Frauenforscherin über „Regretting Motherhood“ In der Mutterrolle gefangen

Von  

Orna Donath hat Frauen befragt, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben. Ihre Studie „Regretting Motherhood“ erregt zumal in Deutschland viel Aufsehen. Im Interview zeigt die israelische Wissenschaftlerin sich erstaunt von der Resonanz.

Mein Baby und ich: nicht für alle Frauen der natürliche Höhepunkt ihres Lebens Foto: dpa
Mein Baby und ich: nicht für alle Frauen der natürliche Höhepunkt ihres Lebens Foto: dpa
Stuttgart - „Schon Wochen nachdem das Kind auf der Welt war, wusste ich, dass das nichts für mich ist. Es ist der Albtraum meines Lebens.“ Mit diesen Worten beschreibt die 57-jährige Tirtza ihre Erfahrungen als Mutter. Die Israelin ist eine von 23 Frauen, die in einer viel beachteten Studie der Wissenschaftlerin Orna Donath mit dem Titel „Regretting Motherhood“ zu Wort kommen. Donath beschäftigt sich darin mit Frauen, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben. Die 39-jährige Israelin rührt in dem Gespräch über Frauen, die ihre Kinder lieben, aber am Wort „Mama“ verzweifeln, an ein Tabu.
Frau Donath, wie sind Sie auf die Situation von Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, aufmerksam geworden?
Ich hatte mich in einer Studie mit Männern und Frauen beschäftigt, die keine Kinder bekommen wollten. Alle berichteten, dass sie immer wieder einen Satz zu hören bekommen: „Du wirst es eines Tages bereuen, keine Kinder bekommen zu haben“. Da kam mir die umgekehrte Frage: Gibt es Frauen, die es bereuen, Mütter geworden zu sein?
Wer sind die Frauen, die Sie befragt haben?
Die jüngste war 26, die älteste 73 Jahre alt – fünf von ihnen sind bereits Großmütter. Die meisten sind verheiratet, einige geschieden. Sie kommen aus sehr unterschiedlichen sozialen Schichten und religiösen Hintergründen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Mutterschaft nicht nur kurzfristig, sondern ganz generell bereuen.
Warum fühlen sich diese Frauen in ihrer Mutterrolle so unwohl?
Die meisten hatten keine auffallend negativen Erfahrungen mit ihren Kindern gemacht. Aber alle hatten ein ausgeprägtes Gefühl, in ihrer Existenz als Mutter gefangen zu sein, in einer Rolle, die sie nie ausfüllen wollten. Manche nannten konkrete Gründe, wie den Verlust ihrer Unabhängigkeit und ihres Berufs. Diese Erfahrungen machen vermutlich viele Mütter. Der Unterschied ist, dass die von mir befragten Frauen fanden, dass die positiven Aspekte der Mutterschaft die negativen nicht aufwiegen.
Wie reagiert die Gesellschaft auf solche Frauen?
Hier in Israel und vermutlich in vielen anderen westlichen Gesellschaften werden solche Äußerungen als anormal wahrgenommen, als seien die Frauen nicht bei gesundem Verstand. Es wird als Abweichung von dem gesehen, was die Natur von uns verlangt. Eine der Frauen berichtete, dass sie sich therapeutisch behandeln ließ. Sie war sich sicher, dass etwas mit ihr nicht stimmt.
Hat das etwas mit der Erwartung zu tun, dass Frauen weicher und emotionaler sind als Männer?
Auf jeden Fall. Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, gelten nicht nur als schlechte Mütter – sie gelten auch als schlechte Frauen. Sie werden oft als nicht-feminin und kaltherzig wahrgenommen.
Was für ein Verhältnis haben die Frauen zu ihren Kindern?
Das war ein interessantes Ergebnis: Alle Frauen betonten, dass sie ihre Kinder lieben – es aber gleichzeitig hassen, ihre Mütter zu sein. Einige der Frauen sagten, dass sie die Mutterschaft schon bereuten, als sie noch schwanger waren. Ihr Empfinden hat also nichts mit der Entwicklung oder Persönlichkeit ihrer Kinder zu tun.