Der ehemalige Bademeister Stefan Böttcher (li.) – für viele Jugendliche im Sindelfinger Badezentrum war er ein Vorbild. Foto: Gottfried Stoppel
Unser Autor erinnert sich bei einem Besuch an seine Jugend im Sindelfinger Badezentrum. Was hat sich bis heute geändert? Ein Artikel aus unserer Reihe „Unsere besten Reportagen“.
Diese Reportage erschien erstmals am 2. Juli 2008.
Ich war fünfzehn und besaß eine Saisonkarte. Die graue Pappe für zehn Mark wurde mein Schlüssel zu einem aufregenden Sommer. 1981 galt Sindelfingen noch als reichste Stadt der Republik. Doch außer einer riesigen Autofabrik und einer winzigen Altstadt hatte meine Heimatstadt wenig zu bieten. Nur das Freibad, das war weltklasse für all jene, die an der Schwelle des Erwachsenwerdens standen. Das waren damals viele, ich gehöre zu den geburtenstarken Jahrgängen, den Babyboomern. Fast jede Sindelfinger Familie besaß einen sogenannten Karnickelausweis. Wer mindestens zwei Geschwister hatte, bekam alles Mögliche billiger. Ich auch.
Unsere Spitznamen endeten auf „i“. Ich hieß Buchi. Es gab auch Schmidti und Mülli. Bei den Mädchen war das System ähnlich, aber die Basis eine andere: Claudi, Netti, Kiki. Wir kannten uns vom Gymnasium, achte Klasse. Eine Clique. Alle trugen Goldketten um den Hals, daran baumelten Sternzeichenamulette, obwohl wir uns nicht für Astrologie interessierten. Eine Modeerscheinung, so wie heute Piercings und Tattoos. Ich hatte den Jungfrau-Anhänger von meiner Patentante zur Konfirmation bekommen, sie hätte mir lieber ein Kruzifix geschenkt.
Treffen am Liebesbuckel
Wir trafen uns nach der Schule am Liebesbuckel. So wurde der terrassierte Hang am Schwimmerbecken genannt, weil hier die Dichte der knutschenden Pärchen hoch war. Ich war in Kiki verknallt, aber das beruhte nicht auf Gegenseitigkeit.
Das Fiese ist: fünfzehnjährige Mädchen schwärmen nicht für fünfzehnjährige Jungs, sondern für ausgewachsene Männer. Ich war fast 1,90 Meter groß und wog lächerliche 65 Kilo, ein pickliger Spargeltarzan. Mein Konkurrent war fünf Jahre älter, angehender Schwimmmeister und sah aus wie Arnold Schwarzenegger.
Stefan Böttcher sitzt noch immer auf der Bank mit der Aufschrift „Nur für Personal“, seine Heldenaura ist noch immer unübertroffen, und er ist noch immer deutlich besser in Form als ich. Man erzählt über ihn, dass er regelmäßig zum Brötchenholen nach Frankreich radle.
Böttcher hat auch mit 47 kein Gramm Fett auf den Muskelpaketen. Er kennt mich nicht, aber ich kenne ihn. Nach der dritten Arschbombe vom Bassinrand kam Adlerauge Böttcher jedes Mal angetrabt und hat mir klargemacht: „Freundchen, ich will dich hier heute nicht mehr sehen.“ Das war nicht weiter tragisch, habe ich halt meine Arschbomben in ein anderes Becken gemacht. Es gibt ja genug Auswahl im Sindelfinger Badezentrum.
