Fred Uhlman in der Staatsgalerie Angst vor Stuttgart

Schädel, Kreuze und Gehängte: Fred Uhlman zeigt aber auch Hoffnung Foto: Estate of Fred Uhlman

Seine Geburtsstadt hatte er in keiner guten Erinnerung. Nun erinnert die Staatsgalerie Stuttgart an den Künstler und Rechtsanwalt Fred Uhlman – der in der Fremde sein Glück und seine Karriere machen musste.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Ein Freund der Kirche scheint er nicht gewesen zu sein. Von Priestern zumindest hielt Fred Uhlman sehr wenig. Auf seinen Zeichnungen stehen die Geistlichen in keinem guten Licht, peitschen Christus am Kreuz aus oder wedeln mit dem Kreuz, während anderen der Kopf brutal abgeschlagen wird. Für Fred Uhlman stand fest, dass die Kirche im Nationalsozialismus keine rühmliche Rolle spielte, was er in seinen Bildern immer wieder zum Ausdruck brachte.

 

Als Feindstaatenausländer landet er auf der Isle of Man

Im Graphik-Kabinett der Staatsgalerie Stuttgart kann man die Pfaffen nun bei ihrem herzlosen Treiben beobachten. Eine kleine Ausstellung erinnert an einen Mann, der in Stuttgart groß geworden ist. Fred Uhlman, 1901 geboren, war Jurist und Sohn eines jüdischen Kaufmanns. 1927 stieg er als junger Rechtsanwalt ins Berufsleben ein, aber schon nach sechs Jahren musste er Stuttgart verlassen und zog nach Paris. Die Liebe führte ihn schließlich nach London, Frieden fand er auch dort erst mal nicht. 1940 wurde Uhlman verhaftet und ein halbes Jahr lang auf der Isle of Man interniert. Auf die britische Insel wurden sogenannte Feindstaatenausländer gebracht, weil man meinte, sie könnten die militärische Sicherheit gefährden.

Kurt Schwitters wird ihm zum Freund

Für Fred Uhlman waren die Monate auf der Insel aber nicht nur negativ. Denn in der Emigration hatte der Jurist begonnen, sich künstlerisch zu beschäftigen und nannte die Internierung im Nachhinein „eine der besten Universitäten“. Der Stuttgarter traf hier zahlreiche Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle. Sie veranstalteten Vorträge, Konzerte und sogar Kabarett. Vor allem mit Kurt Schwitters stand Uhlman in engem Kontakt. Der Dada-Künstler hatte Deutschland verlassen, weil seine Kunst als entartet diffamiert wurde. Auf der Isle of Man richtete er sich in einem kleinen Haus ein Atelier ein.

Später schenkte Uhlman seine Zeichnungen der Staatsgalerie, die mit der kleinen Ausstellung an den fast vergessenen Stuttgarter erinnert. Mit scharfem, energischen Strich hat Uhlman düstere Szenen gezeichnet. Auf seinen Grafiken sieht man Gräber, Totenschädel, Kreuze. Häftlinge schauen einen mit großen Augen durch den Stacheldraht an. Uhlman setzte auf starke Kontraste, auf hell und dunkel, auf Finsternis und erbauliches Licht. Es gibt auch Hoffnung: auf vielen Blättern entdeckt man ein kleines Mädchen, ein Symbol für einen Neubeginn in besseren Zeiten. Uhlmans Tochter kam 1940 auf die Welt, einige der Blätter aus der Serie „Captivity“ hat er ihr gewidmet.

Uhlman macht vor allem als Autor Karriere

Mit Stuttgart ist Fred Uhlman nicht mehr wirklich warm geworden. Er fürchtete sich sehr, nach „zu viel Schrecklichem“ die alte Heimat zu besuchen – und wagte es schließlich doch. Nachdem ihm die Stadt nach all den Jahren fremd geworden war und er sich wunderte, wie wenig er noch für sie empfand, fühle er sich dann letztlich doch wieder ein wenig heimisch. Bekannt wurde Uhlman übrigens vor allem als Autor. „The Making of an Englishman“ nannte er seine Autobiografie. Seine Novelle „Reunion“ aus dem Jahr 1971 wurde in 19 Sprachen übersetzt und gehört heute zur Standardliteratur zum Dritten Reich. Als Neuauflage unter dem Titel „Der wiedergefundene Freund“ wurde sie sogar verfilmt. 1985 starb Fred Uhlman mit 84 Jahren in London, das ihm letztlich mehr Heimat geboten hatte als seine Geburtsstadt.

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