Freiluft-Oper Auf Schloss Solitude sind Promis unterwegs

Von Markus Dippold 

Stimmungsvoll, aber nicht reformverdächtig: Frieder Bernius leitet "Orfeo ed Euridice" open air auf Schloss Solitude in Stuttgart.

Frieder Bernius leitet Orfeo ed Euridice unter freiem Himmel auf Schloss Solitude.  Foto: Zweygarth
Frieder Bernius leitet "Orfeo ed Euridice" unter freiem Himmel auf Schloss Solitude. Foto: Zweygarth

Stuttgart - Ich war darauf bedacht, die Musik wieder zu ihrer wahren Aufgabe zurückzuführen.“ Das schreibt der Opernkomponist Christoph Willibald Gluck in den 1760er Jahren und löst damit etwas aus, das als Opernreform in die Musikgeschichte eingegangen ist. Nach dem ausladenden Pomp der Barockoper wollte Gluck das Musiktheater entschlacken, es auf seine ursprüngliche Form zurückführen, bei der Text, Musik und szenische Gestaltung Hand in Hand gehen sollten. Seine 1762 uraufgeführte Oper „Orfeo ed Euridice“ gilt als Prototyp dieser Ideen. Dieses dreiaktige Werk führte am vergangenen Wochenende Frieder Bernius unter freiem Himmel auf Schloss Solitude auf.

Alle zwei Jahre nutzt der Stuttgarter Dirigent die charmante Kulisse des Rokokoschlosses für Freiluftaufführungen, die gerne mal multimedial angelegt sind; so auch diesmal. Denn neben Bernius ist ein groß besetztes Team für diese Produktion verantwortlich. Das fängt schon bei der zentralen Inszenierungsidee der beiden Regisseure Max Schumacher und Hiroko Tanahashi an, die Rollen-Protagonisten zu verdoppeln. Neben den üblichen Sängern agiert ein Tänzerpaar (Alexandra Brenk, Erik Reisinger).

Noch die kleinste Bewegung wird beobachtet

Doch damit nicht genug, denn Nina Kurzeja, die für die choreographischen Elemente verantwortlich ist, lässt nicht nur die Titelfiguren tanzen, auch der Chor, ja selbst die zehn Kameramädels müssen in festgelegter Schrittfolge auf den Treppen des Schlosses, vor und auf der Bühne agieren. Wozu das alles? Die beiden Regisseure Schumacher und Tanahashi spielen mit dem Topos des Ortes: Schloss Solitude ist einer der begehrten Hochzeitsorte in Stuttgart, vielfach inszenieren sich Brautpaare hier, posieren für die Kameras. Auch Orpheus und Eurydike wollen heiraten, werden aber an diesem Festtag voneinander getrennt. Infolge eines Schlangenbisses stirbt Eurydike und muss in die Unterwelt. Doch dem klagenden Orpheus wird Gnade gewährt, und er darf in den Hades steigen, um seine Geliebte zu retten.

Ganz offensichtlich handelt es sich bei diesen beiden um ein Promi-Paar, um das sich die Medien reißen, bei denen noch die kleinste Bewegung beobachtet und kommentiert wird. Also rücken ihnen die Kameras ständig sehr nahe, werden ihre gefilmten Körper, selbst die Gesichter in Nahaufnahme großflächig auf die Schlossmauern projiziert, auf dass der voyeuristischen Öffentlichkeit nichts entgeht. Die wiederum wird vom Chor verkörpert: Der Stuttgarter Kammerchor steckt in schwarzen Kostümen, hat die Augen dick mit schwarzer Farbe umrandet, die Haare zu wilden Frisuren auftoupiert und erinnert so an ein Horrorkabinett. Es singt aber prima.