Coronavirus in Baden-Württemberg Freikirchler und Corona-Rebellen – gibt es eine Schnittmenge?

Der Glaube als Happening: solche Gottesdienste wie vor der Corona-Krise in Berlin kann es zurzeit nicht geben. Foto: epd/Michael Jespersen

Schon mehrfach sind Gottesdienste zu Hotspots der Coronapandemie geworden. Meist handelte es sich um Ausbrüche im Umfeld von Freikirchen. In dieser Woche traf es eine Pfingstgemeinde in Karlsruhe. Was steckt dahinter?

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Stuttgart - Die Krawatte harmoniert farblich perfekt mit dem Blumengebinde, das neben der weiß getünchten Kanzel steht. Dort verharrt Jakob Tscharntke einige Sekunden zum stillen Gebet, dann legt er los und von Harmonie ist nichts mehr zu spüren. Er spricht vom „Corona-Wahnsinn“, von „totalitärer Willkürherrschaft“, von einem „dritten Weltkrieg gegen die Völker“. Nicht einmal seine Enkel habe man noch auf den Arm nehmen dürfen, Sterbende musste man alleine lassen. „In den schlimmsten Diktaturen hat es keine solchen Verbote gegeben“, sagt Tscharntke. Sätze, die ihm besonders wichtig sind, sagt er zweimal – so auch diesen: „Ich hätte solche satanischen Eingriffe in das Leben unseres Volkes vor dem Offenbarwerden des Antichristen nie für möglich gehalten.“

 

Im Internet hat der Pastor der Evangelischen Freikirche Riedlingen mit dieser Predigt einen Scoop gelandet. Zehntausendfach wurde der 75-minütige Mitschnitt auf Youtube angesehen. Endlich ein Pfarrer, der Klartext rede und mutig sei, kommentierten die begeisterten Nutzer. Vor fünf Jahren profilierte sich Tscharntke in der Flüchtlingsdiskussion, als er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als Verbrecherin titulierte. Jetzt erfreut er Impfgegner, Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker. Corona ist bei ihm eine von antichristlichen Eliten gezüchtete Massenvernichtungswaffe. Merkel, ihr Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und selbst Bill Gates seien dabei nur Marionetten: „Da stehen ganz andere Mächte im Hintergrund.“

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Wortfundamentalisten sind isoliert

Dass in den vergangenen Wochen immer wieder freikirchliche Gottesdienste als Treiber der Pandemie wahrgenommen wurden, mag da kein Wunder sein. Zuletzt registrierten die Behörden 24 Infizierte im Umfeld einer pfingstlerischen Sinti-Gemeinde in Karlsruhe. Zuvor hatte es ähnliche Ausbrüche in Mulhouse, Bremen und Frankfurt gegeben. Allerdings sind Verallgemeinerungen fehl am Platz. In der heterogenen freikirchlichen Landschaft sind Wortfundamentalisten wie Tscharntke ein Randphänomen. Mit seiner Verteufelung aller Corona-Maßnahmen ist er weitgehend isoliert. Auch in Karlsruhe glaubt das Gesundheitsamt nicht, dass die Abstandsregeln ignoriert worden seien. Die Gemeinde sei bloß der Bezugspunkt. „Nach unseren Recherchen hat die Mehrzahl der Infektionen über familiäre und private Kontakte stattgefunden“, betont das Landratsamt. Etwa bei einem Familienfest nach dem Gottesdienst.

Charismatische Gemeinden interessierten sich für „Erweckungstheorie, nicht für Verschwörungstheorie“, sagt die Expertin für Weltanschauungsfragen bei der Evangelischen Landeskirche Württemberg, Annette Kick. Die Beschränkungen würden deshalb meist unterstützt und befolgt. Ein Problem dürften sie trotzdem sein. Wer von Gottes Liebe erfüllt ist, muss aufspringen, singen, sich an den Händen fassen. Zudem ist der Zulauf oft riesig, ganz anders als in katholischen und evangelischen Kirchen, wo die Abstandsregeln, wie manche spotten, auch ohne Corona eingehalten würden. Große Gemeinschaften wie das Stuttgarter Gospelforum haben ihre Gottesdienste deshalb ins Internet verlegt. Bei 1200 Besuchern, die sonntags kämen, werde das auch noch einige Zeit so bleiben, sagte ein Sprecher der Hillsong-Church in Konstanz.

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Corona „kein Zeichen der Endzeit“

Auch endzeitlich orientierte Gemeinschaften wie die Adventisten haben sich von Verschwörungstheorien distanziert. Spekulationen zur Krise dürften nicht als Zeichen der Endzeit gedeutet werden, sagte ein Sprecher.

Woher Tscharntke seine Kenntnisse bezieht, will er auf Anfrage nicht erläutern. „Seid allzeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der Rechenschaft fordert“, heißt es im ersten Petrusbrief. Doch diese Bibelstelle nimmt der Riedlinger Pfarrer nicht wörtlich. Wegen der „unsäglichen Diffamierungen“ seiner Person vor fünf Jahren ignoriere er jegliche Anfragen von „Mainstream-Medien“.

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