Frauen-Nationalelf Macht Ann-Katrin Berger Schluss?

Ist Ann-Katrin Berger bald nicht mehr am Ball für Deutschland? Foto: IMAGO/NurPhoto

Die 34-jährige Nationaltorhüterin Ann-Katrin Berger spricht nach ihrer bärenstarken EM in der Schweiz offen über ein mögliches Karriereende in der DFB-Elf.

Sport: Marco Seliger (sem)

Kürzlich saß Ann-Katrin Berger schon am Rand der großen Fußballbühne. Beim EM-Finale in Basel nahm die deutsche Nationaltorhüterin auf der Tribüne Platz, und das, na klar, aus gutem Grund. Ihre Lebensgefährtin Jess Carter stand für England auf dem Rasen und gewann mit ihrem Team gegen Spanien im Elfmeterschießen. Berger hatte eine Mütze auf und blieb fast unerkannt, sie freute sich im Kreise von Carters Familie mit – und womöglich war der Erfolg ihrer Partnerin ja doch ein kleiner Trost für das bittere Halbfinal-Aus gegen die Spanierinnen, an dem Berger ihren Anteil hatte ob ihres Patzers in der Verlängerung, als sie gegen die Weltfußballerin Aitana Bonmatí die kurze Ecke offengelassen hatte.

 

Die Aufarbeitung des ansonsten bärenstarken Turniers ist für die 34-jährige Göppingerin in vollem Gange. Und diese Aufarbeitung geht so weit, dass sich Berger Gedanken macht, ob sie überhaupt nochmal für Deutschland im Tor stehen will.

Das erste Ligaspiel nach der EM in der US-Profiliga namens National Women’s Super League (NWSL) hat die Keeperin für ihren New Yorker Club Gotham FC bereits absolviert, bei den Chicago Red Stars gab es ein 1:1. Doch der Alltag in der Liga ist aktuell Nebensache für Berger – weil sie sich längst übergeordnete Gedanken macht, was ihre Karriere im DFB-Team angeht.

Das Alter ist nicht das Problem

Es sei gerade ein längerer Prozess, „sich zu sammeln und die Emotionen des EM-Turniers hinter sich zu lassen“, sagt Berger: „Dann wird man sehen, was ich mache.“ Das ständige Hin- und Herfliegen von den USA nach Deutschland mit Zeitverschiebung und Jetlag seien ein Grund, die DFB-Karriere auf den Prüfstand zu stellen, so sagt das die Torhüterin. Das Alter sei dabei gerade auf ihrer Position weniger das Problem („das ist wie feiner Wein, man wächst darin“), sondern der hohe Anspruch an sich selbst: „Ich muss da auch selbstkritisch mit mir sein, weil auf so einem hohen Niveau zu spielen, bedeutet schon viel, viel Kraftaufwand.“

Ann-Katrin Berger wird die Entscheidung mit dem langfristigen Blick auf die WM 2027 in Brasilien treffen, auch mit dem Gedanken an den Bundestrainer Christian Wück, der laut Berger ja womöglich eine Verjüngung auf der Position der Torhüterinnen wolle.

Berger selbst sagt, dass „unfassbar viele gute junge Torhüterinnen nachkommen“. Doch ihre Vertreterinnen Stina Johannes (25/VfL Wolfsburg) und Ena Mahmutovic (21/FC Bayern) müssen sich erstmal auf Top-Niveau bei ihren Clubs durchsetzen. Sophia Winkler wiederum, die im Sommer von der SGS Essen zu Eintracht Frankfurt gewechselt ist, arbeitet gerade an ihrem Comeback. Die 22-Jährige, die im November 2024 ihr Länderspieldebüt gegeben hatte, hat sich im Februar bei einer Trainingseinheit auf dem DFB-Campus in Frankfurt einen Kreuzbandriss zugezogen.

Unter Hrubesch zur Stammkraft

Fakt ist, unabhängig von den drei Keeperinnen mit großem Potenzial: Wer Berger kürzlich bei der EM gesehen hat, der weiß, dass sie im Grunde unverzichtbar ist. Als Torhüterin. Und als Persönlichkeit. Denn die Frau, die unter dem damaligen Bundestrainer Horst Hrubesch zur Stammkraft wurde und mit mehreren Elfmeterparaden die Garantin für den Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2024 war, legte beim Turnier in der Schweiz beeindruckende Auftritte hin – auf dem Platz und daneben.

Ihre epische Parade im Viertelfinale gegen Frankreich, als sie eine Bogenlampe im Zurückfliegen von der Torlinie kratzte, wird im kollektiven Fußballgedächtnis bleiben: als eine der spektakulärsten (und besten) Rettungsaktionen der Geschichte. Auch im Halbfinale gegen Spanien hielt Berger bärenstark, bis ihr der spielentscheidende Patzer unterlief, der sie noch immer beschäftigt: „Ich habe versucht, auf dem Rückflug in die USA einen Haken daran zu machen, würde aber lügen, wenn ich sagen würde, dass der Gedanke an das Tor schnell wieder weg war.“

Der Gedanke ans bittere Gegentor wird wohl immer bleiben – ebenso wie Bergers Wirken im Binnenleben der deutschen Elf. Die Geschichte der Torhüterin ist bekannt: Sie war zweimal an Schilddrüsenkrebs erkrankt, kämpfte sich jedes Mal wieder zurück in den Leistungssport – und ist nun stärker denn je. „Ihr Lebensweg hat sie, glaube ich, dahin gebracht, so ruhig kritische Situationen zu bewältigen“, sagte Bundestrainer Wück bei der EM dazu: „Diese Ruhe und Sicherheit, die sie ausstrahlt, ist für unser Teamgefüge unheimlich wichtig.“

„All we have is now“ hat sich Ann-Katrin Berger über ihre Narben tätowieren lassen. Im Moment zu leben ist zu ihrem Lebensmotto geworden, weil sie weiß, wie schnell sich alles ändern kann. In diesen Tagen aber denkt die Torhüterin über den Moment hinaus – und damit an ein mögliches Karriereende im Nationalteam.

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