Frauen in den Wechseljahren Warum ein „Hormonbauch“ bedenklich ist und wie man ihn weg bekommt

Bei Frauen im mittleren Alter kommt es häufiger zu einem „Hormonbauch“. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Viele Frauen achten auf ihre Ernährung und machen Sport, trotzdem nehmen sie am Bauch zu. Eine Ärztin erklärt, warum man dies ernst nehmen sollte und was man dagegen tun kann.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Carolin Klinger (klic)

Bei vielen Frauen zwischen 40 und 50 Jahren wird der Bauch plötzlich dicker. Die Ärztin Viktoria Schelle macht in ihrem Ratgeber „Hormonbauch“ darauf aufmerksam, dass es dabei nicht um ein rein optisches, sondern um ein gesundheitliches Problem geht.

 

Frau Schelle, Sie haben Ihren Ratgeber „Hormonbauch“ genannt – das klingt unschön. Was ist damit gemeint?

So habe ich auch reagiert, als mir zum ersten Mal eine Patientin gegenübersaß, die diesen Begriff verwendete. Sie sagte mir, dass sie sich gesund ernähren und Sport machen würde und eigentlich schlank sei, nur ihr Bauch sehe aus, als wäre sie schwanger. Sie fragte mich, ob das ein „Hormonbauch“ sein könne. Zunächst habe ich gedacht, dass es wieder einer dieser Modebegriffe sein könnte, denn es ist kein wissenschaftlicher Begriff. Doch ich hatte immer wieder Frauen bei mir, die sich viel bewegten und auf ihre Ernährung achteten, doch im Alter zwischen 40 und 50 Jahren einen dicken Bauch bekommen. Dieses Phänomen ist wissenschaftlich belegt: In den Wechseljahren lagern Frauen tatsächlich mehr inneres Bauchfett an, was mit der hormonellen Umstellung zusammenhängt. Für meinen Ratgeber habe ich deshalb diesen Begriff verwendet, um die Frauen wach zu rütteln und Aufmerksamkeit zu bekommen, weil sie dieses innere Bauchfett ernst nehmen sollten.

Manchen Frauen wird es aus optischen Gründen nicht gefallen, wenn der Bauch dicker wird. Aber ist es darüber hinaus ein Problem?

Mir ist es wichtig, genau das klarzumachen: Es geht mir nicht um ein ästhetisches Problem. Was mich wirklich schockiert hat war, dass die Blutwerte dieser Frauen überhaupt nicht zu dem gesunden Lebensstil passten, den sie pflegten. Eine meiner Patientinnen ist Yogalehrerin, eine andere ist täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Doch die Blutzuckerwerte waren grenzwertig erhöht und sie hatten Bluthochdruck, obwohl der Blutdruck früher bei ihnen immer normal oder sogar zu niedrig war. Damit erhöht sich auch das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen, Demenz und bestimmte Krebsarten. Der „Hormonbauch“ ist ein sichtbares Zeichen für sich verändernde Stoffwechsel-Prozesse. Wenn Frauen dann in die Wechseljahre kommen, die Hormone verrücktspielen und Östrogenmangel und zu hohe FSH-Spiegel dazu kommen, verschärft sich das Problem noch. Bei manchen Frauen, die chronisch im Stress sind, steigen zudem die Cortisol-Werte an, was wiederum zu mehr innerem Bauchfett führt.

Jede Frau kann einen „Hormonbauch“ bekommen

Viktoria Schelle hat sich auf Frauengesundheit spezialisiert. Foto: Sergej Schelle

Und jede Frau kann einen „Hormonbauch“ bekommen – auch wenn sie bisher immer schlank war?

Ja, deshalb ist die Aufklärung auch so wichtig. Schon Frauen zwischen 30 und 40 Jahren sollten sich präventiv damit befassen, auch wenn sie denken, dass sie das noch nicht betrifft. Sie sollten abklären lassen, ob das, was sie an Sport und Ernährung machen, auch wirklich zu ihnen und zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen passt.

Warum sind Diäten keine gute Idee, wenn man das Bauchfett wegbekommen will?

Kalorien zählen allein bringt in dieser Lebensphase nichts, entscheidend ist, was auf dem Teller liegt, nicht nur wie viel. Bei vielen Frauen, die in die Perimenopause kommen, sind Diäten sogar eher kontraproduktiv. Denn dadurch besteht das Risiko, dass sie zu wenig Eiweiß und Mikronährstoffe aufnehmen. Dies wird aber immer wichtiger, je älter wir werden, da wir sonst Muskeln abbauen und damit steigt das Osteoporose-Risiko. Wenn ich also mit meinen Patientinnen in die Ernährungsanalyse gehe, dann finde ich da oft kein unvernünftiges Essen wie Fast Food. Aber ich finde zu wenig nährstoffreiches Essen.

