Die aktuelle Personalie will nicht so recht ins Bild passen, das Mercedes-Benz gerade von sich zeichnet. Für die Finnin Sari Baldauf, die nach 15 Jahren aus dem Aufsichtsrat des Automobilhersteller ausscheidet, rückt der Österreicher Stefan Pierer nach. Damit sind im 20-köpfigen Kontrollgremium statt zuvor sieben nun nur noch sechs Frauen vertreten. Was den weiblichen Anteil auf 30 Prozent absenkt. Die EU-Richtlinie sieht für den Aufsichtsrat eines großen börsennotierten Unternehmens von 2026 an vor, dass der Frauenanteil 40 Prozent betragen muss.
Ein Männerclub würde gegen die Wand fahren
Als Rückschritt auf dem eingeschlagenen Weg, weiblicher zu werden, will der Konzern diese spezielle Entscheidung aber nicht verstanden wissen. „Das Unternehmen fordert und fördert Chancengleichheit und eine Kultur der Wertschätzung und des Respekts. Mercedes-Benz hat sich beispielsweise zum Ziel gesetzt, bis 2030 leitende Führungspositionen konzernweit zu 30 Prozent mit qualifizierten Frauen zu besetzen“, heißt es dazu in einer Erklärung des Unternehmens, in der darauf verwiesen wird, dass der Frauenanteil im Vorstand bereits heute bei 37,5 Prozent beträgt. Dafür sorgen in der acht Personen zählenden Konzernleitung Renata Jungo Brüngger (Recht), Britta Seeger (Vertrieb) und Sabine Kohleisen (Personal).
Insgesamt beträgt der Frauenanteil in Führungspositionen bei Mercedes-Benz derzeit etwa 25 Prozent. Was sich zunächst nicht besonders spektakulär liest, gilt in der Branche aber als vergleichsweise hoher Wert. Bei VW beispielsweise liegt die Quote im Moment noch unter 20 Prozent und soll ebenfalls gesteigert werden.
Die Autoindustrie kann es sich auch gar nicht mehr leisten, als Männerdomäne wahrgenommen zu werden. Ein aus der Zeit gefallenes Geschlechterverständnis passt nicht zum Image eines modernen Unternehmens – nicht nur mit Blick auf die Verkaufszahlen. Es geht auch um die Qualität der Belegschaft in Zeiten des Fachkräftemangels. Deshalb setzt auch Mercedes-Benz verschiedene Hebel in Bewegung, die eigene Attraktivität zu steigern. „Wir investieren viel, um ein modernes und motivierendes Umfeld für unser Team zu schaffen“, sagt Arbeitsdirektorin Sabine Kohleisen. Besonders Frauen sollen jetzt gezielt mit entsprechenden Zusatzleistungen angesprochen werden. So gibt es eine Reihe von Mentoren-Programmen, die sich an das weibliche Personal richten. Dazu gehört beispielsweise „Bertha’s Daughters“, ein Projekt, das sich auf die Entwicklung junger weiblicher Talente konzentriert und dabei historischen Bezug nimmt auf die Frau von Carl Benz, die ganz entscheidend an der Automobilentwicklung mitgewirkt hat.
Flexible Arbeitszeiten an einem Ort nach Wahl
Die Frauen-Förderung ist ein weiterer Baustein im Vorteils- und Weiterbildungsangebot, das Mercedes-Benz für die Belegschaft bereithält. Dazu zählt, über Arbeitsformen selbst zu entscheiden – wenn es mit der Aufgabe vereinbar ist. Dabei reicht die Bandbreite von vollständiger Präsenz bis hin zu einem hundertprozentigen mobilen Arbeiten. Hinzu kommen flexible Modelle mit Teilzeit, Blockteilzeit oder Jobsharing, bei dem sich ein Tandem eine Führungsstelle teilen kann. An den großen deutschen Standorten steht prinzipiell auch ein Kinderbetreuungsangebot zur Verfügung.
Außerdem punktet das Unternehmen mit einer Beschäftigungssicherung bis Ende 2029, Bonuszahlungen (bis zu 7300 Euro für 2022) und verschiedenen freiwilligen Sozialleistungen.
„Über all dem steht eine Kultur der respektvollen Zusammenarbeit und Wertschätzung auf Basis von Integrität, Diversität und Nachhaltigkeit“, so Personalvorständin Sabine Kohleisen.