Unübersichtliche Situation
„Die Situation war chaotisch, dramatisch und auch belastend“, berichtet auch Lukas Diehlmann, der stellvertretende Leiter des Bolivianischen Kinderhilfswerks Stuttgart. Die Ankündigung der Regierungen, dass der Luftraum geschlossen wird, habe dazu geführt, dass die Verantwortlichen alles getan haben, um ihre Freiwilligen aus den jeweiligen Ländern zurückzuholen. Es sei sehr schwierig gewesen. Die Situation in einigen Ländern Lateinamerikas sei schon durch die politische Situation unübersichtlich gewesen, Proteste machten normale Abläufe kompliziert und dann sei Corona gekommen. Für die Freiwilligen sei es eine enorme psychische Belastung gewesen.
„Es ist permanent präsent, ich will das gar nicht schönreden. Corona hat mein Auslandsjahr kaputt gemacht,“ antwortet Johannes Schuber auf die Frage, wie er denn das Jahr im Rückblick bewerte. „Aber wir wurden sehr gut von unserer Organisation betreut“, sagt er und fährt fort: „Das Rückkehrer-Seminar konnte in Präsenz stattfinden. Das war für mich sehr wichtig.“
Genauso wie das Bolivianische Kinderwerk hat auch die Diakonie Württemberg nicht nur die sogenannte Nord-Süd-Schiene im Angebot, sondern auch die Süd-Nord-Schiene. Es werden also nicht nur Freiwillige aus Deutschland in andere Länder ausgesandt, sondern auch umgekehrt. Menschen aus anderen Ländern machen Freiwilligendienst in Deutschland. „Da war es in der kritischen Zeit nicht so kompliziert“, stellte Diehlmann fest. „Diese Verträge mussten wir verlängern, da wir für viele von ihnen keine Flüge mehr in ihr Land bekommen haben.“ Keine neuen Bewerbungen gebe es in der Süd-Nord-Schiene der Diakonie und die Prognose sei sehr schwierig. Die Diakonie verzeichne aber einen enormen Zuwachs an Bewerbern für den inländischen Freiwilligendienst für Jahr 21/22. Fürs Ausland könne man keine Garantie geben, sagte Wolfgang Hinz-Rommel, Leiter der Abteilung Freiwilliges Engagement in der Diakonie Stuttgart.
Freiwilligendienst dauert nur 51 Tage
Weder das Bolivianische Kinderhilfswerk noch die Diakonie konnten neue Freiwillige für das Jahr 20/21 ins Ausland aussenden. Nur das GAW hat drei Einsatzstellen in Italien besetzt- immerhin. Doch die Situation ist weiterhin angespannt. Athalia Keinath aus Reutlingen, die in Palermo in einem Kindergarten ihren Dienst tun sollte, musste direkt nach dem Einreisen zweimal in Quarantäne, bis die Einsatzstelle wegen Corona ganz geschlossen wurde. Ihr Freiwilligendienst dauerte gerade mal 51 Tage. Nun ist sie wieder in Deutschland. „Wir waren auf dieses Szenario vorbereitet. Es war uns bewusst, dass alles anders kommen kann“, sagt Keinath. Ob sie ihren Dienst noch einmal aufnehmen kann, sei ungewiss.
Georgien, Italien und Spanien im Fokus
„Es ist auch eine große finanzielle und strukturelle Herausforderung“, sagt Stefanie Frings, die Referentin für den Freiwilligendienst beim GAW. „Uns entstehen für jeden Freiwilligen Kosten, die refinanziert werden müssen.“ Einen Großteil der Kosten übernimmt der Bund (weltwärts- und IJFD-Programme), einen Teil tragen die Freiwilligen selbst und der Rest wird durch Spenden finanziert. Das fällt in diesem Jahr weg. Es gibt Erstattungen und Überbrückungsgelder, doch es reicht gerade, um die Fixkosten zu decken. Und die Gelder, die normalerweise in die Einsatzstellen fließen, fallen ganz weg. „Es wird noch Jahre dauern, bis alles wieder normal läuft“, befürchtet Frings. Sie ergänzt: „Wir müssen umdenken, flexibel sein und abwarten, was passiert.“ Es würden mehr europäische Einsatzorte dazu kommen. Georgien, Italien und Spanien seien geplant. „Dann sind die Freiwilligen mehr in der Nähe und leichter nach Hause zu bringen“, erläutert sie. Aber auch das Bolivianische Kinderhilfswerk will sich nicht von Corona einschüchtern lassen und versucht ganz normal zu planen. Auch hier seinen Bewerbungen noch möglich. „Hoffentlich finden sich genug junge Menschen, die mutig und flexibel genug sind, trotz Corona ihren Hut in den Ring zu werfen“, sagt Diehlmann.