Viele Frauen gehen von der Waage aus und sind zufrieden, wenn das Gewicht gleich bleibt oder abnimmt.

Aber das ist trügerisch, wenn sich die Körperzusammensetzung ändert. Sie nehmen an Körperfett zu und verlieren an Muskelmasse – auf der Waage ändert sich deshalb zunächst nichts. Doch die Frauen merken, dass sie schlapper werden. Dann sollten sie wirklich zum Arzt gehen und eine Körperanalyse machen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass viele Frauen zwar schon sportlich sind, aber den falschen Sport machen. Was wäre richtig?

Viele Frauen machen Cardio – also sie joggen oder walken. Typisch ist auch Yoga oder Aerobic. Das ist zwar gut für das Herz-Kreislaufsystem. Was viele aber nicht machen, ist effizientes Krafttraining und das ist essenziell für den Erhalt der Muskelmasse. Zusätzlich brauchen wir die Ernährung, die Mikronährstoffe, Proteine und gute Fette liefert, um Muskeln aufzubauen. Dann wird auch der Bauch flacher.

Also müssen wir zwar keine Kalorien mehr zählen, aber dafür Proteine? Denn es ist gar nicht so einfach, auf die empfohlene Menge am Tag zu kommen. Beispielsweise müsste man vier bis fünf Eier für 30 Gramm Proteine bei einer Hauptmahlzeit essen.

Ein Omelett aus vier bis fünf Eiern oder 150 Gramm Lachs, das schafft man vom Volumen her gut. Und ja, Eier sind gesund. Den Mythos, dass sie schaden, können wir endlich hinter uns lassen. Am Anfang kann es sinnvoll sein, die Mengen einmal abzuwiegen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob wirklich genug Eiweiß und Ballaststoffe auf dem Teller landen. Mit der Zeit entwickelt sich das von selbst. Entscheidend ist: Das Ernährungskonzept muss in den Alltag passen, sonst hält man es einfach nicht durch.

Welche Ernährungsform würden Sie empfehlen?

Die ausgewogene mediterrane Ernährungsweise ist gut untersucht. Noch besser gegen das Bauchfett schneidet die grüne Mittelmeer-Ernährung ab. Dort werden noch mehr Polyphenole integriert – zum Beispiel durch grünen Tee und Wasserlinse (Mankai).

Es kommt also auf die richtige Ernährung und Kraftsport an, wenn man dem Bauchfett den Kampf ansagen will. Was ist noch wichtig?

Wichtig ist, regelmäßig eine Körperanalyse zu machen, um zu überprüfen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Außerdem gibt es bei Frauen aber noch zwei wichtige Faktoren, die das Bauchfett begünstigen: schlechter Schlaf und Stress.

Welchen Faktor gehen Sie bei Ihren Patientinnen als erstes an?

Definitiv den Stress, noch vor Ernährung und Sport. Ich habe Patientinnen, die auch während einer Meditation ihren Stresspegel nicht senken können – dann bringt das auch nichts. Und wenn man gestresst ist, schläft man nicht gut. Dadurch verbrennt man nachts weniger Körperfett und hat tagsüber mehr Heißhunger. Ich lasse meine Patientinnen Tagebuch darüber führen, um herauszufinden, was ihre Stressfaktoren sind und wie sie Entlastung finden können.

Wie ist es mit Genussmomenten, die das Leben ja auch ausmachen? Ein Eis in der Sonne mag zwar ungesund sein, dient aber vielleicht der Entspannung.

Ich verfolge das 80-zu-20-Prinzip. Wenn 80 Prozent für den Körper sind, können 20 Prozent für den Genuss sein. Ein Eis ist also völlig in Ordnung. Doch man sollte es dann bewusst genießen und nicht zum Trost oder aus Langeweile zu Ungesundem greifen.

Info

Zur Person
Dr. med. Viktoria Schelle ist Privatärztin und hat sich auf Präventions-, Ernährungs-, Hormon- und Lifestylemedizin spezialisiert. Ihre Praxis betreibt sie in Mainz. Ihr Ratgeber „Hormonbauch“ ist im Stuttgarter Trias-Verlag erschienen.

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