Freiwilliges Engagement Ein Volk von Ehrenamtlichen

  Foto: IMAGO/Westend61

Viele Bundesbürger sind ehrenamtlich engagiert. Ohne sie könnten Sportvereine, die Feuerwehr, Rettungsdienste und weite Bereiche der Kultur nicht existieren.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Der Bundespräsident lädt an diesem Freitag 4000 Menschen zu einem Fest im Park von Schloss Bellevue ein, die ein besonderes Engagement auszeichnet: Sie alle üben ein Ehrenamt aus. Das eint sie mit Millionen Bürgerinnen und Bürgern, die sich in Vereinen, bei sozialen Institutionen, im Rettungswesen oder in der Kultur freiwillig und unentgeltlich engagieren. „Ohne Ehrenamt würde unsere Gesellschaft nicht existieren“, sagt Christiane Schenderlein (CDU), die erste Staatsministerin im Kanzleramt, die ausdrücklich für diesen Bereich zuständig ist.

 

Wie viele Ehrenamtliche gibt es?

Die Schätzungen zur Zahl der Ehrenamtlichen in Deutschland liegen weit auseinander. Das Bundesinnenministerium spricht von 28,8 Millionen Menschen. Das wären 40 Prozent der Deutschen über 14 Jahren. Sie „setzen sich in ihrer Freizeit für das Gemeinwohl ein“, so die Definition. Diese Zahl beruht auf dem so genannten Freiwilligen-Survey, einer repräsentativen Umfrage, die alle fünf Jahre vorgenommen wird. Die aktuellsten Daten stammen von 2019. Die Stiftung Aktive Bürgergesellschaft beziffert die Zahl der ehrenamtlich Engagierten gar auf 31 Millionen. Eine Analyse des Allensbacher Instituts für Demoskopie kommt hingegen auf 16,4 Millionen Ehrenamtliche im Jahr 2024.

Laut einer Verbrauchs- und Medienanalyse von 2022 engagieren sich vor allem ältere Menschen ehrenamtlich. Ab 50 Jahren sind sie demnach in ehrenamtlichen Funktionen überproportional häufig vertreten im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen.   

Wie ist die Lage im Südwesten?

In Baden-Württemberg ist das ehrenamtliche Engagement größer als in allen anderen Bundesländern. Laut Freizeit-Survey waren vor der Pandemie 46,1 Prozent der Schwaben und Badener einschlägig engagiert. In Brandenburg sind es 36 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, in Sachsen nur 34,9 Prozent. Knapp zwei Drittel der Menschen aus dem Südwesten, die ein Ehrenamt versehen, investieren dafür bis zu zwei Stunden ihrer Freizeit pro Woche. 16 Prozent arbeiten mehr als sechs Stunden wöchentlich im Ehrenamt.

Das ehrenamtliche Engagement ist gemäß dieser Studie umso größer je höher Einkommen und Bildungsniveau sind. Menschen mit Kindern engagieren sich demnach auch häufiger in einem Ehrenamt. Auf dem Land ist die Bereitschaft, ein Ehrenamt zu übernehmen, weitaus größer als in Großstädten.

Wie sieht es in der Zukunft aus?

„Es gibt beim Ehrenamt einen Strukturwandel“, sagt die dafür zuständige Staatsministerin Schenderlein. Jüngere Menschen legten Wert auf Flexibilität und würden sich eher vorübergehend, wenn möglich vor allem digital engagieren. Hingegen „nimmt die Bereitschaft ab, sich langfristig und in einem Amt einzubringen“.

Das bleibt nicht folgenlos. Viele Sportvereine leiden zunehmend an einem Mangel an ehrenamtlichem Personal, etwa Übungsleitern oder Leuten, die sich im Vorstand engagieren. Der Deutsche Olympische Sportbund nennt das eine „dramatische Entwicklung“. Mehr als jeder sechste Sportverein in Deutschland sehe sich deswegen in seiner Existenz bedroht.

Was tut der Staat für das Ehrenamt?

Die neue Bundesregierung hat für diesen Bereich nicht nur einen Posten im Kanzleramt geschaffen. Sie hat sich eine „aktive und schlagkräftige Ehrenamts- und Engagementpolitik“ auf die Fahnen geschrieben. Im Koalitionsvertrag kündigt sie einen „Zukunftspakt Ehrenamt“ an. Mit ihm will sie die Übungsleiterpauschale, die etwa ehrenamtliche Trainer in Sportvereinen in ihrer Einkommenssteuererklärung steuermindernd gelten machen können, von 3000 auf 3300 Euro im Jahr anheben. Die Ehrenamtspauschale soll von 840 auf 960 Euro im Jahr ansteigen. Das Kabinett hat am Mittwoch dieser Woche einen entsprechenden Gesetzesentwurf verabschiedet. Zudem verspricht die Regierung, die Vereine von unnötiger Bürokratie zu entlasten und den Datenschutz für diesen Bereich zu vereinfachen.

Lust auf ein Ehrenamt?

Die Gründe, weshalb Menschen ein Ehrenamt übernehmen wollen, sind so vielfältig wie die Ehrenämter selbst. Die Nürnberger Sozialwissenschaftlerin Doris Rosenkranz, Expertin für das Ehrenamt, nennt „drei Top-Motive“: zum einen den „Antrieb, die Gesellschaft zu gestalten“, zweitens das Interesse, über das Ehrenamt etwas zu lernen, und schließlich das Ziel, für andere etwas Gutes zu tun. Rosenkranz hält es auch für „völlig in Ordnung“, wenn Leute ein solches Engagement mit der Hoffnung verbinden, „für sich selbst auch Möglichkeiten aus dem Ehrenamt zu ziehen“. Schließlich opferten sie ja etwas sehr Kostbares: ihre freie Zeit.

Hilfe in vielen Fragen zum Ehrenamt bietet die vom Bund 2020 gegründete Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Sie bietet kostenfreie Online-Seminare zu Themen an, die Ehrenamtlichen helfen könnten.

Für Menschen, die gerne ehrenamtlich tätig werden wollen, aber noch unsicher sind, in welchem Bereich sie sich engagieren könnten, bieten viele Verbände wie etwa das Deutsche Rote Kreuz oder die Aktion Mensch hilfreiche Tests an. Einen solchen Test („Welcher Heldentyp bist Du?“) gibt es auch auf der Plattform ehrenamtcheck.de. In Stuttgart berät die Freiwilligenagentur Menschen, die ein Ehrenamt anstreben. Bei der Freiwilligenbörse veröffentlichen gemeinnützige Organisationen ihre Angebote (stuttgart.de/buergerinnen-und-buerger/bürgerengagament).

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