Freeriden: Faszination, Gefahren, Risiken Gefährliches Abenteuer im Tiefschnee

Nur Fliegen ist schöner: Wedeln im frischen, fluffigen „Powder“ auf unverspurten Hängen – davon träumen viele Skifahrer. Foto: dpa

Freeriden – Skifahren im Tiefschnee abseits der präparierten Pisten – ist der Trendsport im Winter. Doch bei aller Faszination: Die Gefahren im unbekannten Gelände und die Risiken von Stürzen und Lawinen sind groß. Wir sagen Ihnen, was man beim Freeriden beachten muss.

Wochenend-Magazin: Markus Brauer (mb)

Stuttgart - Freeriden ist seit Jahren der Mega-Trend im alpinen Skisport. Das Fahren im unberührten Tiefschnee, abseits der präparierten Pisten und auf unbekannten Gelände weckt bei Skisportlern die Abenteuerlust und den Entdeckergeist. Und es erzeugt geradezu berauschende Gefühle.

 

Freeriden – auch Backcountry und Off-piste-Fahren genannt – verspricht Naturerlebnis, Schwerelosigkeit und Freiheit. Eine mitunter gefährliche Freiheit. Denn aktuelle Studien belegen: Vielen Freeridern fehlt das grundlegende Wissen über Ausrüstung, Fahrtechnik und Bedingungen am Berg.

Wie gefährlich das Fahren abseits der offiziellen Pisten ist, zeigen die Vorfälle der vergangenen Tage:

Im schweizerischen Skigebiet Flumserberg wurde ein 56-jähriger Ski-Tourengeher von einer Lawine verschüttet. Er starb nach der Bergung im Krankenhaus.

In Davos kam ein 31-jähriger Snowboardfahrer bei einem Lawinenabgang am Flüela Wisshorn ums Leben.

In Lech am Arlberg starben drei Baden-Württemberger in einer Lawine, nachdem sie alle Warnhinweise missachtet hatten und abseits der Piste fuhren. Ein vierter Skifahrer wird weiter vermisst.

Was macht die Faszination des Freeriden aus?

„Freeriden gilt als cool und vermittelt einen Lifestyle von Freiheit“, erklärt Andreas König, Sicherheitsexperte des Deutschen Skiverbandes (DSV). Das Fahren im Firn (verfestigter alter Schnee) und im frischen „Powder“ (Pulverschnee) verspricht Action und Fun, Freiheit und Herausforderung. Für viele Skifahrer ist Freeriden der ultimative Kick. Je gefährlicher und riskanter desto besser.

„Das unberührte Weiß lockt. Es ist ein schönes Gefühl in der freien Natur seine Spur zu ziehen. Man sieht, was man getan hat“, sagt der Innsbrucker Fotograf, Journalist und Freerider Marius Schwager (36). „Man spürt die Geschwindigkeit, das Adrenalin und ist ganz auf sich gestellt. Man kann frei handeln, muss aber die Konsequenzen selbst tragen.“ Es gebe viele, denen die ständige Sicherheit im Alltag zu viel sei. Schwager: „Sie möchten die Freiheit spüren. Allerdings muss man beim Freeriden wesentlich mehr beachten und denken als auf einer Piste.“

Braucht man eine spezielle Technik?

Ja. Anders als auf präparierten Pisten sinkt man im Tiefschnee ein. Erst mit steigender Fahrgeschwindigkeit heben sich die Ski und man kann wie auf einer Wolkendecke dahingleiten.

Weil die lockeren Schneemassen zudem eine höhere Bremswirkung haben, kann man im Tiefschnee steilere Hänge befahren.

Wie sieht es mit der Ausrüstung aus?

Die Hersteller befeuern den Freeride-Trend mit immer neuen Produkten und gezieltem Marketing. Für das „Powdern“ braucht man spezielle Skier, die länger und breiter sind als normale Bretter. Sie haben gebogene Spitzen für einen besseren Auftrieb und Spezialbindungen, die eine effektivere Kraftübertragung auf die Ski ermöglichen.

Zum Basis-Sicherheitspaket beim Freeriden gehören zudem Lawinenschaufel, Sonde, Pieps (Lawinensuchgerät/LVS) und ABS-Rucksack. Ein stabiler Skihelm ist fast überall Pflicht.

Gibt es Unterschiede beim Freeriden?

Freeride-Routen werden in drei Kategorien eingeteilt:

1. Die Route befindet sich im Skigebiet, ist markiert, aber nicht präpariert, aber es besteht keine Gefahr durch Lawinen oder Hindernisse wie Felsen oder Bäume.

2. Die Strecke liegt unmittelbar neben der präparierten Piste. Die Lawinengefahr ist gering, dafür aber gibt es Baumstümpfe oder Felsen.

3. Die dritte Kategorie liegt im freien Gelände und ist nur von Tourengehern zu erreichen. Hier ist die Lawinengefahr wegen Steinen, Baumstümpfen oder Gletscherspalten, die unter der Schneedecke nicht erkennbar sind.

Wie gefährlich ist Freeriden?

Nach Angaben des Kuratoriums für Alpine Sicherheit passieren in Österreich jährlich rund 1000 Unfälle abseits der Piste. Durchschnittlich 20 Wintersportler – es handelt sich dabei ausschließlich um Freerider – sterben pro Jahr durch Lawinen.

