Helferinnen berichten, dass sich an deutschen Bahnhöfe dubiose Personen herumtreiben, die Frauen aus der Ukraine einen Schlafplatz anbieten. Sabine Constabel vom Verein Sisters über die Gefahr für Geflüchtete, in die Hände von Menschenfängern zu geraten – und was dagegen nun getan werden muss.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Frauen auf der Flucht, die Opfer von Vergewaltigung und Menschenhändlern werden – das gibt es in jedem Krieg. Welchen Gefahren sind Ukrainerinnen in Deutschland ausgesetzt? Sabine Constabel, die sich als Sozialarbeiterin um Prostituierte kümmert und ihnen ein Sisters beim Ausstieg hilft, über die Masche von Loverboys und Freiern.

Frau Constabel, welche Gefahren drohen derzeit ukrainischen Frauen, die allein in Deutschland ankommen?

Unsere Mitglieder berichten, dass an den Bahnhöfen, auch hier in Stuttgart, dubiose Personen unterwegs sind, die Frauen Schlafplätze und Hilfe anbieten. Die Befürchtung ist, dass da auch Menschenhändler, so genannte Loverboys, unterwegs sind, die erst mal sehr nett zu den Frauen sind, sich um sie kümmern, vielleicht sogar die Sprache sprechen, aber irgendwann eine Gegenleistung einfordern und zu Zuhältern werden. Für die Frauen wird es schwierig, sich daraus zu befreien. Aber es sind auch Freier unterwegs, die nach einer Privathure suchen. Wir beobachten in den Freierforen im Internet eine Veränderung.

Welche?

Die Nachfrage nach ukrainischen Frauen steigt. Die Freier freuen sich schon auf ukrainische Frauen, auf gebildete Frauen, die sie als Abwechslung zu den rumänischen Armutsprostituierten betrachten, die in Deutschland die Mehrheit der Prostituierten ausmachen. Es zeigt sich eine absolute Menschenverachtung und Skrupellosigkeit gegenüber diesen geflüchteten Frauen. Deutschland mit seiner liberalen Prostitutionspolitik begünstigt das.

Weil es hierzulande kein Sexkaufverbot gibt?

Wir haben eine staatlich garantierte Infrastruktur für Prostitution mit Bordellen und Plattformen, auf denen Frauen angeboten werden. Solche legalen Strukturen begünstigen natürlich auch Straftaten wie Menschenhandel. Das muss sich dringend ändern. In Schweden etwa, gibt es trotz des Sexkaufverbots zwar auch illegale Prostitution, aber es ist für Menschenhändler ungleich schwieriger, Frauen in die Prostitution zu bringen.

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Wie können die Frauen jetzt kurzfristig geschützt werden?

Die Ankommenden müssen möglichst schnell registriert werden, damit auffällt, wenn jemand verschwindet. Polizei, aber auch ehrenamtliche Helfer müssen an den Bahnhöfen sehr aufmerksam sein. Die Polizei muss Verdächtige kontrollieren und bei Bedarf einen Platzverweis erteilen. Und jedes Privatquartier, das nun angeboten wird, muss vorher angeschaut werden.

Ist den Frauen die Gefahr bewusst?

Es wird aufgeklärt an den Grenzen und in den Zügen. Der Deutsche Rat von Betroffenen von Menschenhandel und Ausbeutung (Gestac) hat 20 000 Flyer drucken lassen und verteilt sie in den Grenzgebieten. Er hat auch ein Hilfetelefon eingerichtet. Prinzipiell kann es jede Frau treffen, nicht nur Alleinstehende, auch Frauen mit Kindern und Männern daheim. Menschenhändler machen da keinen Unterschied. Es ist leider in jedem Krieg so, dass Frauen dieser Gefahr ausgesetzt sind, Frauen, die schreckliches erlebt haben und mit dem Rücken zur Wand stehen. Das ist an Grausamkeit kaum zu überbieten.

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Zur Person

Helferin
Sabine Constabel ist seit über 30 Jahren als Diplom-Sozialarbeiterin in der Beratung und Betreuung von Prostituierten tätig. Als Vorsitzende des Vereins Sisters hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Prostituierten beim Ausstieg zu helfen.

Expertin
Die gefragte Sachverständige setzt sich außerdem für ein Sexkaufverbot nach dem Vorbild nordischer Länder in Deutschland ein. Die deutsche Gesetzeslage kritisiert sie scharf. Sie mache Bordelle und Zuhälter gesellschaftlich akzeptabel und lasse die ausgebeuteten Prostituierten allein.