Weltweit gibt es rund 430 Kreuzfahrtschiffe, doch nur zehn davon haben eine Frau als Chefin auf der Brücke. Eine der Kapitäninnen ist die gebürtige Mannheimerin Kristina Steinle
Die Heimat der frisch beförderten Kapitänin ist nicht gerade für ihre Seefahrertradition bekannt. Kristina Steinle wurde in Mannheim geboren und wuchs in Feilitzsch in Oberfranken auf. Sanfte Kuppen, weite Täler und viel Landwirtschaft – ein hübscher Landstrich im Drei-Länder-Eck zwischen den Freistaaten Bayern, Thüringen und Sachsen. Wer ans Meer möchte, muss erst mal ein paar Stunden reisen. „Die Liebe zum Wasser habe ich von meinen Großeltern“, erklärt die 37-Jährige.
Opa Walter und Oma Erna hatten ein Sportboot, das meistens auf dem Rhein bei Mannheim lag. „Als wir klein waren, haben mein Bruder und ich fast alle Ferien bei ihnen verbracht und sind dann gemeinsam zum Baden gefahren“, erzählt Kristina Steinle. Manchmal lud die Familie das Acht-Meter-Boot auch auf einen Spezialanhänger und fuhr damit bis nach Kroatien. Man ankerte in einer Bucht, ging schwimmen. Viele schöne Erinnerungen sind mit dieser Zeit verbunden: der Stolz auf den ersten Kopfsprung ins Wasser, faul in der Sonne liegen, Maultaschen in der Brühe, erwärmt auf dem Campingkocher.
Die Erfüllung eines Kindheitstraumes
Noch heute isst Kristina Steinle das baden-württembergische Nationalgericht für ihr Leben gerne – allerdings am liebsten in der Pfanne angebraten und mit ordentlich Ketchup dazu. „Ich habe zu Hause immer welche im Gefrierschrank“, verrät sie. Die bootsbegeisterten Großeltern wären sicher sehr stolz, dass ihre Enkeltochter nun vier Streifen auf den Schulterklappen und die Verantwortung auf einem etwas größerem Schiff trägt – die „Aida Luna“ ist 252 Meter lang und 32 Meter breit, bietet Platz für 2200 Passagiere und rund 500 Besatzungsmitglieder. Leider können es Walter und Erna nicht mehr miterleben.
Dass es Kristina Steinle so weit gebracht hat, liegt neben ihrem Ehrgeiz und Fleiß an der möglicherweise geerbten technischen Begabung: Ihr Vater hat Maschinenbau studiert und arbeitete als Prüfingenieur, die Mutter ist gelernte Gas-Wasser-Installateurin. Den Sohn zog es in die IT, die Tochter in die Ferne aufs Schiff. Schon in der Grundschule träumte sie von Reisen und Abenteuer und wollte unbedingt Kapitänin werden: „Damals war das eine fixe Idee, aber nach dem Abi dachte ich: warum eigentlich nicht?“ Sie diktierte das damals auch den Reportern der Lokalzeitung in den Block, die die Jahrgangsbesten der beiden Gymnasien in Hof nach ihren Zukunftsplänen befragten.
Die meisten Schulkameraden mit Top-Durchschnitt wollten Jura oder Medizin studieren. Kristina Steinle, Leistungskurs Mathe und Geschichte, Abi-Note 1,2 – keine Streberin, sondern eine, „von der man immer abschreiben durfte“ - hatte ein Fach ohne Numerus clausus im Sinn: Nautik.
Sie immatrikulierte sich an der Hochschule Bremen und wurde direkt auf See geschickt: „Die Ausbildung begann damals mit einem Praxissemester. Wie ich finde, eine sehr sinnvolle Sache, weil dann merkt man gleich, ob das was für einen ist.“ Kristina Steinle fuhr als einzige Frau und einzige Deutsche auf einem Containerschiff von Bremerhaven über den Atlantik in die USA, durch den Panamakanal und dann bis Neuseeland und Australien und wieder zurück.
Fünf Frauen unter 80 Nautik-Studierenden
Monatelang auf See, raue Wellen, rauer Umgangston. Doch die junge Dame aus Oberfranken bewährte sich in der männerdominierten Branche. Ihr Nautikstudium absolvierte sie als eine von fünf Frauen unter 80 Studierenden, 2012 hatte sie den Abschluss in der Tasche. Ein Jahr später wechselte die Wirtschaftsingenieurin für Seeverkehr als Dritte Offizierin zum in Rostock ansässigen Unternehmen Aida Cruises. Ihre Bordeinsätze führten sie auf zahlreiche Schiffe der Flotte, darunter „Aida Prima“, „Aida Perla“, „Aida Sol“ oder „Aida Nova“.
