Freddy Quinn wird 80 Schulze kriegte den Blues

Auszug aus dem Repertoire eines Schlagersängers:Der Legionär, Unter fremden Sternen, Hundert Mann und eine Befehl, Heimatlos, La Paloma, Junge, komm bald wieder. Foto: AP
Auszug aus dem Repertoire eines Schlagersängers:"Der Legionär", "Unter fremden Sternen", "Hundert Mann und eine Befehl", "Heimatlos", "La Paloma", "Junge, komm bald wieder". Foto: AP

Freddy Quinn, der vom Heimweh sang und allzu oft der romantische Seefahrer blieb, feiert an diesem Deinstag seinen achtzigsten Geburtstag.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Mirko Weber (miw)
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Stuttgart - Beim Reihen von Titeln aus Freddy Quinns riesigem Repertoire ergibt sich immer ein ähnliches Muster: "Der Legionär", "Unter fremden Sternen", "Hundert Mann und eine Befehl", "Heimatlos", "La Paloma", "Junge, komm bald wieder", nur zum Beispiel.

Wen hätten wir da? Einen Mann doch wohl, der ein Leben lebt, wie es - zumindest in seinen Anfängen - der Schriftsteller Ernst Jünger geführt hat: Als juveniler Ausreißer von einem internationalen Gefahrenherd zum nächsten Hotspot unterwegs, immer hoffend, auf irgendeine Art "ins Feuer" zu kommen, wie Jünger das kokett nannte.

Freddy Quinn schloss sich Gauklern an

Allerdings wählte Freddy (eigentlich Franz Eugen) Quinn, 1931 in Niederfladnitz geboren als Sohn eines irischen Vaters und einer österreichischen Mutter und inWest Virginia und Wien aufgewachsen, sozusagen die Light- und Lagerfeuervariante. Er interessierte sich als Nachkriegsgsjugendlicher von Anfang an eher für die Gaukler, die wieder vergessen lassen müssen, was die Krieger zuvor alles angerichtet haben. Freddy Quinn zog mit dorthin, wo gerade das nächste Zelt aufgeschlagen wurde: Er spielte Saxofon und tanzte auf dem Seil.

Später, Anfang der Fünfziger in Algerien, sang er für die Fremdenlegionäre. Es waren Variationen über die alte Volksliedmär, demnach jeder Mann, der ein richtiger Mann sein will, in die weite Welt hinaus muss, sich aber trotzdem ganz tief drinnen mitunter ewig nach einem "süßen Mädel" sehnt, das er zurückgelassen hat und gerne einmal wiedersehen will, wie es in "Wir lagen vor Madagaskar" heißt.

Aus solchen Landser- und Seemannstopoi machte Quinn, von 1954 an treff- und metiersicher in St. Pauli gelandet, sich sein ureigenes Schema zurecht. Schulze - wie Quinn auf Deutsch hieße - kriegte den Blues, aber da er nicht John Lee Hooker war oder Muddy Waters, bekam er ihn auf moderate Art.

Weniger nach dem Zwölftaktschema, sondern weitgehend wie es die Schlagerordnung wollte. Und weil kein Mensch wusste, wie man Quinn schreibt, blieb vom Künstlernamen meist allein der Freddy übrig. Das klang wie Du und Ich, aber doch eine genau dosierte Spur exotischer.

Quinn, der Visionär

Freddy füllte den interessanteren Teil der Fünfziger-Jahre-Sehnsuchtslücke. Er war schon draußen und weit weg gewesen und konnte mit Fug und Recht sagen, dass es dort nicht nur Vollpension mit zweimal Spaghetti am Tag gibt, wenn auf Capri die rote Sonne im Meer versank, sondern hinter der ganzen Fassade auch Leere, Einsamkeit und Tristesse warteten, die kein Pauschalurlauber ausgehalten hätte.

Genau genommen war Quinn, so seltsam das heute klingen mag, seiner Zeit voraus. Als er 1966 "Eine Handvoll Reis" sang, hatte er bereits überrissen, was in Indochina vor sich ging, und schilderte aus der Angreiferperspektive: "Der Ort Lao-Tan an der Küste war dreimal verwüstet und leer/Die Felder dort wurden zur Wüste und es gab keine Blumen mehr."

Der Refrain lief auf "300 Schuss Munition" beim Appell und die "Grüße der ganzen Nation" hinaus. Daswar Sarkasmus und keine eingefärbte Sentimentalität mehr - aber so etwas wollten die Leute von ihrem Freddy natürlich nicht hören ...

Zu viele Klischees haften an ihm

Es hätte aus ihm hierzulande durchaus eine Art deutscher Johnny Cash werden können, denn er war ein Lonesome Rider mit manchmal verqueren Ansichten, aber auch ein eminenter Musiker mit seinem Bariton und dem stets präzisen Gefühl fürs Timing.

Doch auch im Kino, dem er oft sein Gesicht lieh, blieb Freddy zu oft ein Abziehbild vom allgemeinen Seefahrerromantikklischee, und den ganz großen Hit - "Spanish Eyes" - den Quinn mit Bert Kaempfert ausbaldowert hatte, sang dann statt seiner Al Martino.

Quinn blieb der Zirkus und ein bisschen Fernsehen, und wann immer die Melodie zu "Stars in der Manege" oder Ähnlichem anhob, war er dabei, ein fast Unverwüstlicher und immer ansehnlich im Showgeschäft, wiewohl er seltener gebraucht wurde: Wenn fast nichts mehr fremd scheint und alles erreichbar ist, benötigt der Mensch ja auch sein Heimweh kaum mehr. Am 27.September  wird der alte Steher und Wiederaufsteher Freddy Quinn achtzig Jahre alt. Man gratuliert.




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