Freibadunfall in Holzgerlingen Trügerische Sicherheit
Die Gefahr für Badeunfälle ist gestiegen, Vorsicht ist geboten. Weder ein bestandenes Seepferdchen noch ein Bademeister befreien Eltern von ihrer Aufsichtspflicht.
Die Gefahr für Badeunfälle ist gestiegen, Vorsicht ist geboten. Weder ein bestandenes Seepferdchen noch ein Bademeister befreien Eltern von ihrer Aufsichtspflicht.
Was sich am Mittwochnachmittag im Holzgerlinger Waldfreibad ereignete, brach so unbemerkt wie brutal über die Eltern eines sechsjährigen Jungen herein. Soeben noch planschte er sorglos im Becken. Nur Sekunden später passierte das, was nie passieren darf. Unter noch unklaren Umständen drohte der Junge in dem Becken zu ertrinken, wurde von einem Schwimmer entdeckt und leblos aus dem Wasser gezogen. Ersthelfer, Rettungsdienst, Notarzt taten ihr möglichstes, um das Leben des Sechsjährigen zu retten. Er kam mit dem Rettungshubschrauber in die Klinik. Sein Gesundheitszustand bezeichnen die Behörden am Freitag noch immer als sehr kritisch.
Ein so junges, unschuldiges Leben hängt von einer Minute auf die andere am seidenen Faden. Ein blanker Horror für die Eltern, ein traumatisches Erlebnis für alle Beteiligten. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf einen Lebensbereich, der vielen kaum Kummer bereitet: Schwimmen gehen im Freibad. Und doch lauert selbst in den beaufsichtigten Becken das Schlimmste. Eine Verkettung von unglücklichen Umständen ist es meist, die all jenen zum Verhängnis wird, die darin in Lebensgefahr geraten.
Da sind zum einen die Kinder selbst, bei denen der Anteil der Nichtschwimmer gewachsen ist. Corona hat Schwimmkurse in 2020 und 2021 maximal ausgebremst. Die rund 100 000 ABC-Schützen, die jährlich in Baden-Württemberg Einschulung feiern, sind erheblich in Rückstand geraten. Überaus lobenswert sind Initiativen wie die in Böblingen. Sponsoren ermöglichten 90 Grundschulkindern einen Gratis-Schwimmkurs bei der Sportvereinigung Böblingen. 174 wollten mitmachen, was die hohe Nachfrage beweist. Dennoch: Der Rückstand bei den Kursen kann nur langsam abgebaut werden. Knapp 60 Prozent der Grundschulabgänger können nicht sicher schwimmen, sagt die DLRG. Alarmierend.
Wer mit seinen ungeübten Kindern ins Freibad geht, sollte sich im Klaren sein, dass das bestandene Seepferdchen bei weitem noch kein Abzeichen ist, das einen sicheren Schwimmer kennzeichnet. Die Kinder müssen dafür gerade einmal 25 Meter schaffen. Das reicht nicht, um unbeaufsichtigt in die Fluten zu steigen. Im Freibad nicht, und im Freiwasser schon gar nicht. Dort lauern die noch größeren Gefahren: Flüsse und Seen sind schwer einsehbar, haben Strömungen und Untiefen. Das zeigt auch die Statistik: Zehn von 14 tödlichen Badeunfällen im Südwesten passierten dieses Jahr in freien Gewässern.
Ein Trugschluss ist es, dass die Bademeister am Beckenrand die Eltern von ihrer Aufsichtspflicht entbinden. Sie sorgen zwar für den ordnungsgemäßen Schwimmbetrieb. Doch alle großen und kleinen Menschen genau im Blick zu behalten, kann nicht von ihnen erwartet werden.