Freilichtmuseum Beuren Wem das allerletzte Stündlein schlägt
Die Sammlung des Freilichtmuseums Beuren zieht in ein kleineres Depot. Bei der notwendige Neubewertung lauern Fallstricke.
Die Sammlung des Freilichtmuseums Beuren zieht in ein kleineres Depot. Bei der notwendige Neubewertung lauern Fallstricke.
Beuren - Mehr als 25 Zentimeter dicker Stahl, ein atomsicherer Betonmantel, Alarmanlage, Stacheldraht – in den Bunkern des ehemaligen Munitionsdepots im Tiefenbachtal liegen die wohl bestgesichertsten Suppenschüsseln und Nudelhölzer der Welt. Nicht mehr lange: Sie, und mit ihnen weitere geschätzt rund 75 000 Sammlungsgegenstände aus dem Bestand des benachbarten Freilichtmuseums Beuren müssen bis zum Jahr 2025 umgezogen sein.
Das Munitionsdepot, eine ehemals von der Bundeswehr genutzte Militäranlage, rund acht Kilometer vor den Toren Nürtingens gelegen, ist mittlerweile in Besitz des Landkreises Esslingen. Sie soll renaturiert werden. Die 36 Bunker, die seit Aufgabe der militärischen Nutzung im Jahr 2000 als Depot für die Museumssammlung dienen, werden mit Erdreich verfüllt, das 13,6 Hektar große Gelände in direkter Nachbarschaft der Mülldeponie Blumentobel wieder aufgeforstet.
Weil die als Ersatz angemietete Lagerhalle in Beuren mit rund 1200 Quadratmetern Fläche nur gut ein Viertel des in den Bunkern zur Verfügung stehenden Platzes bietet, hat im Depot das große Aufräumen begonnen. Erfassen, bewerten, entsammeln – das ist der Dreiklang, der die Arbeit des Museumsteams seither begleitet. Während die nach einem Ampelsystem – grüner Aufkleber heißt sammlungsrelevant, gelb geht in eine weitere Prüfung und rot wird ausgesondert – ablaufende Bewertung der Alltagskulturobjekte eher geräuschlos über die Bühne geht, hat die Beurteilung der drei noch eingelagerten und auf ihren Wiederaufbau harrenden Häuser jetzt zu ersten Disharmonien im zuständigen Kultur-und Schulausschuss des Kreistags geführt.
Während die Daumen der Bausachverständigen bei dem 1884 erbauten Bauern- und Handwerkerhaus aus Wangen (Landkreis Göppingen) und bei dem im Jahr 1463 errichteten Bauernhaus aus Frickenhausen nach oben gezeigt haben, ist das kleine, eingeschossige Wohnhaus aus Echterdingen in einer ersten Prüfung durchgefallen. Weil mehr als die Hälfte der originalen Bausubstanz des 1988 abgebauten und eingelagerten Hauses irreparabel geschädigt ist und zudem ein schlüssiges Konzept für die Eingliederung ins Museumsdorf fehlt, wird ein Wiederaufbau nicht empfohlen. Ein Teil der eingelagerten Steine und Balken soll entsorgt, die noch brauchbaren Bauteile für möglicherweise anfallende Reparaturen im Museumsdorf beiseite gelegt werden.
Diese Aussicht hat den FDP-Kreisrat Wolfgang Haug, im Ehrenamt Leiter des Stadtmuseums von Leinfelden-Echterdingen, alles andere als begeistert. „Das 1870 errichtete Haus war eines der ältesten Gebäude in Echterdingen. Es ist damals mit großem Aufwand, unter anderem mit einer beeindruckenden Fachwerkfassade, im sonst eher armen Unterdorf errichtet worden“, sagt er. Vor dem endgültigen Aus hätte er gerne noch detailliertere Angaben zu Substanz und Baugeschichte. Grundsätzlich müsse aus Anlass der Neubewertung des Museumsbestands kritisch auf die in den 1980er-Jahren entwickelte Museumskonzeption geschaut werden.
„In der geplanten Baugruppen Neckar/Filder ist beispielsweise der Filderraum gerade mal mit dem Backhaus aus Sielmingen vertreten“, kritisiert Haug. Zudem wirft der Kreisrat verfahrenstechnische Fragen auf. So will er wissen, ob denn die Vertragslage mit den letzten Besitzern geprüft sei und ob nicht auch vom Land Baden-Württemberg Strafen drohten. Schließlich, so Haug, habe das Land damals die Kosten für den Abbau und die Einlagerung getragen. Zumindest letzteres ist nach Einschätzung der Museumsleiterin, Steffi Cornelius, nicht zu befürchten. Nach 25 Jahren sei die Bindefrist für Fördermittel erloschen, der Landkreis mithin auf der sicheren Seite, sagt sie.
Mit dem Hinweis, dass es sich erst um einen Zwischenbericht handele und der Zusicherung, dass Wolfgang Haug sein Wissen in die endgültige Entscheidung einbringen könne, hat der Landrat Heinz Eininger die Kuh vorerst vom Eis geholt. Auch wird der Landkreis nicht, wie von der Fraktion der Freien Wähler beantragt, die ausgemusterten Gegenstände zu Geld machen. Die Ausschussmehrheit folgte der Einschätzung Einingers, wonach es dem Landkreis schlecht zu Gesicht stehe, wenn er größtenteils geschenkte Gegenstände versilbern würde. Vielmehr, so Eininger, halte man sich an die Empfehlungen des Deutschen Museumsbunds. Demnach wird, was nicht mehr gebraucht wird, einem Museum mit gleichem Sammlungsauftrag angeboten. Greift das nicht zu, erfolgt die Rückgabe an die ehemaligen Besitzer. Ist das auch nicht möglich, wird das Objekt entsorgt, nicht jedoch ohne zuvor die Zustimmung eines Sachverständigengremium einzuholen.