Frauenwelten: Lateinamerika Politisch mächtig und doch benachteiligt

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In Südamerika geht der emanzipatorische Fortschritt mit der Rückschrittlichkeit Hand in Hand. Die Frauen in Lateinamerika sind zwar einflussreich – und doch werden sie misshandelt.

Als Polizeichefin von Rio de Janeiro führt Marta Rochas 10 000 Mitarbeiter. Foto: dpa
Als Polizeichefin von Rio de Janeiro führt Marta Rochas 10 000 Mitarbeiter. Foto: dpa

Rio de Janeiro - In Brasilien ist weder der Vorname Marta noch der Nachname Rocha besonders selten. Dass es zwei in der Öffentlichkeit bekannte Marta Rochas gibt, ist also nicht sehr erstaunlich.

Aber die beiden stehen für den Wandel der Zeit und der Rolle der Frau: Die eine Marta Rocha, Jahrgang 1936, wurde mit 18 Jahren Miss Brasil, heiratete unter anderem einen Bankier und widmete sich im wesentlich der typischen Miss-Tätigkeit: schön sein. Die andere Marta Rocha ist 24 Jahre jünger, trat mit 23 Jahren als Schreibkraft in den Polizeidienst ein, arbeitete sich hoch und ist seit 2011 in Rio de Janeiro die Chefin von knapp 10 000 Polizisten.

Die Gewalt an Frauen ist extrem hoch

In den vergangenen Jahren haben die Frauen in Lateinamerika Fortschritte gemacht, die vor ein paar Jahrzehnten so kaum denkbar gewesen wären. Statt nur schön sein zu sollen, sind sie heute teils besser ausgebildet als die Männer, sie haben mehr und anspruchsvollere Jobs als früher, sie üben sowohl wirtschaftlichen Einfluss als auch politische Macht aus. Und gleichzeitig werden Lateinamerikas Frauen misshandelt, gemordet, benachteiligt – oft schlimmer als in anderen Regionen der Welt. Der Fortschritt geht mit der Rückschrittlichkeit Hand in Hand.

Das Schicksal der Journalistin Hanalí Huaycho, die im Februar vor den Augen ihres fünfjährigen Sohnes von ihrem Mann mit 13 Messerstichen ermordet wurde, ist ein weiterer Beweis für die extrem hohe Gewalt gegen Frauen in Bolivien – die höchste laut einer UN-Studie, die 13 Länder der Region untersuchte. Die Regierung will die Strafen drastisch verschärfen, selbst die Kastrierung von Tätern kam ins Gespräch. Aber wie fast überall in Lateinamerika ist nicht das Gesetz das Problem, sondern seine Durchsetzung. Zwischen 2007 und 2011 haben die bolivianischen Behörden 450 000 Hinweise auf häusliche Gewalt bekommen, 27 000 davon kamen vor Gericht, und nur 96 Täter wurden verurteilt.

Amnesty dokumentiert den Fall einer misshandelten 17-Jährigen

Aus den unvollständigen und teils widersprüchlichen Zahlen ist zu schließen, dass es in den Andenländern am schlimmsten zugeht. 39 Prozent der Kolumbianerinnen, rund 40 Prozent der Peruanerinnen und 52 Prozent der Bolivianerinnen sind demnach Opfer körperlicher Gewalt geworden, während in Brasilien zehn Prozent der städtischen und 14 Prozent der ländlichen weiblichen Bevölkerung darüber klagt. Deutlich zugenommen hat Gewalt, selbst mörderische, gegen Frauen in Mittelamerika. El Salvador hat die höchste Rate an Frauenmorden weltweit. Und einer mexikanischen Studie zufolge werden 75 Prozent der Gewaltakte nicht angezeigt.

In Kolumbien ist Gewalt gegen Frauen eine Waffe im Krieg zwischen Staat, Rebellen und den rechten Paramilitärs. Amnesty International dokumentiert den Fall einer 17-Jährigen, die in einem Para-Camp gefangen gehalten und von zahllosen Männern vergewaltigt wurde. Sie kam frei, erstattete Anzeige gegen die Männer, die mittlerweile demobilisiert waren. Sie erkannte 35 ihrer Peiniger, aber kein einziger wurde bestraft.

Auf der anderen Seite üben Frauen Macht und Einfluss aus wie nie zuvor. Zwar sind Frauenquoten für die Parlamente von elf Ländern eingeführt, jedoch nicht immer erfolgreich; Frauen bekommen zwar Listenplätze, aber gerne aussichtslose. Dennoch werden zwei von fünf Lateinamerikanern zurzeit von Frauen regiert; außer den jetzigen Staatschefinnen von Brasilien, Argentinien und Costa Rica haben es vorher sechs Frauen in höchste Regierungsämter gebracht.

Sozialprogramme wirken

Eine von ihnen ist Michelle Bachelet, Präsidentin Chiles von 2006 bis 2010, die der UN-Frauen-Organisation vorsteht. Armut und Unterentwicklung, sagt sie, seien das Hauptproblem der Frauendiskriminierung, und tatsächlich hat sich gezeigt, dass Frauen vorankommen, wenn Unterentwicklung und Armut verringert werden.

Die Sozialprogramme, die viele Länder der Region eingeführt haben, wirken sich direkt auf Bildung und Gesundheit der Mädchen und Frauen aus. 55 Prozent der Frauen zwischen 20 und 24 haben die Oberschule absolviert, sechs Prozent mehr als Männer, und auch an den Universitäten studieren heute mehr Frauen – 53 Prozent – als Männer.

Das bedeutet aber nicht, dass sie genauso viel verdienen wie die Männer. Im Durchschnitt, so eine Studie der Interamerikanischen Entwicklungsbank, liegen sie um 17 Prozent zurück, teils deutlich mehr. „Das ist eine kulturelle Frage, Frauen suchen sich Berufe und Jobs aus, die weniger lukrativ sind“, sagt die chilenische Ökonomin Claudia Sanhueza – Ingenieure verdienen mehr als Lehrerinnen. Dabei sind sie in Leitungsfunktionen durchaus geschätzt, weil sie, ob gerechtfertigt oder nicht, als weniger korrupt gelten.

Bei Abtreibungen kommen immer noch viele Frauen um

In der Wirtschaft nehmen sie nur selten Spitzenpositionen ein. Als Konsumentinnen werden sie von der Wirtschaft mehr umworben als je zuvor; bei 80 bis 90 Prozent aller Kaufentscheidungen reden sie ein entscheidendes Wörtchen mit. Selbst das typische Familienvater-Privileg bringen sie ins Wanken: 42 Prozent der Neuwagen in Brasilien schaffen Frauen an.

Frauen gebären nicht mehr, wie in den Fünfzigern, durchschnittlich 5,9 Kinder, sondern 2,4, und die Säuglings- und Müttersterblichkeit ist deutlich gesunken. Auf der anderen Seite haben sich Teenager-Schwangerschaften seit damals fast verdoppelt, auf 14,3 Prozent im Jahr 2005; neuere Zahlen gibt es nicht. Und bei rund vier Millionen illegalen Abtreibungen kommen jährlich 4000 Frauen ums Leben.

Das führt etwa die mexikanische Frauenrechtlerin Marcela Lagarde zu dem bitteren Urteil, die Politik des Vatikans in Rom habe „meinem Land mehr Schaden zugefügt als der Drogenkrieg“. Fristenlösungen wie in Europa gibt es nicht, und die Politiker – ebenso wie die Politikerinnen – wagen es nicht, dieses heiße Eisen überhaupt anzufassen.