Verlassene Kinder, Lernlücken und bittere Armut: Rebecca Friederich aus dem Rems-Murr-Kreis arbeitet mit benachteiligten Kindern und macht ein Freiwilliges Soziales Jahr in Südafrika.
Wenn Rebecca Friederich morgens das Haus verlässt, dauert der Weg zur Arbeit nur wenige Minuten. Links und rechts stehen zunächst ganz normale Häuser. Doch nur wenige Schritte weiter beginnt eine ganz andere Welt: Das Township – eine Siedlung am Rand von Gqeberha, dem ehemaligen Port Elizabeth, in der viele Kinder in großer Armut aufwachsen. Neben einfachen Häusern stehen dort auch Wellblechhütten, in denen oft mehrere Menschen auf engstem Raum zusammenleben.
„Luftlinie von meinem Haus zum Township sind es etwa 50 Meter“, sagt die 19-Jährige aus dem Weissacher Teilort Unterweissach (Rems-Murr-Kreis). Sie wohnt während ihres Freiwilligendienstes in einer Wohnsiedlung in Südafrika und arbeitet dort mit Kindern und Jugendlichen, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen.
Nach dem Abitur: Freiwilliges Soziales Jahr in Südafrika
Rebecca Friederich hat im vergangenen Sommer am Bildungszentrum Weissacher Tal mit 18 Jahren ihr Abitur gemacht. Statt direkt zu studieren, entschied sie sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Ausland. „Viele deutsche Organisationen senden Freiwillige nach Afrika oder Südamerika“, erklärt sie.
Sie entschied sich bewusst für Südafrika, weil dort Englisch eine der Landessprachen ist. Entsandt wurde sie über das Deutsch-Südafrikanische Jugendwerk (DSJW). Vor Ort arbeitet sie bei der christlich geprägten NGO Mosaic, die Kinder aus schwierigen Lebensverhältnissen unterstützt.
Insgesamt nehmen mehr als 300 Kinder an den Programmen von Mosaic teil, in Gqeberha sind es um die 150. Neben Hausaufgabenhilfe und Freizeitangeboten arbeitet die Organisation auch mit den Familien der Kinder zusammen. Ziel ist es, ihnen langfristig bessere Bildungs- und Lebensperspektiven zu ermöglichen.
Zwölf Stunden Flug nach Port Elizabeth
Ende August brach Rebecca Friederich nach Südafrika auf. Von Frankfurt aus ging es zehneinhalb Stunden mit dem Flugzeug nach Johannesburg – und von dort aus noch einmal eineinhalb Stunden nach Gqeberha, ihrer Einsatzstelle für die nächsten zwölf Monate. „Bevor ich in den Flieger gestiegen bin, hat sich alles so surreal angefühlt“, erzählt sie.
Sie konnte kaum glauben, dass sie für ein ganzes Jahr einfach weg von zuhause sein würde. Als sie angekommen war, begann sie damit, ihre Entscheidung zu realisieren: „Jetzt bin ich wirklich hier und ein ganz neues Kapitel beginnt.“ Bisher hatte sie nur die Schule gekannt und jetzt musste sie plötzlich arbeiten.
Unterstützung für Kinder nach der Schule
Die Arbeit startet um 9 Uhr. Vormittags steht für die 19-Jährige Büroarbeit an. Da sie den Führerschein hat, muss sie auch oft viel durch die Gegend fahren – um einzukaufen oder wenn Hausbesuche anstehen. Die Kinder kommen gegen 14.30 Uhr direkt nach der Schule.
Rebecca Friederich arbeitet vor allem mit den älteren Kindern der Klasse sieben bis zwölf. „Es gibt erst eine warme Mahlzeit und eine gemeinsame Bibelstunde“, erzählt sie. Im Anschluss wird eine Hausaufgabenhilfe und Nachhilfe angeboten. Danach dürfen die Kinder spielen.
Jeden Tag verabschieden sich die Kinder in einem Abschlusskreis. Foto: Rebecca Friederich
Viele Kinder besuchen die Schulen im Township. Die Klassen dort sind sehr groß – bis zu 70 Schüler sitzen in einem Raum. Bei so großen Klassen bleibt kaum Zeit für die Unterstützung einzelner Schüler. „Wenn man da nicht mitkommt, dann hat man halt Pech“, sagt Rebecca Friederich. Gerade deshalb werde versucht, die Kinder auf dem Laufenden zu halten. „Es gibt Kinder, die nicht mal 1 plus 1 rechnen können und in der siebten Klasse sind“, erzählt sie.
Schwere Schicksale und das Leben in Wellblechhütten
Vor Beginn ihres FSJ hatte die 19-Jährige Angst, dass sie mit dem harten Schicksal der Kinder nicht umgehen kann: „Ich bin ein sehr emotionaler Mensch“, sagt sie. Gerade am Anfang hätten ihr einige Erlebnisse zugesetzt – besonders, wenn sie sah, unter welchen Bedingungen viele Kinder leben: „Die wohnen da in einer Wellblechhütte zu zehnt auf einer Fläche von einem deutschen Wohnzimmer – alle schlafen zusammen in einem Bett“, erzählt Rebecca Friederich.
