Frauen in Leggings Und dann kannst du mich von hinten sehen
Frauen sind immer öfter so angezogen, als kämen sie gerade aus dem Fitnessstudio. Ein Kleidungsstück fällt dabei besonders auf.
Frauen sind immer öfter so angezogen, als kämen sie gerade aus dem Fitnessstudio. Ein Kleidungsstück fällt dabei besonders auf.
Montagmorgen am Stuttgarter Marienplatz, vor der Auslage an der Theke des Cafés Kaiserbau steht eine Frau in schwarzen Leggins, ihre weißen Sportsocken hat sie weit hoch gezogen, sie steht mit dem Rücken zum Raum. Man muss ihr unweigerlich auf Beine und vor allem auf den Po schauen. Sie trägt eine der sogenannten Scrunch Bum Leggings, die im sozialen Medium Tiktok bekannt geworden sind und seit einiger Zeit einen Siegeszug in der Fitnessmode für Frauen angetreten haben.
Das Besondere an diesen eng anliegenden Hosen ist eine Naht am Po, die den Stoff so rafft, dass dieser tief in die Pofalte gezogen wird. Das Hinterteil wird hoch gedrückt und damit betont. Auf diese Weise soll der Hintern groß und rund, optisch wie ein hübscher praller Pfirsich wirken.
Wir stellen fest: Bei der Frau an der Theke funktioniert es, und schauen eine Weile fasziniert hin. Kommt sie eigentlich gerade vom Sport? Das kann man mittlerweile bei vielen Frauen kaum noch sagen, denn die Athleisure Wear, also Sportkleidung, trägt man jetzt auch im Alltag. Was dem Rentner die Funktionskleidung, sind dem Millennial und der Generation Z ihre Sporthosen.
Junge bis mittelalte Frauen in Leggings sitzen im Café, stehen vor der Eisdiele, arbeiten im Büro, schieben einen Kinderwagen durch die Stadt oder besuchen ein Konzert. Nicht immer werden sie davor gejoggt und noch nicht zum Umkleiden gekommen sein. Vielmehr sind die Sportleggings zum Alltagskleidungsstück geworden.
Jüngere tragen dazu oft nichts anderes als einen Sport-BH, ziehen aber die hellen, dicken Sportsocken weit nach oben. Das wirkt, als würden sich ihre beiden Körperhälften in unterschiedlichen Klimazonen bewegen. „So kalt, da brauche ich dicke Strümpfe“ – oder: „So heiß, da nehme ich gar kein T-Shirt“. Frauen über 40 hingegen haben noch nicht mitbekommen, dass sie die unbequemen Füßlinge, die an der Ferse sowieso immer nach unten rutschen, jetzt getrost im Schrank lassen können. Praktischer und angesagter sind doch Tennissocken!
Jenseits der Sportmode ist die Kleidung längst so weit geworden, dass Frauen untenrum in ihren Pluderhosen verschwinden. Da ist es kein Wunder, dass sich die Leggings als Gegenentwurf anbieten. Wie sonst sollte man auch die Fortschritte aus dem Gym vorführen? Den optimierten Körper, dem kein Weißmehl zugeführt wird, der mit „Hip Thrusts“ – Hüftstoßen mit Gewicht – gequält wird für einen prallen Po.
Die Scrunch Leggings nun sind die logische Fortführung der normalen Leggings, präzisieren sie schließlich den Gedanke der zweiten Haut. Cellulite wird dabei erstaunlich selbstbewusst zur Schau gestellt, und auch sonst: Trotz der Abnehmspritze Ozempic und der omnipräsenten Rufe vom Ende der Body Positivity sieht man gerade bei jüngeren Frauen in der Leggingsmode viel Selbstbewusstsein bei unterschiedlichen Körpermaßen.
Das Schönheitsideal ist offenbar weiterhin der starke, natürliche oder feminine Körper – jedenfalls nicht der abgemagerte. Studien zeigen, dass das Idealbild des weiblichen Körpers stark mit dem Frauenbild zusammenhängt. Je konservativer das Bild im Sinne von Mütterlichkeit und bevorzugter Häuslichkeit, desto beliebter die klassische Sanduhrfigur.
Man könnte auch mutmaßen, dass der Fokus, den Frauen mit Leggings nun auf ihr Hinterteil legen, einer anderen Logik folgt: Da junge Frauen Männern zunehmend einen Schritt voraus sind, was Schule, Ausbildung und Beruf angeht, können Männer Frauen nur noch von hinten sehen. Da gilt es für Frauen, Wert auf die richtige Präsentation der Rückseite zu legen.