Freigeister auf vier Pfoten Altstadtkatzen in Esslingen: „Wenn ich Lilli sehe, ist der Tag gerettet“
Wie riskant leben Samtpfoten in der Esslinger Altstadt? Auf den Spuren einiger Hauptakteure.
Wie riskant leben Samtpfoten in der Esslinger Altstadt? Auf den Spuren einiger Hauptakteure.
Er wollte die Welt erobern. Wie alle wilden Jungs mit 18 Jahren. So alt war Kami Keule, ein grau-weiß-getigerter Rumäne mit Stummelschwänzchen, als er unter die Räder geriet. 18 Katzenjahre – das sind keine zwei Menschenjahre. Die Esslinger Altstadt reichte ihm nicht. Er wollte höher hinaus, über den Altstadtring, Mäuse jagen in den Weinbergen. In einer Nacht war er nicht fix genug, trotz 30er-Zone. Zwei Damen fanden ihn am nördlichen Altstadtring.
Seither schmerzt die Frage: War es naiv, egoistisch, fahrlässig oder alles zusammen, sich in der Altstadt eine Katze zuzulegen und rauszulassen? Entgegen der Bedenken des Esslinger Tierheims? Und dann auch noch einen Corona-Kater?
Man sieht sie nicht auf den ersten Blick, aber die Esslinger Altstadt ist voller Katzen. Keine Streuner wie an der Esslinger Burg, wo vergangenes Jahr 55 herrenlose Katzen gezählt wurden. Die Altstadtkatzen sind allesamt wohl genährt und nicht an Fortpflanzung interessiert. Dafür hat die Stadt mit einer Kastrationspflicht gesorgt.
Eines der Drehkreuze ist die östliche Altstadt mit ihren vielen Hintergärten. Allein hier verteidigen mindestens ein Dutzend Freigänger ihr Revier, gut vernehmbar in lauen Sommernächten.
Da sind die Geschwister Rudi und Sina aus dem Schieferhaus an der Franziskanerkirche, dritter Stock. Mehrmals täglich schieben sie ihre barocke Erscheinung eine maßangefertigte Katzenleiter rauf und runter. „Ich weiß nicht, wer da alles mit füttert“, seufzt ihr Halter Peter Göbel.
Rudi geht ständig auf die Gasse, wirft sich x-beliebigen Passanten vor die Füße und reckt ihnen seinen weißen Bauch entgegen. Ungeniert fordert er ein, wonach sich ja eigentlich jeder sehnt. Aufmerksamkeit, Liebe, Anerkennung, er kriegt reichlich davon. Die Schwester ist eher häuslich, genügsamer, vielleicht auch nur vorsichtiger. Kommen Gäste, tritt sie nur dann in Erscheinung, wenn die Chemie stimmt. Dann aber mit Anmut, da ist sie ganz Frau.
Wenige Meter weiter wohnt Lilli vom Wolfstor. Eine ältere Dame mit katzentypischer Urwampe, die ihr eine gewisse Autorität verleiht. Morgens patrouilliert sie auf der Küferstraße, eine kopfsteingepflasterte Fußgängerzone mit vielen Geschäften. In der Bäckerei Schultheiss, wo Ingeborg Benz und Nadine Kupka täglich gemeinsam Kaffee trinken, holt sie sich Streicheleinheiten. „Wenn ich Lilli sehe, ist der Tag gerettet“, sagt Ingeborg Benz, die seit Kurzem Witwe ist. Wie gern hätte sie selbst ein Haustier. „Als Mieterin hast du keine Chance.“ Eine Altstadt ohne Katzen fände sie traurig.
Lilli setzt ihren Weg fort, die Häuserwand entlang, bis zu einem eingerüsteten Fachwerkhaus. Der Bauzaun hat es ihr angetan. Sie läuft hindurch und sondiert von dort aus die Lage. Hier kann ihr keiner was, kein Hund, keine Kinder. Weiter geht es, vorbei am Nähmaschinenladen über den Schnellchinesen und den E-Bike-Laden bis zur Mündung in die Ritterstraße. Hier endet ihr Revier. Passanten drehen sich nach ihr um. „Ja hallöchen Lilli!“ Langsam reicht ihr der ganze Rummel um ihre Persona. Sie läuft auf der anderen Seite zurück und schlüpft hinein bei Juwelier Burkhardt. Dort hält sie ein Nickerchen auf dem Schreibtisch der Chefin. Cornelia Burkhardt hat ihr ein mit Samt bezogenes Schmucktablett freigeräumt, auf dem sie sonst ihre Ware präsentiert.
Ein Jahr lang ging Lilli auch beim Brunnenstüble ein und aus. Der Wirt fütterte sie mit Leckerlis, bis Lillis Frauchen Wind davon bekam und daraufhin auch allen anderen Ladeninhabern das Füttern untersagte. Als Lilli mal für mehrere Tage verschwunden war, dachte sie, die Katze sei in einem Keller eingeschlossen. Doch Lilli saß beim Nachbarn in der Wohnung am Ottilienplatz. Er hatte sie mit Mortadella gefüttert.
Da ist Garfield, ein orangefarbener, mitteilungsbedürftiger Kater, der sein Erscheinen stets wortreich ankündigt. Er ist öfters unwillkommener Gast bei Rudi und Sina und auch schon nachts über die Katzenleiter in ihre Wohnung eingedrungen. „Seither steht ein Wasserglas auf unserer Fensterbank“, erzählt Peter Göbel. Garfield okkupiert oft die ausladende Holzbank in der Gasse Im Heppächer und wartet auf Zuhörer, denen er sein Weh klagen kann. So klingt es zumindest, wenn er zu erzählen beginnt.
