Frauenpower im Alten Amtsgericht Böblingen Die Entdeckung der Weiblichkeit im Kabarett

Smart, frech und voll auf die Zwölf: Kathi Wolf im Alten Amtsgericht. Foto: Langner

Im Alten Amtsgericht jagt gerade ein weiblicher Kabarettauftritt den nächsten. Ein Zufall, sagen die Veranstalter. Ein Glücksfall, findet das Publikum – nicht erst nach dem starken Auftritt von Kathi Wolf.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

In der Kabarett- und Comedy-Szene ist es wie in der sonstigen Arbeitswelt: Im Rampenlicht stehen fast immer nur Männer. „Das ist leider immer noch so“, sagt Gerhard Gamp. Der Böblinger leitet selbst eine Künstleragentur und holt mit dem Verein „Die Kultourmacher vom Alten Amtsgericht“ regelmäßig hochkarätige Kleinkunst nach Böblingen. Der Verein achtet dabei seit jeher darauf, dass weibliche Talente eine Plattform bekommen – zum Beispiel beim Böblinger Comedy-Festival.

 

Das Festival fand früher als Wettbewerb statt und es sagt wohl viel aus, dass hier mit Mirja Regensburg in zwei Jahrzehnten nur eine einzige Frau gewinnen konnte. „Es sind nach wie vor deutlich mehr Männer auf dem Markt“, sagt Gerhard Gamp. „Aber die Frauen holen auf“, stellt er fest.

Veranstalter holt beeindruckende Künstlerinnen nach Böblingen

Mit den anderen „Kultourmachern“ reist Gamp regelmäßig zur Kulturbörse nach Freiburg. Bei der jährlich stattfindenden Kleinkunstmesse hat der Veranstalterverein schon einige beeindruckende Künstlerinnen entdeckt – darunter die Bauchredner-Kabarettistin Murzarella, die den „Kultourmachern“ gemeinsam mit weiteren Gästen einen starken Saisonstart mit vielen ausverkauften Abenden beschert habe.

So war das auch am Mittwochabend, als Kathi Wolf in dem bis auf die letzten Plätze besetzten Theatersaal auf dem Böblinger Schlossberg auftrat. Das starke Gastspiel der Kabarettistin aus dem bayerisch-schwäbischen Weißenhorn war das zweite von insgesamt vier mit weiblichen Kleinkunsttalenten. Den Anfang machte Annette Krul am 12. März, am 9. April folgt Lucy van Kuhl, am 23. April Alice Köfer.

„Frauenpower im Alten Amtsgericht“ nennen die „Kultourmacher“ die Reihe deshalb – auch wenn diese Aneinanderreihung gar nicht so geplant gewesen sei. „Das war eigentlich reiner Zufall, weil sich das bei der Terminabstimmung einfach so ergeben hat“, erklärt Gamp. So wird dann aus einem Zufall ein Glücksfall, denn der Auftritt von Kathi Wolf hatte alles, was man sich von einem Kabarettabend nur wünschen kann: intelligente und meinungsstarke Pointen, frechen Humor, feinen Wortwitz und satirische Breitseiten gegen Politiker, Esoteriker, Influencer und andere mehr oder minder psychisch auffällige Menschen.

Apropos Psychologie: Dieses Thema spielt bei Kathi Wolfs Programm „Klapsenbeste“ eine zentrale Rolle. Die bayerische Schwäbin aus dem Landkreis Neu-Ulm hat nämlich nicht nur Schauspiel studiert, sondern auch einen Bachelorabschluss in Psychologie. Beides fügt sich auf der Bühne zu einem sehr unterhaltsamen Ganzen zusammen – zum Beispiel, wenn sich die Kabarettistin an Esoterikmessen (sie nennt sie „Shopping Mall für Verstrahlte“) oder an Heilpraktikern und Naturheilkundlern abarbeitet.

Einige profitierten davon, dass Hilfesuchende teils monate- und jahrelang auf einen Therapieplatz warten. In ihrer Not wenden sie sich an Menschen, die sich nach ein paar Wochenendseminaren Coach oder Heiler nennen und sauteure Behandlungsstunden abrechnen, während eine Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin in Summe zehn Jahre dauere und Tausende Euro koste.

Anfangs teils auffällige Zurückhaltung beim Publikum

Neben dem Thema Psychologie setzt die 38-Jährige einen Schwerpunkt auf Politik und Feminismus – insbesondere die Doppelstandards bei den Geschlechtern. Warum, so wunderte sie sich, sorgte beispielsweise die tanzende finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin für einen Skandal, während es niemanden juckt, wenn Friedrich Merz und Donald Trump sich beim Tanzen zum Affen machen.

Es fiel auf, dass der Beifall sich bei einigen der teils herrlich bösen Pointen eher in Grenzen hielt, zum Beispiel, als sie Annalena Baerbock für ihre feministische Außenpolitik lobte. Wie sich an der vehement eingeforderten Zugabe ablesen ließ, hatte sie zum Ende des Auftritts das Publikum aber offenbar restlos überzeugt.

Weitere Themen