Freiburger Barockorchester und Vox Luminis in Stuttgart Es ist reine Magie!
Das Freiburger Barockorchester und der Chor Vox Luminis haben in Stuttgart Bachs h-Moll-Messe aufgeführt – und dem Publikum einen unvergesslichen Abend beschert.
Das Freiburger Barockorchester und der Chor Vox Luminis haben in Stuttgart Bachs h-Moll-Messe aufgeführt – und dem Publikum einen unvergesslichen Abend beschert.
Vorne das Orchester, hinten der Chor. Kein Dirigent. Dazu eines der reichsten, auch komplexesten Sakralwerke der Musikgeschichte. Kann das funktionieren? Es kann – das beweisen am Freitagabend im Stuttgarter Mozartsaal das Freiburger Barockorchester und das belgische Vokalensemble Vox Luminis.
Der schon längenmäßig aus der Reihe der Singenden herausragende Chorleiter Lionel Meunier, offiziell der Leiter der Aufführung, speist mit wohldosierten Gesten und bewegtem Oberkörper den Dialog mit dem Konzertmeister Péter Barczi von hinten, aber wie und warum genau sich die Impulse aus dieser kommunikativen Achse ins Ensemble übertragen, bleibt oft unerklärlich, also magisch. So wie die intonatorisch makellosen Einsätze des Chores im Kyrie und im Credo: reine Vokalklänge, die aus dem Nichts entstehen, ohne Vorab-Einstimmung und instrumentales Geleit.
Der Abend ist unvergesslich. Das hat mit der Art zu tun, in der Bachs viel gespielte Messe hier aufgeführt wird, und die Besonderheit der Darbietung ist auch ein Ergebnis der besonderen Kommunikation. Es gibt keinen Taktgeber im Vordergrund, die Solistinnen und Solisten kommen aus dem Chor und reihen sich nach ihren Auftritten wieder ein: Da bleibt kein Raum für Diven und Effekte. Alles fließt, alles ist leicht.
An einigen wenigen Stellen im Stück mag man sich ein Quäntchen mehr Betonung, Ausharren und Wirkung wünschen – so wie es hier etwa beim „Qui tollis“ zu hören ist, beim Pizzikato-begleiteten „Domine Deus“ oder, besonders eindrucksvoll, beim „Et incarnatus est“. Wie fein, wie expressiv wird hier Musik gemacht! Und über allem liegt der Zauber der Gemeinsamkeit.
Diese h-Moll-Messe wirkt auf bestechende Weise gelassen und befreit. Alles, was geschieht, wächst aus der Musik selbst. Die Aufführung wirkt so organisch und so natürlich, als habe sich hier eine hochmusikalische Familie zur Spontan-Mugge verabredet – wobei in den Solo-Arien mit obligaten Instrumenten zwischenzeitlich auch berührende Szenen einer Familienaufstellung zu erleben sind („Qui sedes“ mit dem Oboisten Rodrigo López Paz, „Quoniam“ mit dem Hornisten Bart Aerbeydt).
Und es gibt einen Altus, der sich besonders profiliert: Alexander Chance gibt das „Agnus Dei“ so rein und so unschuldig, als sei er just einem Knabenchor entsprungen. Nach dem „Dona nobis pacem“ herrscht pures Glück, auf und vor der Bühne. Es hat nicht nur funktioniert. Es war reine Magie.
Termin
Sendung bei SWR Kultur am 25. Oktober, 20.03 Uhr