Freiburger Barockorchester Stille, Tontrauben und Revolution

Von Susanne Benda 

Das Alte-Musik-Ensemble aus Südbaden hat mit der Geigerin Amandine Beyer im Stuttgarter Mozartsaal französische Barockmusik gespielt.

Amandine Beyer Foto: François Sechet
Amandine Beyer Foto: François Sechet

Stuttgart - Noch liegt das Jahr 1789 in weiter Ferne, aber in Paris ist die Revolution ausgebrochen. Jean-Féry Rebel hat 1737 „Les Éléments“ komponiert: „Symphonie nouvelle“ lautet deren Untertitel. Der erste Satz des Stücks ist nachkomponiert, gehört aber dazu; er trägt den Titel „Chaos“, und er beginnt mit dem ersten Cluster der Musikgeschichte, einer Tontraube, in der zwei Akkorde miteinander verschränkt werden, die bei einer herkömmlichen Harmoniefolge eigentlich aufeinander folgen müssten. So einen Akkord spielt das Freiburger Barockorchester sonst nie, aber am Donnerstagabend im Mozartsaal kann man geradezu körperlich spüren, mit welcher Lust sich die Musiker dem Ungeordneten und der barocken Neuen Musik hingeben.

Klar, sie wissen, dass die Alte Musik am Ende immer aufgeräumt enden wird. Aber ganz wesentlich hat die Hingabe der Freiburger mit Amandine Beyer zu tun. Die französische Geigerin tänzelt und spielt am ersten Pult verträumt vor sich hin und kultiviert als Gast-Konzertmeisterin die große Kunst des Loslassens. Ihre Impulse sind zart, sie vertraut den Musikern, das Ensemble nimmt ihre weichen Gesten auf. Es spürt, was sie will, und mit großer Selbstverständlichkeit fließt alles zusammen. Mancher Einsatz kommt zwar nicht vollends auf den Punkt, aber das ist nicht wichtig. Und immer wieder macht der fantasievolle Schlagzeuger Charlie Fischer deutlich, wo und wie selbst die hochartifizielle französische Barockmusik in derber Volksmusik wurzelt.

Fast jedes Stück enthält eine faustdicke Überraschung

Was für ein Kosmos der Klänge ist da zu erleben, welche Leichtigkeit in der Bogenführung der Streicher, welche Virtuosität! Die Aufstellung des Orchesters mit dem Bass mitsamt Cembalo und Laute an der Rampe kommt der Balance der Werke ideal entgegen. Und fast jedes Stück enthält eine faustdicke Überraschung: Elisabeth Jacquet de la Guerres „Céphale et Procris“-Suite lässt am Ende die Dämonen los, die Passacaglia in Georg Muffats Sonata V aus „Armonico Tributo“ führt auf berauschend endlose Weise vor, wie musikalische Fußfesseln (nämlich eine wiederholte Bass- und Harmoniefolge) maximale Freiheit (für die Melodiestimmen) bewirken können. Und die Ouvertüre von Jean-Philippe Rameaus „Zaïs“-Suite definiert schließlich in einem hochtheatralischen Experiment das Chaos ganz anders als anfangs Rebel: Bei Rameau liegt es in der Stille, in den Pausen zwischen den Klängen. Nicht nur John Cage wird im 20. Jahrhundert aus dieser Idee eine Revolution machen.