Einige Altstadtbewohner haben in den letzten Jahren aber auch das Zeitliche gesegnet. Da war Fetti, der seinem Namen alle Ehre gemacht hat. Autofahrer kennen ihn, weil er sich bei Sonnenschein immer auf der Kreuzung Landolingasse Ecke Milchstraße ausgebreitet hat. Man musste ihn quasi mit der Stoßstange wegschieben, um die Fahrt fortsetzen zu können.
Fetti war abends Stammgast in der Café-Bar Flair am Blarerplatz. Wenn keiner hinsah, knabberte er schon mal am Flammkuchen oder fraß das Carpaccio vom Buffet. Trotzdem brachte Maria, die Wirtin, es nicht übers Herz, ihm Hausverbot zu erteilen. Sie zeigt Selfies von sich und Fetti, im Hintergrund Flaschen mit Hochprozentigem, dann Fetti mit ernster Mine zwischen beschwipsten Gästen, Fetti schlafend im Regal neben Biergläsern, Fetti auf seinem Stammplatz direkt am Eingang. Die Besitzerin war nicht glücklich über die Seitensprünge ihres Katers und verlangte, Fetti den Zutritt ins Café zu verweigern. „Das konnte ich nicht“, gesteht Maria. Fetti starb mit 14 Jahren an Leukämie. Die beiden Frauen sind bis heute nicht gut aufeinander zu sprechen.
Da waren die privilegierten Zwillinge Miro und Tommy, zwei stattliche europäische Kurzhaarkater, die zur Sommerfrische immer auf die Zollernalb fuhren. Entsprechend schlecht war die Laune im Herbst, wenn sie in die Stadt zurückkehrten, wo inzwischen andere ihr Revier aufgeteilt hatten. Die Rückeroberungen gestalteten sich mit zunehmendem Alter schwierig. Vor allem als Kami Keule in der Corona-Zeit aus dem Nichts auftauchte, ein aggressiver Dreikäsehoch, der den Rentnern den Ruhestand vergällte. An einem Tag im Sommer auf der Alb kehrte Tommy nicht mehr nach Hause zurück. Vielleicht hatte er einen Unfall, vielleicht wollte er auch nicht mehr zurück nach Esslingen. Miro starb dieses Jahr im Frühjahr mit 13 Jahren. Auch er blieb auf der Alb. Er kehrte schwer verletzt von einem seiner Streifzüge zurück.
Es gibt auch die kurzen, tragischen Biografien, die zu denken geben. Lilli vom Wolfstor hatte eine Weile Gesellschaft von zwei jungen Brüdern, die beide auf dem Altstadtring ihr Leben ließen. Sie wollten wissen, was hinter dem Wolfstor so los ist, während die Kätzin das Tor kein einziges Mal passiert hat.
Glimpflich ging ein Unfall in der Beutau aus, ein weiteres Drehkreuz in der Altstadt. Der junge Kater Merlin, wohnhaft an der Geiselbachstraße, ebenfalls eine 30er-Zone, kam eines Tages mit gebrochenem Becken nach Hause. Die Operation kostete die Familie mehrere Tausend Euro. Seine Halterin Anna Kalusok, auch Mutter eines einjährigen Kindes, hat die Stadt mehrfach gebeten, einen Blitzer aufzustellen. „Nachts wird die Straße zur Rennstrecke“, sagt sie. Die Verwaltung schuldet ihr bis heute eine Antwort.
Merlins Nachbar Max hat dagegen acht unversehrte Lebensjahre in der Beutau verbracht und gilt inzwischen als Touristenattraktion. Kommen Besucher mit Fotoapparaten, sitzt er Modell auf einem Mäuerchen am Eingang zur Beutau, wo die Stiege zur Burg beginnt. „Ich wüsste gerne, wie viele Instagram- und Facebook-Seiten Max dekoriert“, sagt Silke Ade, seine Katzenmutter.
Sind junge Katzen gefährdeter als ältere? Spielt das Geschlecht eine Rolle? Anja Kleinschroth, Tierärztin in Esslingen, warnt vor Rückschlüssen dieser Art. „Es gibt Schlaue und es gibt Dubbele, wie bei den Menschen auch.“ Sie wisse von Katzen, die in der Stadt zwischen Schnellstraßen 20 Jahre alt wurden, und Landeier, die sich vom nächsten Mähdrescher überfahren ließen. Manuela Schlattner vom Tierheim Esslingen sieht die Zukunft ihre Schützlinge trotzdem nicht in den Gassen der Altstadt. „Nicht nur wegen des Verkehrs. Wir wünschen den Tieren mehr Grün.“
Könnten Katzen Vergleiche ziehen, würde das Land wohl besser abschneiden als die Stadt. Was aber, wenn sie von Klein auf nichts anderes kennen als die Gassen der Altstadt? Wären Lilli oder Rudi in freier Wildbahn glücklicher geworden, wo sie nirgends einkehren können, sie keiner beachtet? Und hätte Kami ein risikoärmeres Leben in der Wohnung bevorzugt? Wäre es ihm besser ergangen, hätte ihn eine Familie aus dem Schurwald aufgenommen? Wahrscheinlich schon. Aber nichts im Leben ist gewiss.