Freibäder und Corona Badespaß mit trüben Aussichten

Große Wiesen, schöne Becken, tolle Rutschen: Das Mineralfreibad Oberes Bottwartal ist offiziell das beliebteste Freibad Deutschlands. In diesem Jahr dürfte die Bewertung allerdings schlechter ausfallen. Foto: Werner Kuhnle/Archiv
Große Wiesen, schöne Becken, tolle Rutschen: Das Mineralfreibad Oberes Bottwartal ist offiziell das beliebteste Freibad Deutschlands. In diesem Jahr dürfte die Bewertung allerdings schlechter ausfallen. Foto: Werner Kuhnle/Archiv

Deutschlands beliebtestes Freibad ist und bleibt ein geschlossenes Freibad: Die Becken, Rutschen und Wiesen in Oberstenfeld sind schon wieder winterfest. Was im Bottwartal passiert ist, könnte auch für andere Kommunen noch zum Problem werden.

Region: Verena Mayer (ena)
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Bottwartal - Die 100 Meter lange Riesenrutsche wäre Dagmar Gemmrich mit ihren 72 Jahren sicher nicht hinuntergeflitzt, und den Fünfer im Oberstenfelder Freibad hätte sie auch nur von unten gesehen – aber geschwommen wäre sie bestimmt viel. Jeden Morgen 1000 Meter. „Da tanke ich Zufriedenheit“, sagt die Rentnerin, die stattdessen aber Protest organisiert hat. Weil das Freibad in Ober­stenfeld (Kreis Ludwigsburg) in diesem Jahr geschlossen bleibt.

Eine historische Entscheidung

Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Zum einen ist es eines von wenigen in der Region, das nicht öffnet. Zum zweiten hätte es der Bürgermeister Markus Kleemann (CDU) gerne anders gehabt. Und zum dritten ist das Mineralfreibad Oberes Bottwartal nicht irgendein Freibad, sondern das beliebteste Freibad Deutschlands. Bei einer Auswertung des Verbraucherportals „testberichte.de“ vor zwei Jahren bekam das Mineralfreibad im Oberen Bottwartal die besten Noten.

„Das war eine historische Entscheidung“, sagt Markus Kleemann über die Entscheidung, das Bad nicht zu öffnen. Er kann den Ärger der Bürger sehr gut verstehen. Geplant war es ja anders: Wie die meisten anderen Freibäder sollte auch das in Oberstenfeld unter strengen Hygiene- und Sicherheitsauflagen Ende Juni öffnen. Das hätte mehr Ausgaben für Personal und Reinigungsmittel bedeutet und weniger Einnahmen von Besuchern – und deshalb ein höheres Minus für das Bad. Statt 400 000 Euro wären es mehr als 800 000 Euro geworden. Das war letztlich der entscheidende Punkt. Und auch deshalb ist die Entscheidung bemerkenswert: Denn Geld könnte noch öfter zum Problem werden, nicht nur in Oberstenfeld.

Schwimmen ist ein Zuschussgeschäft

Tatsächlich ist der Betrieb kommunaler Bäder immer ein Zuschussgeschäft. In Böblingen zum Beispiel bezuschusst die Stadt das Freibad in einer normalen Saison mit knapp zwei Millionen Euro. Winnenden subventioniert sein Wunnebad mit 1,5 Millionen Euro, Esslingen war sein Neckarfreibad bisher 500 000 Euro wert; Ludwigsburg das Freibad am Neckar rund 230 000 Euro. In das Steinheimer Wellarium fließen bis zu 480 000 Zuschusseuro. Und Stuttgart, wo es fünf städtische Freibäder gibt, kalkuliert mit einem durchschnittlichen Jahresverlust zwischen 2,7 und 3,7 Millionen Euro.

Für dieses Jahr rechnen all diese Kommunen mit noch höheren Defiziten im Bäderbetrieb. Dass sie die Anlagen trotzdem geöffnet haben, liegt daran, dass sie sich den Bürgern verpflichtet fühlen, die in diesem Jahr auf viele Freizeitaktivitäten verzichten müssen. Und daran, dass sie Schwimmen als „Daseinsvorsorge“ betrachten. Wie aber wird das in Zukunft sein, wenn Kommunen wegen des coronabedingten Wirtschaftseinbruchs sehr viel weniger Geld haben?

Experten befürchten Bädersterben

„Jetzt könnte ein Bädersterben dräuen“, sagt Christian Ochsenbauer von der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen, die weiß, dass in Zeiten knapper Kassen freiwillige Infrastrukturmaßnahmen oben auf der Prüfliste stehen. Die Gesellschaft fordert einen Masterplan Bäder. Bestand und Bedarf müssten analysiert werden, um Finanzierungsprogramme zu initiieren. Dann gäbe es Bäder nicht nur dort, wo es Geld gibt, und der „Flickenteppich der Bäderpolitik“ wäre beendet. „Das würde die Bäderversorgung verbessern und gleichzeitig Geld sparen“, sagt Ochsenbauer.

Den Städtetag Baden-Württemberg kann er schon mal zu seinen Verbündeten zählen. „Schwimmen gehört zu unseren sozialen Errungenschaften“, sagt Gudrun Heute-Bluhm. Die Chefin des Städtetags sorgt sich besonders um Bäder, die eigentlich saniert werden müssten. Wenn Kommunen dafür aber kein Geld mehr haben sollten, brauche man über Betriebskosten gar nicht mehr reden. Das dafür Hilfe vom Land nötig sei, ist schon jetzt eine Forderung an die nächste Landesregierung.

Wird das Freibad zum Park?

Zurück nach Oberstenfeld. Man kann nicht sagen, dass sich die Kommunalpolitiker ihre Entscheidung leicht gemacht haben. Im Gegenteil: Die Debatten verliefen ziemlich emotional und letztlich auch ziemlich durcheinander. Der Oberstenfelder Gemeinderat votierte mit einer Stimme Mehrheit gegen die Öffnung des Bades. Der Beilsteiner Gemeinderat stimmte mit deutlicher Mehrheit für die Öffnung. Beide Kommunen betreiben das Freibad gemeinsam über einen Zweckverband. In dessen entscheidender Sitzung schließlich widersetzten sich einige Mitglieder dem Votum ihrer Gemeinderäte – weshalb die Abstimmung ungültig war.

Dagmar Gemmrich, die Fröhlichkeit tankende Dauernutzerin, hat jede Menge Unterschriften gegen dieses Ergebnis gesammelt. Gebracht hat es nichts. Das Gesetz sieht vor, dass der Zweckverband über das Thema erst in einem halben Jahr wieder abstimmen darf. Vielleicht wird das beliebteste Freibad Deutschlands kurzerhand noch zum Park umfunktioniert. Die Entscheidung darüber steht noch aus. Winterfest ist es inzwischen allerdings – und kostet trotzdem: 704 000 Euro.

Deutlicher Schwund

Statistik
Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen gab es 2019 in Deutschland 2703 Freibäder – 2000 waren noch 3238 gezählt worden. Im Durchschnitt sind damit pro Jahr 28 Freibadangebote weggefallen. Hallenbäder wurden zuletzt 3246 gezählt, im Jahr 2000 waren es noch 3478.

Struktur
Ländliche Gebiete sind speziell von Freibadschließungen tendenziell stärker betroffen als Ballungsgebiete.




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