Frauen-Sucht-Beratungsstelle Lagaya in Stuttgart Hinterm Erfolgsrezept steckt Mut zum Risiko

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Ulrike Ohnmeiß gibt nach 26 Jahren die Geschäftsführung der Frauen-Sucht-Beratung Lagaya ab. In ihrer Amtszeit ist das Angebot erweitert worden – bis hin zur Aufklärung über die Gefahren in sozialen Netzwerken.

Ulrike Ohnmeiß mit Bürgermeister Werner Wölfle. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Ulrike Ohnmeiß mit Bürgermeister Werner Wölfle. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Der Blick vom Schreibtisch aus geht direkt zum Rathaus. Dort hat Ulrike Ohnmeiß beharrlich für die Interessen der Frauen-Sucht-Beratungsstelle Lagaya gekämpft. Jetzt verlässt sie nach 26 Jahren ihren Posten als Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins. „Ich habe mir das zum 63. Geburtstag geschenkt. Ich will beruflich weniger machen.“

Ganz aufhören kann sie aber nicht: „Ich bin mit Leib und Seele dabei.“ Deshalb wird sie bei Lagaya weiter in der Beratung tätig sein. Dafür hat die Sozialpädagogin in den vergangenen eineinhalb Jahren eine Zusatzausbildung gemacht: Achtsamkeitslehrerin ist sie jetzt. Die deutsche Übersetzung trifft es nicht ganz, denn bei dem US-amerikanischen Konzept geht’s um Stressbewältigung durch Meditation und eine bessere Körperwahrnehmung.

Ausgleich für Körper und Geist

Ulrike Ohnmeiß hatte diese Methode zunächst für sich persönlich entdeckt, denn als Geschäftsführerin einer Frauen-Sucht-Beratungsstelle brauchte sie einen Ausgleich zu den vielen Problemen, mit denen sie tagein, tagaus konfrontiert war. „Früher bin ich mit meinem Hund durch den Wald gerannt“, erzählt sie. Der Hund lebt seit einigen Jahren nicht mehr – aber Ulrike Ohnmeiß kündigt schmunzelnd an, dass es sicher bald einen Nachfolger geben wird, wenn sie jetzt ihre Arbeitszeit um die Hälfte reduziert. „Bisher habe ich häufig bis 19 Uhr gearbeitet“, berichtet sie. Mit einem normalen Achtstundentag sei das Pensum nicht zu bewältigen gewesen.

Gelegenheiten beim Schopf packen

Als sie die Aufgabe annahm, verbarg sich hinter dem Namen Lagaya noch ein kleines überschaubares Beratungsangebot für Frauen, 1986 gestartet in einer Teestube. Auch Ulrike Ohnmeiß war anfangs als Beraterin tätig, bis die Geschäftsführung schließlich nicht mehr nebenbei zu erledigen war, zumal sie das Angebot für Frauen mit Alkohol- und Drogenproblemen oder Essstörungen weiterentwickeln wollte. Die meisten der Ratsuchenden haben solche Probleme. Gerade erst wurde für Frauen mit Essstörungen eine Wohngemeinschaft eingerichtet. „Es war ein Glücksfall, denn wir bekamen dafür ein Häuschen angeboten“, sagt Ulrike Ohnmeiß. „Günstige Gelegenheiten kann ich nicht vorübergehen lassen. Aber dazu braucht es natürlich auch Kolleginnen – und etwas Mut zum Risiko.“

Die Beratungsstelle beschäftigt heute zwölf Mitarbeiterinnen, gestartet ist sie mit drei. Eine Zeit lang sei es finanziell sehr schlecht um Lagaya bestellt gewesen, so Ohnmeiß: „Da war immer die bange Frage, ob wir das hinkriegen. Das zehrt an einem.“

Zwölf Wohngruppen für betroffenen Frauen

Während ihrer Amtszeit hat sich aus der Suchtberatung ein verzweigtes Angebot mit derzeit zwölf betreuten Wohngruppen entwickelt. Hinzu kommen die Prävention für Mädchen, die Frauenwerkstatt, in der Klientinnen eine Tagesstruktur lernen sollen, die Wohngemeinschaft. Seit einigen Monaten besucht Lagaya mit einem eigenen Präventionsprogramm Schulen und klärt über die Gefahren Sozialer Medien auf: „Mädchen sind anders betroffen als Jungs und geraten ganz schnell in sexualisierte Situationen“, umreißt Ulrike Ohnmeiß die Problematik.

Schwäche für schöne Frauennamen

Wie alle Lagaya-Projekte trägt auch dieses einen klangvollen Namen: Mia heißt es. Dann gibt es Mara, Wilma und Yella. „Das kommt von unserer Begeisterung für Frauennamen“ – so einfach ist die Erklärung.

Rückblickend stellt die scheidende Geschäftsführerin fest, dass viele Probleme während ihrer 26 Jahre währenden Amtszeit unverändert existieren, wie beispielsweise versteckte Sucht: „Alkoholikerinnen schämen sich immer noch dafür, dass sie trinken. Es ist ein Tabuthema.“ Andererseits sind die Konsumentinnen illegaler Drogen mit der Beratungsstelle gealtert und benötigen seit Jahren trotz Substitution eine sozialpädagogische Betreuung.

Am 1. Februar hat Ulrike Ohnmeiß ihr Büro an Stefanie Biesinger übergeben. Biesinger war bisher im betreuten Wohnprojekt von Lagaya tätig und hat jetzt die Geschäftsführung des Vereins übernommen.

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