Frauenhandball-Bundestrainer Groener Mit neuer Lockerheit zum Erfolg

  Foto: Baumann
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Die neue Ära beginnt in Stuttgart: An diesem Mittwoch (19 Uhr/Scharrena) feiert Henk Groener im EM-Qualifikationsspiel gegen Spanien sein Debüt als Trainer der deutschen Handballerinnen. Der Niederländer ist geprägt von Johan Cruyff.

Sport: Jürgen Frey (jüf)
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Stuttgart - Ein bisschen gewöhnungsbedürftig fand Henk Groener die Fahrt im Pater Noster des Stuttgarter Rathauses schon. Doch als der neue Bundestrainer im dritten Stock aus dem historischen Aufzug ausstieg, wertete er das als gutes Omen: „Es wird auch mit dem deutschen Frauen-Handball aufwärts gehen“, sagte der Niederländer mit breitem Grinsen. Genau dafür hat ihn der Deutsche Handballbund (DHB) auch geholt.

Ludwigsburger Vergangenheit

An diesem Mittwoch (19 Uhr) feiert er gegen Spanien sein Debüt auf der Trainerbank. In der Scharrena geht dieses EM-Qualifikationsspiel über die Bühne. Irgendwie, so scheint es, kommt der 57-Jährige an der Region Stuttgartnicht vorbei. Da war das Pressegespräch vor kurzem im Rathaus, davor Anfang des Jahres seine offizielle Vorstellung in der Porsche-Arena. Und nicht zu vergessen: In der Saison 2006/07 trainierte Groener den damaligen Männer-Zweitligisten HBR Ludwigsburg. Ein Jahr wohnte er mit seiner Familie in Neckarweihingen. Die Landschaft, der Weinanbau, die netten und freundlichen Menschen, zu denen er zum Teil immer noch Kontakte pflegt, haben es ihm angetan. Bis heute. „Ich finde, hier herrscht immer eine sehr angenehme Atmosphäre.“

Auf ein gutes Klima legt er stets auch in seinen Teams großen Wert. Das war schon damals in Ludwigsburg so, und erst recht als er von 2009 bis 2016 die niederländische Auswahl trainierte und ein bis dahin unbekanntes Land auf die Karte des Frauen-Handballs brachte. Vom Fräulein-Wunder in Orange war die Rede, nach der Vizeweltmeisterschaft 2015 und Platz vier bei den Olympischen Spielen in Rio 2016.

Viele neue Gesichter

Jetzt also Deutschland. Nach dem Absturz bei der Heim-WM 2017 mit dem Achtelfinal-Aus gegen Dänemark soll der Nachfolger von Michael Biegler den deutschen Handballfrauen die Wendeltreppe nach oben bauen. Die Etablierung in der Weltspitze wird angepeilt. Mit den neuen Assistentinnen Heike Horstmann und Debbie Klijn und einer runderneuerten Mannschaft mit vielen neuen Gesichtern, die stark ersatzgeschwächt in Stuttgart aufläuft.

Wie er das schaffen will? Vor der Antwort rückt sich Groener noch einmal auf seinem Stuhl zurecht, faltet so geschäftsmäßig die Hände, als habe er viel Arbeit vor sich. Und das hat er auch. „Wir wollen schnellen, dynamischen und begeisternden Handball spielen“, beginnt er seine Ausführungen. Kampf, Wille und Leidenschaft – vor allem in der Abwehr – diese typisch deutschen Tugenden brachte das Team fast immer auf die Platte. Die Probleme in der DHB-Auswahl lagen bei der WM im falschen Entscheidungsverhalten, im fehlenden Ideenreichtum im Angriff.

