Frauentag 2022 Was brachte die Pandemie in Sachen Gleichstellung?

Ein Plakat bei einer Demonstration zum Frauentag 2019. Foto: www.imago-images.de/Stefan Boness/Ipon

War die Coronakrise eine Krise für die Gleichberechtigung für Männer und Frauen? Gab es einen „entsetzliche Retraditionalisierung“, wie die Berliner Soziologin Jutta Allmendinger fürchtete? Wir haben Wissenschaftlerinnen und Politikerinnen gefragt.

Entscheider/Institutionen: Annika Grah (ang)

Stuttgart/Berlin - Es war die Berliner Soziologin Jutta Allmendinger, die zu Beginn der Pandemie ein besonders düsteres Bild zeichnete. „Die Frauen werden eine entsetzliche Retraditionalisierung erfahren. Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder aufholen kann und dass wir von daher bestimmt drei Jahrzehnte verlieren“, sagte sie im Mai 2020. Ein Rückfall in die 1980er Jahre also? Nicht alle sehen es so düster.

 

„Die Lage ist noch so dynamisch, dass wir nicht wissen, welche Folgen die Pandemie langfristig auf die Gleichstellung hat. Bislang gab es keine größeren Gamechanger“, sagt Yvonne Lott vom Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. In ihrem jüngst veröffentlichten Gleichstellungsreport kommt sie zwar zu dem Schluss, dass es keine großen Rückschritte bei der Gleichstellung in der Erwerbsbeteiligung gegeben hat. Das lag aber schlicht daran, dass sowohl Frauen als auch Männer in der Krise weniger gearbeitet haben. Frauen konnten die Lücke also auch nicht weiter schließen.

Teilzeit führt zu Nachteilen bei Kurzarbeitergeld

Bei der Arbeitszeit hingegen sehe man einen deutlicheren Trend. „Da sind Frauen aus der Not deutlich häufiger in Teilzeit gegangen als Männer.“ Nur 29 Prozent der Frauen arbeiten ihrem Report zufolge in Doppelverdiener-Haushalten mit Kindern in Vollzeit, im Vergleich zu 94 Prozent der Männer. Und es bestehe das Risiko, dass Frauen nach der Pandemie schlechter wieder in Vollzeit kommen, fürchtet Lott. Denn: „Menschen in Teilzeit werden häufig weniger gefördert, erhalten weniger Weiterbildung und haben weniger Aufstiegschancen.“

Und noch etwas zeigte sich in der Pandemie als Problem. Denn verbunden mit der Teilzeit ist häufig das Ehegattensplitting, bei dem der Partner mit dem geringeren Gehalt steuerlich stärker belastet wird. Damit fallen Lohnersatzleistungen wie Kurzarbeitergeld oder Arbeitslosengeld, die sich am Nettogehalt orientieren, geringer aus. Seit Jahren fordern Frauenpolitikerinnen deshalb eine Abschaffung der Steuerklasse V. Nach Einschätzung der Bundesvorsitzende der Frauen-Union, Annette Widmann-Mauz, würde das dem Staat sogar Geld sparen: „Die Abschaffung der Steuerklasse V und eine Begrenzung der Minijobs verstärken die Anreize für mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und am Ende reduzieren sie die Sozialausgaben für die Alterssicherung.“ Etwa 60 Prozent der meist unsicheren Minijobs sind in Frauenhand. Die CDU-Politikerin kritisiert, das die Ampel gerade die Minijob-Grenze angehoben hat. „Auch das führt Frauen in eine Sackgasse bei Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder im Alter.“

Sorgearbeit Ursache für Ungleichheit

Also doch alles noch viel schlimmer nach der Pandemie? Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, hält weder die Hypothese von der Retraditionalisierung noch das Gegenteil für richtig, nämlich dass Väter im Homeoffice zusammen mit einem Digitalisierungsschub mehr Gleichberechtigung bringen. „Die Pandemie hat die Frauen in Sachen Gleichstellung weder stark zurückgeworfen, noch hat sie geholfen“, sagt sie. Die Pandemie habe vielmehr Handlungsbedarf gezeigt. „Wir wissen, dass die ungleiche Aufteilung der Care-Arbeit die Ursache für viele Ungleichheiten am Arbeitsmarkt ist.“ In einem aktuellen Bericht beschreibt sie, dass die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern in der Phase der Familiengründung wachsen.

Es brauche daher politische Anreize, die zu einer gleicheren Aufteilung führen, sagt Wrohlich. So sollte ihrer Meinung nach beim Elterngeld zur Bedingung gemacht werden, dass die maximal 14 Monate gleichberechtigt von Mutter und Vater übernommen werden.

Anreize für gerechte Aufteilung

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Katja Mast hat noch einen Vorschlag: „Wir müssen politische Antworten finden, wie wir die Bedürfnisse von Familien mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen berücksichtigen. Wir müssen über eine Familienarbeitszeit über das Elterngeld hinaus sprechen.“ Man könne zum Beispiel Eltern mit Kindern bis zu einem gewissen Alter ermöglichen, ihre Arbeitszeit vollzeitnah zu reduzieren und einen Zuschuss zu erhalten. „Die Pandemie hat Ungleichheit stärker aufgedeckt“, sagt Mast. Gleichzeitig sei die traditionelle Arbeitsteilung wahrscheinlich noch verschärft worden. „Es ist noch nicht entschieden, ob sich das dauerhaft verhärtet.“

„Die Frage ist, wie kommen wir dauerhaft zu einer partnerschaftlichen Aufgabenteilung“, sagt die CDU-Politikerin Widmann-Mauz. „Die klassischen Rollenmuster sind zäh. Die Pandemie hat das offengelegt.“ Ihrer Meinung nach ist eine Achillesferse die fehlende Kinderbetreuung. Das könnte nachwirken, stimmt Anja Reinalter, Erste Vorsitzende im baden-württembergischen Landesfrauenrat und Grünen-Bundestagsabgeordnete, zu: „Frauen, die beruflich zurückgesteckt haben oder länger in Elternzeit geblieben sind, stehen vor einer großen Unsicherheit, auf welches System sie sich in Zukunft verlassen können.“

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Die Soziologin Jutta Allmendinger bleibt entsprechend zurückhaltend. Sie sieht sich nach zwei Jahren Pandemie bestätigt. Die Folgen, schrieb sie jüngst, „werden uns noch lange beschäftigen, vor allem bei der Gleichstellung von Frauen und Männern“.

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