Um solche Eindrücke zu verarbeiten, tauscht sie sich mit ihren Kollegen aus. „Man kann die Welt der Kinder nicht von heute auf morgen verändern – aber kleine Puzzleteile schaffen, die langfristig etwas bewirken“, ist ein Satz, den sie sich oft ins Gedächtnis ruft.
Immer wieder hört Rebecca Friederich von schweren Schicksalen der Kinder. Manche wurden als Kleinkinder verlassen, andere erleben Konflikte innerhalb der Familie. „Das ist schon sehr krass, wenn man das mitbekommt“, sagt sie. Wenn die Kinder am Nachmittag ins Center kommen, merke man ihnen das oft gar nicht an.
Für einige von ihnen ist das Mittagessen dort möglicherweise die einzige richtige Mahlzeit des Tages. „Das geht mir schon sehr im Kopf herum“, sagt die 19-Jährige. Gleichzeitig betont sie, dass viele Mütter trotz schwieriger Umstände ihr Bestes geben, um ihre Kinder zu versorgen.
Was Rebecca Friederich aus ihrem Jahr in Südafrika mitnimmt
Trotz der schwierigen Umstände beschreibt Friederich ihre Arbeit insgesamt als sehr erfüllend. „Meine Arbeit ist zu 80 Prozent von Positivität geprägt“, sagt sie. Besonders schön sind auch Momente, in denen Fortschritte sichtbar werden. Eine Jugendliche aus dem Programm hat kürzlich ihren Schulabschluss geschafft – auch dank der zusätzlichen Nachhilfe. „Das sind Momente, in denen man merkt, dass die Arbeit etwas bewirkt“, sagt sie lächelnd.
Für Rebecca Friederich selbst ist der Aufenthalt ebenfalls eine prägende Erfahrung. Sie lebt zum ersten Mal allein im Ausland, spricht fast den ganzen Tag Englisch und hat sich ein neues Umfeld aufgebaut. „Ich bin als Person sehr gewachsen“, sagt sie.
Ihr Blick auf das Leben hat sich durch die Zeit in Südafrika nicht grundlegend verändert – schon vorher sei ihr bewusst gewesen, wie privilegiert sie in Deutschland aufgewachsen ist. Was sie jedoch besonders geprägt habe: Wie viel Herzlichkeit und Zusammenhalt es auch in Familien gibt, die materiell kaum etwas besitzen. „Bei Familien, die wirklich gar nichts haben, kann trotzdem so viel Liebe da sein“, sagt sie.
Mit dem Bühnenstück „Unbroken“ kommt Mosaic nach Baden-Württemberg
Ende März wird die Arbeit von Mosaic auch in Baden-Württemberg sichtbar: Mit dem Bühnenstück „Unbroken“ geht die Organisation auf Europatour. Die Produktion verbindet Musik, Tanz und Erzählungen und handelt von Waisenkindern in Südafrika.
Auf der Bühne stehen zehn Kinder aus Mosaic-Projekten gemeinsam mit dem Tygerberg Children’s Choir – einem der führenden Kinderchöre weltweit. Eine Aufführung ist am 28. März in der Filharmonie in Filderstadt geplant.
Rebecca Friederich gehört zum Marketing-Team und unterstützt die Öffentlichkeitsarbeit für die Aufführung. Nach Deutschland zur Aufführung reisen kann sie selbst nicht – dafür wären die Kosten zu hoch. Dennoch versucht sie, möglichst viele Menschen auf das Stück aufmerksam zu machen. Gesehen hat sie es bereits als Video: „Ich habe geweint. Es war so berührend“, sagt sie. Ihrer Familie und Freunden hat sie sofort geraten, hinzugehen.
Bühnenstück „Unbroken“ kommt nach Filderstadt
Mosaic Die Organisation Mosaic unterstützt Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen – insbesondere Waisenkinder und ihre Pflegefamilien in Südafrika. Schätzungen zufolge leben dort rund 2,8 Millionen Kinder ohne elterliche Fürsorge. Projekte von Mosaic sollen ihnen ein stabiles Umfeld, Bildung und neue Perspektiven ermöglichen. Unterstützt wird die Arbeit auch durch den Verein Mosaic SA Deutschland, der Spenden für die Projekte sammelt.
Unbroken Das Bühnenstück „Unbroken“ ist Teil einer Europatour der Organisation Mosaic. Die Produktion verbindet Musik, Tanz und Erzählungen und erzählt die Geschichte eines Waisenkindes in Südafrika. Auf der Bühne stehen Kinder aus Mosaic-Projekten gemeinsam mit dem Tygerberg Children’s Choir. Eine Aufführung findet am Samstag, 28. März, in der Filharmonie in Filderstadt statt. Weitere Stationen der Tour sind unter anderem Karlsruhe (27. März), Radolfzell (29. März), Keltern (31. März) und Hannover (2. April). Tickets sind online über Eventim erhältlich.