Freitagsgebet in Neukölln Eine Spirale aus Misstrauen und Angst

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Mit Abscheu blicken Muslime in Deutschland auf den Anschlag von Paris. Gleichzeitig leiden sie unter dem Gefühl, in wachsendem Maß unter Generalverdacht zu stehen.

Berliner Muslime versammeln sich zum Freitagsgebet in der Neuköllner Sehitlik-Moschee. Der Anschlag von Paris erfüllt sie mit Abscheu. Foto: dpa
Berliner Muslime versammeln sich zum Freitagsgebet in der Neuköllner Sehitlik-Moschee. Der Anschlag von Paris erfüllt sie mit Abscheu. Foto: dpa

Berlin - Manchmal hat Ender Cetin das Gefühl, dass sein Tun sinnlos ist. „Wir distanzieren uns ständig vom radikalen Islam, wir distanzieren uns von Gewalt und natürlich von Terror“, sagt er. „Wir sind einfach Teil dieser Gesellschaft. Aber wenn ich die Umfragen sehe, dann scheinen wir für viele Leute nicht glaubwürdig zu sein.“ Cetin steht auf dem Hof der großen Sehitlik-Moschee in Berlin- Neukölln, er friert in seinem dünnen Anzug, die Gläubigen strömen an ihm vorbei zum Freitagsgebet. „Ich fürchte, wenn es so weitergeht, dann geben manche auf, weil sie denken, es hat keinen Sinn.“

Cetin ist Vorstand dieser großen Berliner Moscheegemeinde, und in den vergangenen Jahren haben er und seine Mitstreiter das Gotteshaus stark für den gesellschaftlichen Dialog mit Nichtmuslimen geöffnet. Es gibt Moscheeführungen und politische Konferenzen, jeder, der will, kann sich hier über den Islam informieren, es gibt Fachtagungen zur Frage, wie man Radikalisierung von Jugendlichen verhindern kann, Präventionsprojekte, Jugendarbeit, Schülerführungen. Wenn Politiker vor Kameras den Kontakt zu Muslimen suchen, dann kommen sie in das repräsentative Gotteshaus am Berliner Columbiadamm mit seinem schlanken weißen Minarett und den in heiterem blau leuchtenden Glasfenstern.

Maas will der Stimmung die Spitze nehmen

Hier sieht der Islam freundlich und einladend aus. An diesem Vormittag ist der Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) zu Gast bei Ender Cetin, der SPD-Politiker will nach dem Anschlag von Paris ein Zeichen setzen. Maas lässt sich alles zeigen – aber vor allem ist er hier, weil er der sich aufbauenden Stimmung die Spitze nehmen will: seit Wochen demonstrieren Menschen in Dresden gegen das, was sie als Islamisierung empfinden, in Umfragen sagen mehr als die Hälfte der Deutschen, sie fühlten sich vom Islam bedroht.

Und nun diese Katastrophe von Paris, ein Massaker an Journalisten, ein Angriff auf die freiheitliche Welt, verübt von Männern, die sich auf den Islam berufen: die Gesellschaft droht sich zu polarisieren, die Mischung ist explosiv. In Frankreich gibt es dafür ganz reale Belege: in der Nacht zum Freitag wurde eine Moschee angezündet, eine andere beschmiert.