Freitag, der 13. Wer’s glaubt, wird vernünftig

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Wer bei der Zahl 13 an ein drohendes Unglück denkt, hat bloß versäumt, sich rechtzeitig gegen abergläubische Neigungen zu immunisieren. Wie das geht, verrät dieser Beitrag – sofern der Autor nicht das Pech hat, mit seinen Thesen auf der Nase zu landen.

Unglückstag? Ach was! Vor der wissenschaftlichen Methode sind alle Kalendertage gleich. Foto: Christian Milankovic
Unglückstag? Ach was! Vor der wissenschaftlichen Methode sind alle Kalendertage gleich. Foto: Christian Milankovic

Stuttgart - In manchen Flugzeugen kommt nach der 12. gleich die 14. Reihe. Das erspart den Fluggästen das mulmige Gefühl, in der 13. Reihe zu sitzen. Natürlich sitzen einige von ihnen trotzdem in der 13. Reihe, die bloß in die 14. Reihe umbenannt worden ist. Aber wenn man nicht weiter nachdenkt, dann stört einen das vielleicht nicht. Womit wir beim springenden Punkt wären: dem Nachdenken. Das ist aus Sicht vieler Wissenschaftler (und ihrer Fans) der Königsweg zu einem vernünftigeren Weltbild. Esoteriker und alle, die sich in der 13. Reihe unwohl fühlen würden, ziehen einfach die falschen Schlüsse aus ihren Erfahrungen.

Es ist schon bemerkenswert, dass sich dieser Gedanke in der wissenschaftlichen Welt so lange hält, denn er ist leicht zu widerlegen. Oder ist es schon jemandem gelungen, ein mulmiges Gefühl – wenn man sich beim Spaziergang in einer düsteren Gegend verläuft oder schon lange darauf wartet, dass die Angehörigen ankommen – mit Argumenten beiseite zu wischen? Es ist außerdem fraglich, ob man hartgesottene Esoteriker, die absurde, in sich geschlossene Weltbilder pflegen, mit denjenigen in eine Schublade stecken sollte, die bloß ein mulmiges Gefühl haben. Denn es macht einen Unterschied, ob man sich der Realität verweigert, wie es Esoteriker tun, oder sich bloß gegen seine Gefühle nicht wehren kann.

 

Woher die irrationalen Gefühle kommen, mag jeder an sich selbst erforschen. Im 13. Beitrag dieser Heureka-Kolumne soll es vielmehr darum gehen, warum Wissenschaftler (und ihre Fans) so häufig angeben, sie seien von solchen Gefühlen nicht betroffen. Mit Nachdenken hat das meiner Meinung nach nichts zu tun, es ist ebenfalls etwas Emotionales.

Im Prinzip lässt sich alles wissenschaftlich erklären

Die Haltung vieler Wissenschaftler erinnert an das Bekenntnis des Soziologen und Ökonomen Max Weber, der 1917, also mitten im Krieg, einen Vortrag zur „Wissenschaft als Beruf“ hielt. Er beschreibt darin erst die prekäre Lage der jungen Wissenschaftler zwischen Promotion und Professur. In dieser Phase, die oft zehn Jahre dauert, lebt der Nachwuchsforscher von befristeten Arbeitsverträgen und braucht auch ein Quäntchen Glück, um weiterzukommen. (In diesem Punkt hat sich im Lauf des Jahrhunderts offenbar wenig verändert.) Hinzu kommt, dass man nur an einem Spezialproblem arbeitet und der persönliche Beitrag zum Erkenntnisfortschritt absehbar gering bleibt. Dabei beansprucht der wahre Wissenschaftler für sich, Wissenschaft um ihrer selbst willen zu betreiben und nicht aus praktischen Erwägungen heraus – also etwa, um die Militärtechnik voranzubringen –, wo Erfolge sichtbarer wären.

Warum tut sich das jemand an? Webers Analyse: weil man an etwas Höheres glaubt, nämlich die „Entzauberung der Welt“. Dass Wissenschaftler mit Leidenschaft an die Arbeit gehen, liege an der Überzeugung, „dass es . . . prinzipiell keine unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne“. Als Wissenschaftler überblickt man zwar nur einen winzigen Teil der Welt und man wird mit der Wissenschaft in einem Menschenleben auch nicht fertig, aber das macht nichts, weil man Teil eines großen Projekts ist, das nach und nach alles erforscht und erklärt. Es ist eine schwache Form der Allmachtsfantasie, die gegen irrationale Gefühle immunisiert: Man behauptet nicht, alles zu verstehen, glaubt aber, dass man es könnte, wenn man nur wollte.

Diese Haltung erinnert an die Paradigmen aus dem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ des Historikers Thomas Kuhn. Revolutionen sind nach Kuhns Analyse in der Wissenschaft die Ausnahme, die normale Forschungstätigkeit nennt er vielmehr „Normalwissenschaft“ – und die Normalwissenschaft steht unter einem Paradigma. Der Begriff des Paradigmas ist nicht leicht zu fassen, aber die Grundidee ist klar: Wissenschaftler arbeiten innerhalb eines theoretischen Rahmens, den sie nicht laufend infrage stellen. Das ermöglicht ihnen, die Arbeit aufzuteilen und sich zu spezialisieren, denn sie dürfen viele Grundlagen voraussetzen, ohne sie begründen oder auch nur erläutern zu müssen. Kuhn vergleicht die Detailaufgaben eines Wissenschaftlers mit einem Rätsel aus einer Zeitschrift: Wenn man sich anstrengt, kann man die Lösung finden – garantiert.

Auch die Wissenschaft enthält Glaubenssätze

Über unhinterfragte Prämissen der Wissenschaft mag man die Nase rümpfen, weil es nicht zum Bild des Wissenschaftlers passt, dass sie oder er etwas voraussetzen muss, ohne es beweisen zu können. Aber es wäre viel verlangt, wenn die Wissenschaft immer wieder bei null beginnen müsste. Sie beansprucht für sich, dass sie mit ihren Paradigmen erfolgreich ist, und lässt sich daran messen. Weil Wissenschaftler darauf achten, dass ihre neuen Erkenntnisse zu den bisherigen passen, entsteht mit der Zeit ein großes und in sich stimmiges Theoriengebäude, das nicht so leicht zum Einstürzen gebracht werden kann.

Doch diese Skizze der Wissenschaft passt vielen Wissenschaftlern (und ihren Fans) nicht. Ihnen reicht es nicht, die Wissenschaft als ausgezeichneten Weg zu verlässlichen Erkenntnissen zu beschreiben, und es fällt ihnen schwer, ihre Glaubenssätze als das zu benennen, was sie sind. Ihnen ist die Wissenschaft, nun ja, heilig.




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