und Axt ab und stach seiner Frau das Messer ins Gesicht, in den Hals, in den Oberkörper. Die 43-Jährige taumelte ins Kinderzimmer, wo der Sohn aufwachte. Ihm stach der Mann in den Hals und in die Brust. Am Ende hatte er der Frau 55 Stiche, dem Sohn 27 Stiche versetzt. Anschließend erstach er den Hund, schrieb seinem Chef zwei Emails, trank Unmengen Alkohol, schnitt sich die Arme auf und setzte schließlich um 9.42 Uhr einen Notruf ab. „Frau und Sohn hatten keine Chance“, sagt der Staatsanwalt.

Sonderthemen