Fredi Bobic, Sportvorstand von Eintracht Frankfurt „Wir wollen das Unmögliche möglich machen“

Feiertag für Fredi Bobic (li.) und den damaligen Trainer Niko Kovac nach dem DFB-Pokal-Sieg der Eintracht gegen den FC Bayern 2018 – gelingt auch im Halbfinale 2020 eine Überraschung? Foto: dpa/Arne Dedert

Eintracht Frankfurt geht als krasser Außenseiter ins Pokal-Halbfinale beim FC Bayern. Sportvorstand Fredi Bobic sagt, warum er seinem Team dennoch den Finaleinzug zutraut – und äußert sich über Langeweile in der Liga, Rassismus und den VfB.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Er wuchs in bescheidenden Verhältnissen im sozialen Brennpunkt Hallschlag in Stuttgart auf. Schritt für Schritt arbeitete sich Fredi Bobic im Fußballgeschäft nach oben – auf und neben dem Platz. Den Bundesligisten Eintracht Frankfurt hat er als Sportvorstand zum DFB-Pokalsieg 2018 und ins Europa-League-Halbfinale 2019 geführt. Auch in dieser Saison hat sein Team wieder die Chance, ins Pokal-Endspiel nach Berlin einzuziehen. Allerdings könnte die Aufgabe schwerer nicht sein. „Wir müssen kratzen, beißen, aktiv sein“, sagt der 48-Jährige vor der Partie an diesem Mittwoch (20.45 Uhr/ARD) beim FC Bayern München.

 

FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt, DFB-Pokal – da war doch was, Herr Bobic.

(lacht). Ja, da war was. Und das darf gerne wieder so kommen. Immer wenn ich die Bilder von unserem 3:1-Endspiel-Triumph in Berlin vom 19. Mai 2018 gegen die Bayern sehe, löst das bei mir Gänsehaut aus. Da ist ein ganzer Verein auferstanden. Dieser spezielle Moment steht unter den Top drei meines gesamten Sportlerlebens.

Am Mittwoch steht das Halbfinale an...

...und wir wollen das Unmögliche möglich machen. Wir wollen unbedingt ins Finale.

Glauben Sie ernsthaft dran?

2018 waren wir doch genauso krasser Außenseiter. Natürlich rechnen wir uns etwas aus. Und völlig klar ist, dass wir einen überragenden Tag brauchen und die Bayern einen ziemlich schlechten. Zudem müssen wir kratzen, beißen, immer aktiv sein.

Lesen Sie hier: Ilse macht die Ketchupflasche

Und das alles ohne Ihr Ass auf dem linken Flügel.

Die Sperre von Filip Kostic tut uns weh, keine Frage. Wir müssen dies als Team wettmachen, nur dann haben wir gegen einen FC Bayern in derzeit bestechender Form eine Chance.

Warum sind die Bayern eine Klasse für sich?

Sie sind individuell unglaublich stark, sie spielen sehr konstant im Gegensatz zu RB Leipzig und dem BVB. Und es gibt keine internen Streitereien mehr.

Die Spiele ohne Zuschauer...

...puschen die Bayern noch mehr. Sie haben keinen Druck von außen, die Spieler zeigen ihre Klasse und spulen ihr Pensum mit enormen Fleiß ab. Sie haben die Bundesliga im Griff.

Droht über Jahre hinweg Langeweile?

Ohne die Bayern wäre die Bundesliga mit Sicherheit spannender (lacht). Auch mir wäre mehr Konkurrenzkampf an der Spitze lieber. Aber die Bayern dürften ihren Status künftig eher noch ausbauen. Sie haben sich das durch richtig gute Arbeit eben auch verdient.

Lesen Sie hier: Fredi Bobic macht den Erfolg

Nach dem 5:1 gegen den FCB Anfang November 2019 schien für Ihre Eintracht ganz Großes möglich. Warum konnte auf dieser perfekten Welle nicht weitergesurft werden?

Unsere Mannschaft spielt sehr physisch, mit viel Tempo und Dynamik. Die Sommerpause war kurz, die Saison hat viele Körner gekostet. Wir mussten unserem Mammutprogramm Tribut zollen.

Jetzt müssen Sie froh sein, wenn die Eintracht in der Liga bleibt.

Wir stehen im Bundesliga-Mittelfeld, sind unter den letzten 16 in der Europa League und stehen zum dritten Mal in den vergangenen vier Jahren im DFB-Pokal-Halbfinale. Das ist jammern auf hohem Niveau.

Das Pokalspiel in München ist die 100. Partie unter Adi Hütter. Wollen Sie mit dem Trainer den Vertrag über 2021 hinaus verlängern?

Wir sind glücklich mit Adi Hütter, Adi Hütter ist glücklich mit Eintracht Frankfurt. Nach der Saison reden wir in Ruhe.

Lesen Sie hier: Wie Bobic die Eintracht zu einem Topclub formte

Welche finanziellen Folgen hat die Corona-Pandemie für Ihren Verein?

