Freie Wähler Henkel: Die deutsche Elite versagt

Der Eurokritiker Hans-Olaf Henkel holt in Stuttgart zum Rundumschlag aus. Es sei politisch inkorrekt, über Alternativen in der Eurokrise nachzudenken. Vor allem die FDP habe „total an Kreditwürdigkeit verloren“ und sei „völlig unwählbar geworden“.

Der 72-jährige Hans-Olaf Henkel ist voller Wut – vor allem auf die FDP. Foto: Heinz Heiss
Der 72-jährige Hans-Olaf Henkel ist voller Wut – vor allem auf die FDP. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel kommt nach wie vor viel herum. Bevor er am Donnerstagabend vor etwa 40 Zuhörern in einem Stuttgarter Hotel sprach, war er in London. Vor Tagen hat er in Tschechien mit dem Präsidenten Václav Klaus unter vier Augen gesprochen. Davor weilte er in Schweden.

Erfahren hat Henkel: „Die Ausländer begreifen nicht, dass sich die Deutschen wie die Lemminge von der politischen Führung in Richtung Abgrund treiben lassen.“ Sie würden fragen, wann die Bewegung losgehe, die sich das nicht mehr gefallen lasse. Henkel hat darauf eine Antwort: „Die Politik und die Medien haben es geschafft, das Rütteln am Einheitseuro zu einem Tabu zu erklären.“ Es sei nun mal politisch inkorrekt, über Alternativen nachzudenken. Und nach einer Unterredung mit einem britischen Juden noch am Morgen meint er, dass dies mit dem typisch schlechten Gewissen der Deutschen zusammenhänge.

Zwei frühere BDI-Präsidenten haben eine eigene Position

Unter vier Augen bekomme er dauernd Zustimmung – auch von bekannten Dax-Vorständen. Und es sei „ein Hammer“, dass mit ihm und Heinrich Weiss nunmehr zwei frühere BDI-Präsidenten in der Euro-Frage eine andere Position einnähmen als der Amtsinhaber Hans-Peter Keitel. Doch das werde kaum zur Kenntnis genommen. Neulich hätten sich zwar gut 170 Ökonomen gegen den Kurs der Kanzlerin gewandt, „aber nicht einer hat den Mut, mit einer Therapie zu kommen“. Daraus folgt: „Die gesamte deutsche Elite versagt.“ Er wolle helfen, „die Feigheit aufzudröseln“.

Sein Leben lang hat Hans-Olaf Henkel die Liberalen unterstützt – finanziell als auch in Wahlkämpfen. Jetzt ist es wie bei einer enttäuschten Liebe: „Die FDP hat heute noch das beste Parteiprogramm“, befindet er. In der Europolitik jedoch habe sie „total an Kreditwürdigkeit verloren“ und sei „völlig unwählbar geworden“. Drei Grundsätze habe die FDP über Bord geworfen: Heute trete sie für Harmonisierung statt für Wettbewerb ein, für Zentralisierung statt für das Prinzip der Subsidiarität und für Vergemeinschaftung statt für Eigenverantwortung. Fazit: „In der Europolitik sei sie keine liberale Partei mehr.“

Während der Mitgliederumfrage bei den Liberalen zum Rettungsschirm meint Henkel erkannt zu haben, dass „es keine ernst zu nehmende Kraft mehr gibt, die die inzwischen 80 Prozent der Bevölkerung vertritt, die gegen weitere Rettungsaktionen für den Euro sind“. Diese Aufgabe, so lautet sein Credo, „hängt am Baum wie eine überreife Frucht – man muss nur dagegen treten, dann fällt sie herunter“. Dies dürfe man aber nicht der NPD oder „irgendwelchen Rechten wie in Frankreich“ überlassen. Also engagiert er sich seit Dezember vorigen Jahres bei den Freien Wählern. Mit denen will er kooperieren und dazu beitragen, dass sie ihr liberales Profil erhalten. Das alles sei „noch nicht gegessen“.

Ziel der freien Wähler ist der Einzug in den Bundestag 2013

Ziel ist der Einzug in den Bundestag im Herbst 2013 – wobei gerade im Landesverband Baden-Württemberg hoch umstritten ist, ob man sich überhaupt bundespolitisch betätigen soll. Die neue Führung der Landesvereinigung ist aber sicher, dass sich ihre Haltung durchsetzt. 280 000 Mitglieder haben die Freien Wähler bundesweit. Henkel will sich nicht anschließen. In der Vergangenheit hat er schon mehrfach reizvolle Angebote aus der Politik erhalten. Stets hat er abgelehnt, um nicht ein ganzes Parteiprogramm vertreten zu müssen.

Immerhin haben die Freien Wähler seit Juni ein neues Ass im Ärmel: den Finanzexperten Stephan Werhahn – einen von 27 Enkeln Konrad Adenauers. Er war viele Jahre in der Union und trifft diese, wie er meint, mit seinem Abgang ins Mark. Werhahn könnte der Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl werden – er stünde bereit. Der Jurist und Unternehmer erinnert: „Mein Großvater hatte eine Haltung, er hat sich in der Weimarer Zeit auf die Seite der Demokratie gestellt.“ Eine Haltung gegen alle Widrigkeiten müsse in Deutschland wieder stärker zum Ausdruck kommen.