Bademeister Böttcher, der deutsche Schwarzenegger
Ich frage Böttcher, ob ihm bewusst ist, dass viele Jungen auf ihn eifersüchtig waren. Er lacht nur und schwärmt von den alten Zeiten. „Die Jugend war pfiffiger“, sagt er. „Da wurde viel angestellt und gleichzeitig überlegt, wie man den Blödsinn am besten vertuscht.“ Heimliches Spionieren in der Mädchenumkleide und so. Heutzutage würden sich die Teenies gegenseitig verpetzen. Das größere Problem sei aber: „Es kommen immer mehr Rentner und immer weniger junge Leute ins Freibad.“
Bademeister Stefan Böttcher im Sindelfinger Badezentrum ist mittlerweile in Rente. Foto: Gottfried Stoppel
Vereinzelt gibt es sie noch, die Pubertierenden, die sich ins Wasser schubsen und gegenseitig untertunken. Die Mädchen kreischen, das gehört zum Geschlechterspiel dazu. Es ist eine getarnte Form der sexuellen Annäherung. Wenn es gut läuft, fragt sie hinterher: „Cremst du mir den Rücken ein?“ Und er darf eine wunderbare Geruchsmischung aus feuchtem Bikini, milchiger Nivea und sonnenwarmer Mädchenhaut einatmen. Knapp geschnittene Badehosen sind in solchen Momenten unpraktisch, weil sich die Gefühlsregungen darin schlecht verbergen lassen. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum die Kerle heutzutage schlabberige Bermudas tragen.
Die erste Zigarette, der erste Sprung vom Zehnmeterturm
Im Sommer 81 haben wir Jungs mit dem Rauchen angefangen, zunächst heimlich hinterm Gebüsch, dann öffentlich auf der Liegewiese. Auch auf Lunge. Camel Filter gehörte zu unserem maskulinen Imponiergehabe wie der Sprung vom Zehnmeterturm. Meine Mutter hatte mich vor beidem gewarnt: Von dem einen bekäme ich Lungenkrebs, das andere reiße mir im Falle eines Bauchklatschers die Gedärme aus dem Leib. Doch als Fünfzehnjähriger fürchtet man weder die Eltern noch den Tod, sondern nur den Spott der Gleichaltrigen.
Also bin ich geflissentlich in die Tiefe gehechtet. Mehrmals habe ich mir dabei meine schmerzempfindlichsten Organe gequetscht – Wasser kann sehr hart sein – und einmal verlor ich beim Eintauchen sogar meine Adidas-Badehose.
Ähnlich peinlich war jener Moment, als mich meine stets besorgte Mutter vor versammelter Clique fragte: „Hast du denn heute schon etwas Vernünftiges gegessen?“ Zu Hause habe ich ihr erklärt, dass sie fortan bei Begegnungen im Freibad bitte schön so tun solle, als würden wir uns nicht kennen.
Damals servierte sie noch Ketchup- oder Senfwecken, heute kommt eher Gesundes auf den Teller: Kioskbetreiberin Gudrun Pfeiffer. Foto: Gottfried Stoppel
Für mein leibliches Wohlergehen war ohnehin Frau Pfeiffer zuständig. An ihrem Kiosk habe ich in meiner Adoleszenz schätzungsweise 500 Senf- und Ketchupwecken gekauft, das Stück für zwanzig Pfennig. Bis 1984 waren die mit gelbgrünen und roten Klecksen aufgepeppten Brötchen der Verkaufsschlager schlechthin. Dann hat sich Gudrun Pfeiffer dem Zeitgeist gebeugt, eine Fritteuse angeschafft und auf Pommes frites umgestellt.
Salat statt Ketchupwecken für 20 Pfennig
Anno 2008 steht auf ihrer Speisekarte auch Gesundes, gemischter Salat und Gemüse aus dem Wok. Die Minigolfanlage nebenan ist längst geschlossen, dafür gibt es nun ein Beachvolleyballfeld. Gudrun Pfeiffers Umsätze gehen stetig zurück. „Das Freizeitverhalten hat sich geändert“, sagt sie. „Die Jungen sitzen daheim vor dem Computer, und statt eine Saisonkarte fürs Freibad zu kaufen, buchen ihre Eltern eine Pauschalreise an die türkische Riviera.“
Bis Mitte der 80er Jahre strömten pro Saison fast eine halbe Million Besucher ins Sindelfinger Freibad. Zuletzt waren es noch 152 000, obwohl die Stadt 4,6 Millionen Euro lockergemacht und der riesigen Anlage – 5,6 Hektar Liegewiesen, 5000 Quadratmeter Wasserfläche – ein neues Kinderbecken, eine moderne Riesenrutsche und einen Strömungskanal spendiert hatte. Steigend sind dennoch nur die Fälle von Sachbeschädigung und Diebstahl. „Solche Probleme kannten wir früher nicht“, sagt der Bäderleiter Peter Riedel.
