Frauen helfen Frauen Filder Gewalt daheim ist schlimmer geworden
Bei Frauen helfen Frauen in Filderstadt finden Opfer häuslicher Gewalt Rat. Dabei fällt den Beraterinnen auf, dass nicht nur die Zahl der Fälle steigt.
Bei Frauen helfen Frauen in Filderstadt finden Opfer häuslicher Gewalt Rat. Dabei fällt den Beraterinnen auf, dass nicht nur die Zahl der Fälle steigt.
Filder/Esslingen - Viele der Gespräche, die unter die Haut gehen, beginnen mit Unsicherheit. „Ich weiß nicht, ob ich hier überhaupt richtig bin.“ Das sagen oft Frauen, die zum ersten Mal anrufen. Dann erzählen sie von Dingen, bei denen sie nicht wissen, ob es sich schon um Gewalt handelt. Im Gespräch offenbart sich, dass ihr Mann sie schlägt, oder dass es Geld nur gegen Sex gibt.
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Diesen Einblick in die hässliche Privatsphäre von Paaren auf der Filderebene haben die Mitarbeiterinnen von Frauen helfen Frauen Filder mit Sitz in Filderstadt. Sie sind ein Rettungsanker für Frauen, die allein nicht mehr weiter wissen. Der Verein hat ein Frauenhaus an einem geheimen Ort. Es gibt eine Interventionsstelle, die handelt, wenn die Polizei involviert ist. Und es gibt die Beratungsstelle, an die sich Frauen wenden können.
Um seine Arbeit machen zu können, ist der Verein auf finanzielle Hilfe angewiesen. Derzeit tourt der Zuschussantrag wieder einmal durch die Gremien. Beteiligt sind Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen, Ostfildern, Denkendorf und Neuhausen. Gemeinsam überweisen sie bisher 35 000 Euro im Jahr. Sie teilen den Betrag unter sich auf.
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In Filderstadt hat vergangenen Mittwoch das erste Gremium auf den Fildern über den Zuschuss beratschlagt. Es geht diesmal zusätzlich um eine Aufstockung von 10 000 Euro auf dann 45 000 Euro. Der Verein Frauen helfen Frauen hatte in der jüngsten Sitzung des Bildungs-, Kultur- und Sozialausschuss Filderstadt dargelegt, dass das Defizit die 10 000 Euro weit übersteige. Daraufhin hätten die Stadträte die Entscheidung vertagt, um mit den anderen Kommunen zu besprechen, ob der Zuschuss nicht höher ausfallen könnte, sagt der zuständige Bürgermeister Jens Theobaldt. Im Raum stehe der Vorschlag, das Defizit komplett zu begleichen. Von den 100 000 Euro, die der Verein jährlich brauche, übernehme das Land 28 000 Euro, so Theobaldt. Nun gehe es um die restlichen 72 000 Euro. Er sei am Mittwoch beauftragt, mit seinen Amtskollegen zu sprechen. Die erste Mail sei schon raus.
Wie wichtig die Arbeit des Vereins ist, verdeutlicht die Pandemie. Hatten sich 2019 68 Frauen an die Beratungsstelle gewandt, waren es 2020 insgesamt 86, dieses Jahr sind es schon 85, sagt eine Mitarbeiterin. Bei der Interventionsstelle – für Fälle, bei denen die Polizei im Spiel war – indes seien die Zahlen eher rückläufig. Das deckt sich mit dem Bild, das der Revierleiter Peter Kolwe jüngst im Bezirksbeirat Möhringen gezeichnet hat. Im Polizeirevier 4, das für die Filderbezirke zuständig ist und als größtes Stuttgarter Revier etwa 139 500 Einwohner betreut, habe man lange Zeit keine signifikante Zunahme häuslicher Gewalt feststellen können, sagte er. Weder im ersten Lockdown im Frühjahr 2020, noch im zweiten Lockdown vergangenen Winter. „Aktuell verzeichnen wir eine leichte Zunahme.“ Revierleiter Kolwe mutmaßt, dass es mit der Jahreszeit, in der die Menschen wieder mehr Zeit drinnen verbrächten, zusammenhänge. Ebenso mit der Coronapandemie, die wieder Einschränkungen brächte.
Dass Corona das Zuhause mitunter in ein Gefängnis verwandelt hat, bestätigt die Mitarbeiterin von Frauen helfen Frauen. „Das begleitet uns bei fast jeder Beratung.“ Weil die Frauen den Männern ausgelieferter sind. Weil es weniger Möglichkeit gibt, bei Freunden unterzukommen. Weil es bei Homeoffice und Homeschooling schneller zu Reibereien kommt. Offenbar hat Corona die Gewalt zudem intensiver gemacht. „Wir stellen fest: Die Gewalt wird schwerer“, sagt die Mitarbeiterin. Die Fälle seien öfters „risikobehaftet“, wie sie sagt. „Das zieht sich so durch die Lockdown-Zeit.“ Sie erinnert an einen Fall in Kemnat im August, als eine Frau getötet worden war.
Wenn Frauen mit Gewaltgeschichten am Telefon sind, wie geht es dann weiter? „Jedes Gespräch ist anders“, sagt sie. Manche wollen ihr Herz ausschütten, andere haben Fragen: Wo können sie hin? Wie läuft das mit dem Geld? Wie ist die Rechtslage? Die Frauen denken oft, sie seien schuld. Das weisen die Beraterinnen klar zurück. Sie geben dem Mann die Schuld am gewalttätigen Verhalten. Und sie erzählen auch etwas über Gewaltstrukturen und die Gewaltspirale.
Manche wollen bei den Männern bleiben, andere nicht. „Eine Trennung in so einer Zeit jetzt ist noch schwieriger.“ Die Mitarbeiterinnen sind an die Schweigepflicht gebunden. Nur wenn der Eindruck entsteht, dass es lebensgefährlich wird, werde man drängender. Zwei bis fünf Kontakte hätten sie mit Frauen. In den meisten Fällen bekommen sie nicht mit, wie es ausgeht. „Wir sind Begleiterinnen auf einem Teil des Wegs.“