Der neue Platz der Alten Synagoge in Freiburg ist sehr beliebt – und löst Streit aus: Bei schönem Wetter vergnügen sich dort Hunderte. Die Erinnerung an die Nazi-Greuel bleibt dabei auf der Strecke.

Baden-Württemberg: Heinz Siebold (sie)

Freiburg - Wie in einer Badeanstalt“ sehe es bei schönem Wetter manchmal auf dem neuen Platz in der Freiburger Innenstadt zwischen dem Stadttheater und der Universität aus, räumt der Erste Bürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD) ein. Nicht nur Kinder planschen dort im Brunnenbecken, auch Erwachsene. Manche bringen zum Picknick auch die Luftmatratze mit und schippern über das flache Gewässer. Und nicht nur das. Radler schieben ihren Drahtesel durch das Becken, um die Reifen zu reinigen, und zahlreichen Junggesellenabschieden dient das Bassin zur Kühlung der alkoholischen Getränke oder als Ganzkörperdusche.

So ist das eben, wo ein Brunnen ist, wird auch geplanscht, und dass der neue Platz belebt wird, wollten die Stadtverwaltung und der Gemeinderat ja ausdrücklich. Sie sind erfreut, dass dass ihn die Freiburger sofort nach der Eröffnung im vergangenen Sommer toll „angenommen“ haben, wie der Baubürgermeister Martin Haag (parteilos) erfreut feststellt. Die gute Laune wird freilich durch einen historischen Umstand getrübt, von dem man wusste, bevor man das Wasserbecken anlegte: Das aufwendige Bassin auf dem 700 Quadratmeter großen Platz liegt genau dort, wo bis zum 9. November 1938 die Freiburger Synagoge stand. Deren Grundriss zeichnet der Rand des Brunnens nach.

Stadt hält Versprechen nicht

Die Synagoge haben die Nazis in der Reichspogromnacht in Brand gesetzt, die Mauerreste wurden abgerissen, das Grundstück verleibte sich die Stadt Freiburg damals zwangsweise für 67 000 Reichsmark ein – die Abrisskosten wurden der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt.

Eine Wiedergutmachung gab es nach dem Krieg nicht, die Stadt versicherte der Jüdischen Gemeinde im Jahr 1948 lediglich, dass sie keine „Profanierung“, also keine Entwürdigung oder Entwertung des Platzes dulden werde. Allerdings verstieß sie schon bald selbst dagegen und ließ die Nutzung als Parkplatz zu. Vor einigen Jahren hat man die Autos zwischen der Uni und dem Theater ausgesperrt, und mit dem Bau einer neuen Straßenbahnlinie wurde seitdem die Umgestaltung des Platzes zur „urbanen neuen Mitte“ Freiburgs betrieben. Nun, da sie fertig ist und bestens funktioniert, ist der Ärger groß. Bei schönem Wetter tummeln sich dort Hunderte von Menschen. Und sie entwürdigen den Platz nach der Ansicht vieler Kritiker.

Mauerreste einfach entfernt

Dabei hatte die Stadt die jüdische Gemeinde in die Planung einbezogen. Doch als in der Endphase der Bauarbeiten im Herbst 2016 Fundamentreste der zerstörten Synagoge freigelegt wurden, kam es zu einem Konflikt: Die jüdische Einheitsgemeinde forderte einen Baustopp und die Erhaltung der Steine als Denkmal.

Doch die Stadt Freiburg entfernte die Mauerreste und baute weiter – das Projekt stand unter Zeitdruck, Fristen für Fördergeld drohten abzulaufen. Erst nach der Fertigstellung des Brunnens und des Platzes ging die Stadtverwaltung mit den beiden jüdischen Gemeinden der Stadt – der Israelitischen und der Egalitären Jüdischen Chawurah Gescher Gemeinde – in ein Dialogverfahren, um über die Nutzung des Platzes und den Umgang mit den geborgenen Fundamentresten zu sprechen. „Wir sind anders rausgekommen als wir reingegangen sind“, berichtete der sichtlich erleichterte Moderator Dirk Kron unter dem beifälligen Nicken der Beteiligten jetzt im Rathaus.

„Keine radikalen Lösungen“

Im Ergebnis ist nun wenigstens ein Problem einvernehmlich geklärt: Die im Moment zwischengelagerten Steine des Synagogenfundaments sollen als Mahnmal in einem neuen Dokumentations- und Informationszentrum präsentiert werden, das den Nationalsozialismus in Freiburg thematisiert. Und zwar zusammen mit den Namen und Biographien der aus Freiburg stammenden ermordeten Jüdinnen und Juden.

Das NS-Dokumentationszentrum gibt es noch nicht, Bürgerinitiativen fordern es schon länger. Bis Ende 2020 soll es nun eingerichtet werden. Es gibt noch kein Gebäude dafür, die Stadt will erst erkunden, wie viel Platz nötig ist. „Wir werden etwas finden“, beteuert der Bürgermeister Ulrich von Kirchbach. „Wir wollen, dass es in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Synagoge ist“, wünscht sich Irina Katz, die Sprecherin der Israelitischen Gemeinde. Und es solle einen historischen Bezug haben.

Wie das zu realisieren ist, blieb bisher offen. Genauso die Frage, wie ein „respektvolles und der Würde des Ortes angemessenes Verhalten“ am Brunnen erreicht werden kann. So steht es auf zwei Stelen mit Info-Texten, die bisher von Planschenden so hartnäckig ignoriert werden wie mündlich vorgetragene Bitten. Entsetzlich findet Irina Katz, dass ausgerechnet auch die Studenten der Universität – „die künftige Elite des Landes“ – wenig Sensibilität an dem Erinnerungsort zeigten.

Aber was könnte man überhaupt tun? Der Platz ist kein Mahnmal, aber ein Erinnerungsort, der für Angehörige von Shoah-Opfern von einer besonderen Bedeutung ist. In der Diskussion sind Verbotsschilder am Brunnen, eine gläserne Hürde am Beckenrand und zusätzliche Informationen über ein digitales Info-Panel. „Wir müssen den Synagogenbrunnen stärker als Ort der Erinnerung in den Fokus der Bürger rücken“, betont Ulrich von Kirchbach. „Aber es wird keine radikalen Lösungen geben“. Also keine Mauern um das Bassin, das auch nicht trocken gelegt wird. Dass es immer mal wieder zu unangemessenen Vorkommnissen kommt, werde kaum zu vermeiden sein. „Es muss im Regelfall besser werden, nicht so wie jetzt.“ Der Dialog darüber werde fortgeführt.