Freiberg am Neckar Eine Stadt reißt ihre Mitte ein
Wenn in wenigen Monaten in Freiberg am Neckar die neue Oscar-Paret-Schule fertig ist, wird das alte Schulgebäude abgerissen. Wie es weitergeht, birgt durchaus Zündstoff.
Wenn in wenigen Monaten in Freiberg am Neckar die neue Oscar-Paret-Schule fertig ist, wird das alte Schulgebäude abgerissen. Wie es weitergeht, birgt durchaus Zündstoff.
Freiberg/Neckar - Im Jahr 1972 wuchsen die Gemeinden Heutingsheim, Beihingen und Geisingen zu Freiberg am Neckar (Kreis Ludwigsburg) zusammen. Nun, fast genau 50 Jahre später, stehen neue große Eingriffe ins Stadtbild zur Debatte. Im Sommer soll die neue, riesige Oscar-Paret-Schule (OPS) fertig werden, das alte Gebäude, das die Ortsmitte bislang prägt, wird dann überflüssig und abgerissen.
Das ist der Startschuss für eine komplette Neugestaltung des Stadtzentrums, das einst als verbindendes Element der Gemeinden geschaffen wurde. Der Gemeinderat hatte bereits 2014 beschlossen, das Zentrum umzumodeln. Was auf den frei werdenden Flächen entsteht, ist bereits grob skizziert. Ein städtebaulicher Wettbewerb soll in zwei Phasen – bis zum Jahr 2024 – aber noch genauer aufzeigen, wie ein „zukunftsfähiges Zentrum“ aussehen kann, das auch noch in 20 Jahren von Jung und Alt genutzt wird.
Im Fokus steht dabei zunächst das Rathaus. Das in die Jahre gekommene Gebäude mit seinem markanten Schornstein am einen Ende des Marktplatzes, der auch schon für seine Funktionalität – mit kurzen Wegen zwischen Ärzten, Apotheken und Einzelhändlern – ausgezeichnet wurde, versprüht inzwischen den Charme der 70er Jahre. Weil es am Brandschutz mangelt, Lüftung, Heizungen, Sanitäranlagen und die Elektronik nicht mehr zeitgemäß sind und das Gebäude energetisch ohnehin saniert werden muss, plädiert die Rathausspitze dafür, es gleich abzureißen.
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Stattdessen soll ein „Haus der Bürger“ gebaut werden, in dem neben der Verwaltung auch eine Kita, die Bürgerdienste, die Stadtbibliothek – die sich bislang im OPS-Gebäude befindet –, Ausstellungsräume und möglicherweise sogar Gewerbeflächen Platz haben. Die Rathausspitze stützt sich dabei auf eine Machbarkeitsstudie, aus der hervorgeht, dass Abreißen und neu Bauen mit 18,5 Millionen nur etwa eine Million Euro teurer wären, als das bestehende Gebäude zu ertüchtigen. Bürgermeister Dirk Schaible und der Erste Beigeordnete Stefan Kegreiß argumentieren unter anderem damit, dass mit einem Neubau an anderer Stelle mehr Wohnraum geschaffen werden könnte. Aus ihrer Sicht ist die Bündelung verschiedener Nutzungen auch deshalb sinnvoll, weil „eine Verteilung auf zwei oder mehr Objekte dauerhaft einen höheren Aufwand“ bedeuteten und letztlich auch höhere Kosten.
„Die gute Nachricht ist, beide Varianten funktionieren“, sagte Schaible bei einer Sondersitzung des Gemeinderats zuletzt. Der Bürgermeister weiß aber auch: Beide Varianten kosten viel Geld. Geld, das die Stadt eigentlich nicht hat, meinen zumindest einige Stadträte, die am 8. März eine Entscheidung fällen sollen. Mit dem Schulneubau, der mehr als 80 Millionen Euro kostet, hat sich die Stadt hoch verschuldet, zuletzt war in einem Bürgerentscheid beschlossen worden, dass zwei von drei Grundschulen am Standort Kasteneck zusammengelegt werden. Wohl auch kein Spottpreisprojekt.
Wie also will die Stadt das Geld aufbringen? Stefan Kegreiß verweist auf Zuschüsse, wobei das Land schon viel Geld für die neue Schule gegeben habe – und man deshalb „sicherlich nicht mehr mit 20 Millionen für das Zentrum“ rechnen könne. Ohne neue Darlehen wird es also nicht gehen. Kegreiß erinnerte daran, dass man mit neuen Gebäuden Sachwerte schaffe. „Das Geld ist also nicht verloren.“ Bei den nun anstehenden Schritten handle es sich auch nicht um einen Baubeschluss. „Wir haben noch viel Zeit, eine finanzielle Basis zu schaffen“, versuchte der Erste Beigeordnete zu beruhigen.
Mit der neuen Gemeinschaftsschule habe man in den vergangen Jahren „viel erreicht“ und in planerischen Dingen deshalb inzwischen „eine gewisse Routine“. Einen größeren Batzen erhofft sich die Verwaltung offenbar von Grundstücksverkäufen – auch in der Stadtmitte –, außerdem habe die Stadt noch Eigenmittel. „Wo sind die?“, wollte Markus Geiger (CDU) wissen. Er erinnerte auch daran, dass mit SAP ein großer Gewerbesteuerzahler fehle, der vor gut zwei Jahren die Stadt verließ.
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Es scheint, als bekäme die ein oder andere Stadträtin in Anbetracht des nächsten Mammutprojekts ein wenig kalte Füße. Klar artikulierte das Tanja Pauer (Freie Wähler): „Ich habe die Befürchtung, wir übernehmen uns etwas.“ Für eine Planung eine Nummer kleiner plädierte auch Steffen Rapp (CDU). Er zog insbesondere in Zweifel, dass im neuen Zentrum mindestens 8000 Quadratmeter Fläche für den Einzelhandel benötigt würden. „Je größer wir planen, desto teurer wird es eben auch“, so Rapp. Dass er und seine Kolleginnen und Kollegen keine andere Wahl haben, als eine Entscheidung zu treffen, brachte Harald Schönbrodt (Grüne) auf den Punkt: „Wenn wir nichts machen, haben wir eine riesige Brache in der Stadtmitte.“ Und das kann keiner wirklich wollen.
Freiberg/N. schafft sich ein neues Zentrum
Das Große Ganze Neben einem neuen Rat- beziehungsweise Bürgerhaus soll im Zentrum noch jede Menge Anderes entstehen. Die Erdgeschossflächen mehrerer neuer Gebäude – bislang sind 8000 bis 9000 Quadratmeter geplant – sollen dem Einzelhandel vorbehalten sein. Darüber sind auf 7000 Quadratmetern Arztpraxen und weitere gewerbliche Nutzungen angedacht. Neuen Wohnraum gibt es auch. Hierfür rechnet die Stadt bislang mit 17 500 Quadratmetern. Senioren sollen dort genauso ein Zuhause finden wie Familien. Und: Die Wohnungen sollen teils auch preisgedämpft sein.
Der Zeitplan Mit einem Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbs ist erst in zwei Jahren zu rechnen. Anschließend folgt der Bebauungsplan. Bis dahin wird eine neue Sporthalle gebaut, mit der noch nicht begonnen wurde. Ein neues Rathaus dürfte es nicht vor dem Jahr 2028 geben