„Handball spielen Menschen, nicht Roboter“

Und genau hier setzt Henk Groener an. Mit neuer Lockerheit will er zum Erfolg kommen. „Handball ist ein Spiel. Es wird von Menschen gespielt. Nicht von Robotern“, erklärt er. Auffallend oft, wenn der gewandte Niederländer spricht, fallen diese Worte: Kommunikation, Kreativität, Lockerheit, Leichtigkeit. Immer im Mittelpunkt: Der Mensch. „Die Spielerinnen haben Familien, solche und andere Themen beeinflussen ihre Leistungen im Handball eben auch“, stellt Groener klar. Für solche Belange hat er stets ein offenes Ohr. Sein Credo: „Durch mehr Verständnis und Akzeptanz wird eine Gruppe stärker.“

Das heißt aber nicht, dass nur Harmonie herrscht. „In jeder Firma wird gestritten“, sagt Groener. Das gehöre dazu. Ohne einen Streit, ohne das gemeinsame Suchen nach einer Lösung entwickle sich nichts. Er vergleicht das mit Training: „Wer nicht trainiert, kann sich auch nicht verletzen.“

Dozent an der Johan-Cruyff-Akademie

Groener redet überlegt und unerschrocken. Seine Ansätze klingen genauso simpel wie ungewöhnlich. Geprägt hat ihn dabei einer der größten Fußballer der Welt: Der vor zwei Jahren verstorbene Johan Cruyff. Für Groener war er viel mehr als nur ein begnadeter Kicker, sondern „immer ein normal gebliebener Mensch“. An der von „König Johan“ gegründeten und nach ihm benannten Akademie in Amsterdam beschäftigte sich Groener zehn Jahre lang als Dozent mit dem Thema Coaching von Trainern und Sportlern. Das hat ihn geprägt. Es ging darum, Sport und Studium schlüssig zu kombinieren. Ebenfalls ganz wichtig: Der Erfahrungsaustausch mit Trainern aus anderen Sportarten in den Bereichen Technik, Taktik, Athletik. Und immer wieder im Mittelpunkt – natürlich: der Mensch. „Bei allen Anstrengungen darf man nicht die Lockerheit verlieren. Man kann auch mit Freude knallhart an sich arbeiten und man muss sich keinen Stress machen, wo kein Stress sein muss.“

Man darf gespannt sein, wie sich das alles auf die Leistungen der deutschen Handballerinnen auswirken wird. Schon an diesem Mittwoch in Stuttgart gibt es erste Erkenntnisse – im EM-Qualifikationsspiel gegen Spanien.

Infos

Im 16er-Kader der Frauenhandball-Nationalmannschaft für die EM-Qualifikationsspiele gegen Spanien an diesem Mittwoch (19 Uhr) in der Stuttgarter Scharrena und am Samstag (20 Uhr) in San Sebastian stehen acht Spielerinnen von württembergischen Bundesligisten: Isabell Roch, Ina Großmann, Shenia Minevskaja, Maren Weigel, Marlene Zapf, Julia Behnke (alle TuS Metzingen), Luisa Schulze und Anna Loerper (beide SG BBM Bietigheim). Hinzu kommt die aus Hemmingen stammende Torfrau Dinah Eckerle, die nach der Saison vom Thüringer HC nach Bietigheim wechselt.

Nach dem Ausfall von Alicia Stolle (Fußverletzung) ist Maren Weigel die einzige Linkshänderin für den Rückraum. Rechtshänderin Emily Bölk steht nicht zur Verfügung, obwohl das Toptalent nach seiner Handverletzung zuletzt wieder für den Buxtehuder SV spielte. „Es kann nicht sein, dass das Wohl und Wehe des deutschen Handballs von einer 19-Jährigen abhängt“, sagt ihr Vereinstrainer Dirk Leun, der die Entscheidung mit Henk Groener abgesprochen hat.

In der Qualifikation liegt das DHB-Team mit 3:1 Punkten auf Platz zwei. Tabellenführer ist Spanien (4:0). Für die EM in Frankreich (29. November bis 16. Dezember) qualifzieren sich die jeweils besten beiden Teams der sieben Gruppen sowie der beste Gruppendritte. Für die Partie in der 2251 fassenden Scharrena sind 1500 Tickets verkauft. Es gibt noch Karten an der Abendkasse, die um 17.30 Uhr öffnet. Das Spiel wird auf facebook.com/mitsubishi.motors.de übertragen, das Rückspiel in Spanien auf www.ehftv.com.

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