Nostalgische Erinnerungen an den Freibad-Sommer
Gegen die düstere Gegenwart hilft eine Flucht in nostalgische Erinnerungen. Selbst der Bademützenzwang, erst 1984 von einer Großen Gemeinderatskoalition gekippt, lässt sich in der Retrospektive als Sindelfinger Symbol der Solidarität verklären: Im Wasser sahen wir alle gleich bescheuert aus. Erst wenn wir uns zum Aufwärmen auf die Steinplatten am Beckenrand legten, wurden die physiognomischen Unterschiede deutlich.
Kiki machte in ihrem nagelneuen Bikini vom Modehaus Seeger eine unverschämt gute Figur, während Schmidti seine knallroten Rettungsringe ans Ufer schleppte. Er war auch derjenige, der garantiert in jeden Kaugummi trat und ganze Nachmittage damit verbrachte, die hundertfädigen Ungeheuer von seiner Fußsohle zu pulen. Das Gegenteil war Mülli, der Tennis spielte, ein Kreidler-Mofa fuhr und einen original Sony-Walkman mit Dolby-Rauschunterdrückung besaß.
Im Sindelfinger Freibad erkennt man, wie ungerecht die Welt ist. Trotzdem ist es der erträglichste Ort für die jugendliche Selbstfindung, man sammelt einen reichhaltigen Proviant an Erfahrungen. Als der aufregende Sommer 81 vorbeiging, war manches für mich anders und vieles nicht mehr neu.
Was ist seither geschehen?
Als das Sindelfinger Freibad vor gut 60 Jahren gebaut wurde, glaubte man an ungebremstes Wachstum. Es kam anders: Im Rekordsommer 1969 tummelten sich 600.000 Besucher im Wasser und auf den Wiesen. Mittlerweile gilt es als Erfolg, wenn in einem Jahr die 200.000er-Marke überschritten wird.
Am Personalbedarf hat sich wenig geändert, jedoch an der Personalsituation. Im vergangenen Sommer mussten die Öffnungszeiten eingeschränkt werden, weil mehrere Stellen nicht besetzt werden konnten. Notgedrungen kooperiert die Stadtverwaltung nun mit einem Personaldienstleister.
Zehn Fachangestellte für Bäderbetriebe (wie Bademeister offiziell heißen) werden benötigt, damit die Becken im Zweischichtbetrieb kontinuierlich überwacht werden können. Bereits vor sechs Jahren warb die Stadt mit einem Imagefilm um Mitarbeiter. Als Hauptdarsteller wurde Stefan Böttcher auserwählt, der nicht erst seit der StZ-Reportage eine Art Heldenstatus genießt. Die Augen hinter einer verspiegelten Sonnenbrille verborgen demonstriert der Bademeister, wie cool sein Job ist. „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“, steht in dem Werbespot unter dem Sonnenbrillengesicht.
Ende vergangenen Jahres verabschiedete sich Böttcher, der Generationen von Jugendlichen vom Beckenrand aus zur Ordnung gerufen hatte, nach 16.955 Diensttagen in den Ruhestand. „Seine Fähigkeit, die Dinge klar zu sehen und schnell zu handeln, ist eine wertvolle Gabe, mit der er alle Kollegen inspiriert hat“, sagte Christian Keipert, Leiter des Sindelfinger Sport- und Bäderamts, bei der Verabschiedung.
Bad hat heute Investitionen nötig
Was bringt die Zukunft? Fortlaufend seien hohe Investitionen in das Bad nötig, sagt Keipert. So werde bald die Technik komplett erneuert. Das sei sinnvoll verwendetes Steuergeld: „Wir spüren die Folgen des Klimawandels. Gleichzeitig gibt es immer mehr Familien, die sich keinen Urlaub am Meer oder an einem See leisten können. Das Freibad ist für viele die einzige Möglichkeit, ihre Freizeit am Wasser zu verbringen.“