Freiburger Doping-Vergangenheit Aufklärer auf der Zielgeraden

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Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hat erfolgreich geschlichtet: die Uni Freiburg und ihre Doping-Kommission wollen nicht länger streiten. Bis Ende des Jahres sollen die Aufklärer ihre Arbeit abschließen – und Ergebnisse präsentieren.

Phänomen Doping: Theresia Bauer will wissen, inwieweit die Freiburger Ärzte „geschützt und gestützt“ worden sind. Foto: dpa
Phänomen Doping: Theresia Bauer will wissen, inwieweit die Freiburger Ärzte „geschützt und gestützt“ worden sind. Foto: dpa

Stuttgart - Die Hauptperson war am Tag danach schon wieder abgereist. Letizia Paoli, die Vorsitzende der Kommission zur Aufarbeitung der Freiburger Doping-Geschichte, musste nach der langen Nacht im Stuttgarter Wissenschaftsministerium zurück an ihre Uni im belgischen Leuwen. Man sei „sehr erfreut über die Ergebnisse des Gesprächs“, hatte sie nach dem vierstündigen Treffen der Kommission mit Ministerin Theresia Bauer (Grüne) und dem Freiburger Unirektor Hans-Jochen Schiewer noch bilanziert – dann wurde die Professorin, Soziologin und Mafia-Expertin von anderen Pflichten gerufen.

So blieb es zunächst ihrem Heidelberger Kommissionskollegen Gerhard Treutlein vorbehalten, die neue Einigkeit anderntags im Ministerium auch für die Medien zu bezeugen. Gemeinsam mit Bauer und Schiewer trat er vor die Journalisten, um das weitere Vorgehen zu erläutern. Die Kommission geht dem Verdacht des systematischen Dopings an Spitzensportlern nach (siehe „Spritzen für den Sieg“). Dank der „hervorragenden“ Moderation der Ministerin, lobte Treutlein, sei nun alles auf einem guten Weg. Man sei „einen entscheidenden Schritt weitergekommen“, bestätigte Schiewer, Bauer verortete die Kommission nach sieben Jahren „auf der Zielgeraden“. Verstärkt durch drei zusätzliche Mitglieder, solle sie ihre Arbeit zum Jahresende abschließen.

Gespanntes Verhältnis zur Universität

So viel Harmonie war nach dem Vorlauf des Treffens nicht unbedingt zu erwarten. Seit Wochen wurde darum gerungen, ob und wann es tatsächlich zustande käme; mehrfach musste der avisierte Termin verschoben werden. Noch am Vortag hatte sich Paoli per Pressemitteilung darüber mokiert, dass Bauer vorab schon mit Pressevertretern spreche. Gleichsam als Konter präsentierte sie eine eigene Internetseite, auf der ihre Sicht der Dinge dargestellt wird.

Gespannt war nicht nur Paolis Verhältnis zu Bauer, sondern vor allem das zu Schiewer: Dem Rektor der Uni Freiburg – ihrem Auftraggeber – warf sie wiederholt vor, die Aufklärungsarbeit zu behindern. Auf 300 Seiten dokumentierte sie einmal, wie mühsam die Kommission um Material kämpfen müsse. Tatsächlich gab es manche Merkwürdigkeiten – so wie die Sache mit den Aktenkisten, die eine Uni-Mitarbeiterin jahrelang in ihrer Garage gehortet hatte. Doch Schiewer wies die Vorwürfe stets zurück und bekundete sein uneingeschränktes Interesse an Aufklärung: Nur wenn die Doping-Historie wirklich aufgearbeitet sei, könne die Universität nach vorne schauen. Ob dieser klaren Haltung, hörte man aus Freiburg, musste der Rektor selbst einiges an Anfeindungen ertragen. Dort gebe es noch starke Kräfte, die das „Herumrühren in der Vergangenheit“ so schnell wie möglich beenden wollten.

Bauer erhofft Aufschluss über Strukturen

Theresia Bauer ließ dagegen nie einen Zweifel daran, wie wichtig ihr eine gründliche Rückschau sei. Man wolle wissen, inwieweit das Agieren einzelner Ärzte „geschützt und gestützt“ wurde, welche Strukturen es ermöglicht hätten. Erst daraus könne man wirklich für die Zukunft lernen. Entsprechend stark unterstützte die Grüne die Kommissionsarbeit – sei es, in dem sie Kabinettskollegen zur Herausgabe von Akten oder zur Erteilung von Aussagegenehmigungen ermunterte, sei es, indem sie zwischen Paoli und Schiewer zu schlichten versuchte.

Bei dem entscheidenden Gespräch am Dienstag Abend im Ministerium scheint das weitgehend gelungen zu sein. Man habe „das gemeinsame Ziel miteinander in den Blick genommen“ , formulierte Bauer, und die konkreten Schritte bis zum Abschluss der Arbeit vereinbart. Drei Sitzungen solle es in den nächsten Monaten noch geben, Ende des Jahres solle die Kommission ihre Ergebnisse öffentlich präsentieren, bei einem Symposium sollten diese dann erörtert werden – so habe man es „verbindlich“ ausgemacht.

„Verbindliche“ Frist weiter strittig

Gegen eine solche finale Frist hatte sich Paoli stets gewehrt. Es gebe schließlich noch neue Erkenntnisse und Unterlagen, die ausgewertet werden müssten. Auch ihr Kollege Treutlein mochte das „verbindlich“ nicht so ganz bestätigen: Man müsse auch auf „Unwägbarkeiten“ reagieren können, etwa, wenn jemand krank werde. Schiewer entschärfte den Disput um den Begriff schließlich mit dem Hinweis, eine Verschiebung um „drei, vier Wochen“ sei unproblematisch. Als klaren Erfolg kann die Kommission hingegen verbuchen, dass sie nun doch verstärkt wird. Drei vakante Positionen werden für die Schlussetappe nachbesetzt – mit genau jenen Experten, die Paoli & Co. sich gewünscht hatten (siehe „Drei neue Mitglieder für die Doping-Kommission“).

Die Arbeit der letzten Monate dürfte sich vor allem auf den Sportmediziner Armin Klümper konzentrieren. „Dopinghistorisch einzigartige Akten“ seien es, hatte Paoli geschwärmt, die man zu den Ermittlungen gegen ihn von der Freiburger Staatsanwaltschaft erhalten habe. Zunächst hatte die Behörde behauptet, es gebe keine Unterlagen mehr, dann aber fanden sie sich plötzlich doch – angeblich per Zufall in einem Außenlager. Mit den Dokumenten könne man die Aussage eines damaligen Ermittlers absichern, der der Kommission sieben Stunden lang Rede und Antwort gestanden habe, berichtete Treutlein. Der Mann habe einen „sehr glaubwürdigen Eindruck gemacht“ und sich exzellent erinnert; weitere Fahnder müsse man womöglich nicht mehr befragen.

Klümper-Autobiografie als „Selbstverherrlichung“

Wenig Aufschluss, so der Heidelberger Professor, gebe dagegen das inzwischen aufgetauchte Manuskript einer Autobiografie Klümpers. Dessen Ehefrau habe dem Vernehmen nach die Veröffentlichung verhindert und „gut daran getan“. Schon der Titel des Werkes zeige, dass es sich um eine „weitgehende Selbstverherrlichung“ handele: „Verzeihen kann ich, vergessen kann ich nicht“, habe es der fast 80-jährige, seit Jahren in Südafrika lebende „Doc“ überschrieben. An seinem Handeln, so Treutlein, zeige Klümper bis heute keinerlei Zweifel.