Das ist noch nicht konkret zu greifen. Man muss Einnahmeverluste in die Verträge mit einbauen. Zunächst wird der Transfermarkt im Sommer brach liegen, da in Spanien, Italien, England noch gespielt wird.

Hat die Bundesliga Vorteile im internationalen Vergleich?

Das kann gut sein. Aber grundsätzlich sind von Eigentümern geführte Vereine im Vorteil. Es kann sein, dass ihnen Mittel zufließen, egal wie sich die Gesamtlage darstellt.

Wann rechnen Sie, dass die neue Saison beginnt?

Ich habe keine Glaskugel. Ich hoffe aber im September.

Sie haben sich gegen Spiele in teilweise gefüllte Stadien ausgesprochen. Warum?

Weil ich es für schwierig halte, zu entscheiden: Wen lässt du rein, wen nicht. Solch eine Entscheidung wird nie gerecht sein. Hinzu kommen die Themen Zulassungskontrollen, Getränkeverkauf, und und und. Es gibt so viel offene Fragen, die sich erst in ein, zwei Monaten beantworten lassen.

Lesen Sie hier: Rassismus – Profis zeigen Haltung

Das Thema Rassismus beschäftigt auch die Sportwelt. Sie stammen aus Slowenien und sind im Stuttgarter Brennpunkt Hallschlag aufgewachsen. Welche Erfahrungen machten Sie?

Ich habe mir auf den Bolzplätzen auch immer wieder mal Sprüche anhören müssen. Ich habe dagegen gehalten, aber mich nicht provozieren lassen. Ich habe es als Ansporn genommen, noch bessere Leistungen zu zeigen.

Was kann der Sport tun?

Der Sport kann positive Signale senden, nicht nur bei Olympischen Spielen. Nehmen Sie Eintracht Frankfurt. Wir stehen für Vielfalt wie kein anderer Club. Unsere Kabine ist so besetzt, wie die Welt sein sollte – alle Ethnien und Hautfarben miteinander. Der Sport ist eigentlich ein Vorbild wie es funktionieren kann, so sollte es in der Politik auch sein.

Was kritisieren Sie?

Wenn ich sehe, welche Kommentare von der AfD über die sozialen Medien rausgehauen werden, dann müsste man dagegen vorgehen. Wenn ich so etwas sagen würde, würde ich meinen Job verlieren. Auch was aus den USA vom dortigen Präsidenten so rüberkommt, halte ich für sehr problematisch.

Von der Weltpolitik zu ihren Ex-Clubs. Warum tut sich der VfB Stuttgart in der zweiten Liga so schwer?

Weil das Team zu wenig Tore schießt und sich gegen die kleinen Clubs schwer tut.

Reichts dennoch zum Aufstieg?

Ich hoffe es, der Zweikampf mit dem HSV wird ein heißer Ritt bis zum Schluss. Der VfB kann den Direktaufstieg aus eigener Kraft schaffen. Der dritte Platz wäre sehr undankbar. Zwar ist ausgerechnet der VfB als Bundesliga-16. schon mal gescheitert, doch meistens setzt sich der Erstligist durch.

Wie fanden Sie die vorzeitige Vertragsverlängerung des VfB mit Trainer Pelegrino Matarazzo?

Wenn man der Überzeugung ist, dass er der Richtige ist, kann man das tun. Man trägt dann aber auch die Verantwortung.

Und die Kickers verfolgen Sie auch?

Natürlich. Die Pandemie hat sie sehr hart getroffen. Jetzt gilt es es die Realitäten anzuerkennen, dran zu bleiben und im dritten Anlauf den Aufstieg zu packen.

Wer wird DFB-Pokal-Sieger?

Ich hoffe Eintracht Frankfurt. Wenn nicht, tut uns eine Saison ohne Europa zum Durchschnaufen vielleicht auch mal gut.

Zur Person

Spieler: Fredi Bobic am 30. Oktober 1971 in Maribor (Slowenien) geboren. Er wächst in Stuttgart auf und beginnt 1977 seine Fußballkarriere beim VfR Cannstatt. 1990 spielt er bei den TSF Ditzingen, 1992 geht er zu den Stuttgarter Kickers, von 1994 bis 1999 stürmt er beim VfB, danach bei Borussia Dortmund, Bolton Wanderers Hannover 96, Hertha BSC und HNK Rijeka. Von 1994 bis 2004 bestreitet er 37 Länderspiele (zehn Tore) und holt 1996 den EM-Titel.

Funktionär: Von März 2009 bis Juli 2010 ist er Geschäftsführer des bulgarischen Erstligisten Chernomorets Burgas. 2010 wird er Sportdirektor beim VfB Stuttgart, 2014 wird er entlassen. Seit 2016 ist Bobic Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt. Sein Vertrag läuft bis 2023. Der „Kicker“ kürte ihn 2018 zum „Mann des Jahres“.

Privatmann: Bobic ist verheiratet mit Britta und Vater zweier Töchter (Céline/23 und Tyra/20). Seine Hobbys sind Laufen, Schwimmen, Radfahren, Krafttraining und Netflix-Filme schauen.

Weitere Themen