Der Bergführer und Rettungschef des schweizerischen Ski-Ortes Zermatt, Anjan Truffer, sieht einen gefährlichen Trend: „Die Variantenfahrer – also Freerider und Ski-Tourenwanderer – sind sehr gut ausgerüstet. Auf der Suche nach einer noch nicht befahrenen Linie gehen sie ein immer höheres Risiken ein.“

Das bestätigt auch eine 2017 veröffentlichte Studie der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaft (ZHAW). Variantenfahrer gehen demnach ein höheres Risiko ein, wenn sie über die entsprechende Ausrüstung verfügen. „Es konnte gezeigt werden, dass der Lawinenairbag zu Veränderung der Risikobereitschaft führt“, heißt es in der Studie. „Die Nutzer von Lawinen-Airbags weisen höhere Werte bei den Aussagen zur Risikobereitschaft auf. Zudem sind die Lawinenairbag Nutzer mehr gewillt einen steileren Hang zu befahren, wenn sie einen Lawinen-Airbag tragen, als ohne.“

„Auf der Piste kann genauso wie beim Freeriden etwas schief gehen“, betont Eva Walkner, zweifache Vizeweltmeisterin im Freeriden. „Wenn man über das nötige Wissen verfügt, kann man Freeriden sehr sicher betreiben. Man kann nur immer an die Eigenverantwortung der Skifahrer appellieren.“

Wissen Freerider um die Gefahren?

Laut österreichischem Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) sind die Wissenslücken bei Freeridern oft gravierend. Demnach weiß mehr als die Hälfte der Befragten nicht, welche Lawinen-Warnstufen es gibt (nämlich fünf) und was sie bedeuten.

Ebenfalls die Hälfte weiß nicht, dass Handys im Hochgebirge nur mit einer Mobil-Netzanbindung via Satellit funktionieren. 41 Prozent der Befragten erklärten, dass sie nie oder nur gelegentlich ein Lawinen-Suchgerät mitnehmen – geschweige denn eine komplette Lawinen-Notfallausrüstung. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zeigten sich trotz meist mangelnder Ausbildung risikobereit.

„Nie vergessen werden sollte, dass trotz modernster Sicherheitstechnik, die Zerstörungskraft von Schneebrettern und Lawinen gewaltig ist und nicht unterschätzt werden darf. In den meisten Fällen sehen Todesgefahren sogar eher harmlos aus“, erklärt der österreichische Bergführer und Ausbilder der Bergrettung Tirol Christian Eder.

Ist Freeriden ein Wachstumsmarkt?

Ja. Der Freeride- und Tourenski-Boom beschert den Wintersportorten und Sportherstellern noch Wachstumzahlen – anders als der normale Ski-Tourismus.

Ungeachtet der Gefahren, Unfälle und Todesfälle durch Lawinen werben viele Skiorte wie Fieberbunn in Tirol, St. Anton am Arlberg, Andermaat und Engelberg-Titlis in der Schweiz oder Alagna-Moterosa in Italien mit dem Skifahren abseits der Piste.

Wie sicher ist Freeriden?

Absolute Sicherheit in den Bergen gibt es nicht. „Beim Freeriden ist man selbst für sich verantwortlich. Dafür muss man bestimmte Grundregeln zu beherrschen. Da reicht es nicht in den Laden zu gehen und Ausrüstung zu kaufen“, erläutert Marius Schwager.

Das Lawinen-Notfallset ist eine zusätzliche Sicherheit, garantiert aber nicht das Überleben bei Lawinen. „Ein Lawinenunfall bleibt auch mit Hightech-Ausrüstung lebensgefährlich“, warnt der Deutsche Skiverband.

Nach Aussage von Ueli Mosimann von der Fachgruppe Sicherheit im Bergsport beim Schweizer Alpen-Club (SAC) überleben nur rund 50 Prozent aller Verschütteten trotz Lawinensuchgerät einen Lawinenunfall.

Was sollte man beim Freeriden beachten?

Laut Deutschem Sikiverband werden Lawinenunfälle meist durch achtloses Verhalten von Freeridern mit verursacht. Nach dem Motto „No risk no fun“ sei die hohe Risikobereitschaft bei Trendsportarten wie Freeriden besonders wichtig.

Um Unfälle zu vermeiden, sollte man deshalb folgende Grundregeln beachten:

1. Vor Touren immer die Schneebedingungen und Lawinenlageberichte (LLB) prüfen.

2. Passende Skier, stabilen Skihelm und richtige Notfallausrüstung mitnehmen.

3. Nie alleine und in großen Gruppen im Gelände unterwegs sein, da dies immer mit einem höheren Risiko einhergeht.

4. Staatlich geprüfte und ortskundige Bergführer buchen.

5. Die meisten Wintersportler seien sich der Gefahren oftmals nicht bewusst, betont DSV-Sicherheitsexperte Andreas König. „Daher ist es unabdingbar, Grundlagen des Risikomanagements in Lawinenseminaren unter Anleitung von Bergführern zu erlernen.“

6. Eine spezielle Skiversicherung, die man beispielsweise DSV-Mitglied hat, greift bei Unfällen auf und abseits gesicherter Pisten. Aber auch der beste Versicherungsschutz nützt nichts, wenn man fahrlässig und leichtsinnig alle Sicherheitsregel missachtet.

Wie lautet das Fazit?

„Es gibt ein Restrisiko beim Freeriden. Aber wenn man die Sicherheitsregeln befolgt, ist man so sicher wie im Straßenverkehr“, sagt Marius Schwager. „Was allerdings in den Skigebieten oft zu kurz kommt, ist der Risiko- und Sicherheitsaspekt. Bevor man ins offene Gelände geht, sollte man sich fortbilden und das Fahren im Tiefschnee üben. Wer abseits der Piste fährt, muss wissen, dass er den gesicherten Raum verlässt und selbst für sich verantwortlich ist.“

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