Zur „Aida Luna“ hat sie eine besondere Beziehung: auf diesem Schiff startete Kristina Steinle vor knapp 13 Jahren ihre Kreuzfahrt-Karriere. Mit ihrem ersten Einsatz als Kapitänin überführte sie nun das frisch modernisierte Schiff von den Kanarischen Inseln nach Hamburg. Von dort geht es ab April auf Reisen Richtung atlantische Westküste, England, Irland und Norwegen bis hoch nach Spitzbergen. „Ich freue mich auf neue Häfen und neue Herausforderungen“, sagt Kristina Steinle. „Jeder Tag an Bord ist anders – das liebe ich an meinem Beruf.“
„Die Seefahrt ist nicht gerade familienfreundlich“
Rund 430 Kreuzfahrtschiffe gibt es weltweit. Hochrangige weibliche Führungskräfte in der Schifffahrt kann man aber an nur zwei Händen abzählen. Im Moment sind es zehn, macht also einen Frauenanteil von 2,33 Prozent. Frauen im Cockpit eines Verkehrsflugzeuges findet man etwas häufiger: laut der Society of Women Airline Pilots sind 5,8 Prozent der kommerziellen Piloten weltweit weiblich. Zum Vergleich: Frauen stellen rund 11 Prozent der Astronauten und etwa 14 Prozent der Staatschefs weltweit.
Warum die Zahlen in der Kreuzfahrt so gering sind? „Die Seefahrt ist nicht gerade familienfreundlich“, sagt Kristina Steinle und erklärt, dass man immer abwechselnd mehrere Monate auf dem Schiff und dann mehrere Monate zuhause sei. Nach eigenen Angaben engagiert sich Aida Cruises mit vielseitigen Initiativen für Frauen, sowohl an Bord als auch Land. „Wir beschäftigen derzeit 26 weibliche nautische Offiziere an Bord der Flotte. Der Frauenanteil liegt insgesamt bei 65 Prozent, an Bord der Schiffe bei 24 Prozent und in nautischen Berufen an Bord bei neun Prozent mit steigender Tendenz“, sagt Sprecherin Nadine Maraschi.
Die Schwedin Karin Stahre-Janson war 2007 die erste Frau überhaupt, die das Kommando über ein großes Kreuzfahrtschiff erhielt. Sie wurde Kapitänin auf der „Monarch of the Seas“ von Royal Caribbean. Heute ist sie pensioniert und lebt in Göteborg. 2018 machte Nicole Langosch Schlagzeilen: als erste Deutsche übernahm die 1983 geborene Hessin die Kapitänsposition auf der „Aida Sol“. Inzwischen wechselte sie an Land: Nicole Langosch-Thorman arbeitet Angaben aus Fachkreisen zufolge als Director Expedition für das Hamburger Unternehmen Bernhard Schulte Shipmanagement.
In den Fußstapfen der hiesigen Pionierin sind nun gleich zwei junge Deutsche auf den Weltmeeren unterwegs: Im Januar bekam Kira Schikorr aus Neustadt in Holstein (38) das Kommando auf der „Mein Schiff 6“ von Tui Cruises. Im März folgte die wenige Monate jüngere Steinle. Beide repräsentieren eine junge, moderne Generation von Frauen.
Bewusst hat sich Kristina Steinle für die Funktionsbezeichnung „Kapitänin“ entschieden. „Frau Kapitän mag ich nicht so gerne. Das hört sich an wie die Frau des Kapitäns“, sagt die 37-Jährige und lacht. Als „ehrlich, direkt, offen und auf Augenhöhe“ beschreibt sie ihren Führungsstil. „Als Kapitänin möchte ich dem Team Freiräume geben, dass sie sich auch entfalten können. Ich bin da, wenn sie Hilfe brauchen, aber sie sollen auch selbst agieren können. Wir sind ein Team, und nur wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, können wir unser Ziel erreichen: dass unsere Gäste einen wundervollen Urlaub haben.“
Info
10 Kapitäninnen
gibt es im Moment (Stand März 2026) auf Kreuzfahrtschiffen weltweit: