Freiwilliges Soziales Jahr Die schöne Erfahrung, gebraucht zu werden

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Der Freiwilligendienst bietet jungen Menschen die Gelegenheit, neue Erfahrungen zu machen und an Selbstbewusstsein zu gewinnen. Wir stellen vier Beispiele vor.

Gedankenaustausch: Solome Wiens, Nicolas Keller, Julian Lotze und Lisa Stadlbauer (von links). Foto: Ines Rudel 5 Bilder
Gedankenaustausch: Solome Wiens, Nicolas Keller, Julian Lotze und Lisa Stadlbauer (von links). Foto: Ines Rudel

Stuttgart - Die 17-jährige Salome hat zum ersten Mal eine Geburt miterlebt. Manchmal muss sie sogar Frauen trösten, die ein Kind verloren haben. Der 24-jährige Julian hilft trockenen Alkoholikern, nicht wieder in die Sucht abzurutschen. Der 19-jährige Nicolas nimmt sich in der Tagespflege Zeit für Demenzkranke. Nur drei Beispiele sind das von jungen Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr ableisten. Seit der Abschaffung der Wehrpflicht 2011, die auch das Ende des Zivildienstes bedeutete, hat sich die Zahl der FSJler auf hohem Niveau stabilisiert. Dabei sind deren Motive sehr unterschiedlich, wie ein Gespräch mit Freiwilligen zeigt.

Orientierung nach dem Schulabschluss

Am Konferenztisch sitzen zwei junge Frauen und zwei junge Männer, um ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Gekommen sind sie auf Einladung von ­Petra Honikel, seit Dezember 2018 Sprecherin des Arbeitskreises Freiwilliges Soziales Jahr in Baden-Württemberg, einem Zusammenschluss von 35 Trägern. Ort des Treffens ist das Haus der Freiwilligendienste in der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Wernau, deren Geschäftsführerin Petra Honikel ist. Sie erklärt sich die große Nachfrage nach FSJ-Stellen damit, dass sich Jugendliche nach der Schule zunächst orientieren wollen. „Die Persönlichkeitsentwicklung in diesem Jahr ist enorm“, sagt Petra Honikel. Julian Lotze, 24 Jahre alt, ist der Älteste in der Runde. Er arbeitet in mehreren therapeutischen Wohngemeinschaften in Rottenburg, wo er sich um langzeittrockene Alkoholkranke kümmert, die zwischen der Therapie und der Rückkehr in einen normalen Alltag stehen. Schon früh hat der sozial engagierte Abiturient in Tübingen suizidgefährdete Jugendliche beraten. Ehrenamtlich und neben der Schule. Einen Bundesfreiwilligendienst (die Alternative zum Freiwilligen Sozialen Jahr, bei der auch über 27-Jährige aufgenommen werden) hat er nach zwei Monaten abgebrochen: zu viel Verwaltungsarbeit, zu wenig Arbeit mit Menschen. Und dann gab es einen Studienplatz.

Schon als 16-Jähriger suizidgefährdete Jugendliche beraten

Julian Lotze hat vier Jahre lang Soziale Arbeit in Essen studiert, nach dem FSJ möchte er dieses Studium fortsetzen. Bei seinen Eltern, beide Tierärzte, stieß die Berufswahl nicht auf Begeisterung. „Hobby“, habe der Vater seine beruflichen Interessen genannt: „Das fand ich nicht so toll.“ Für ihn sei das FSJ die Gelegenheit, die große Bandbreite der sozialen Berufe näher kennenzulernen. Seine eigene Arbeit beschreibt er so: „Wir schaffen einen sicheren Rahmen, innerhalb dessen die Alkoholkranken nicht gleich wieder rückfällig werden.“ Da geht es um die Begleitung zum Arzt oder Jobcenter, um Hilfe beim Renovieren der Wohnung oder um Beratung in Sachen Schulden. Im Studium, so findet Julian Lotze, bekomme man nur das Kochrezept für eine solche Tätigkeit. Die Praxis stehe auf einem anderen Blatt, Routine gebe es auf alle Fälle wenig.

Lisa Stadlbauer, 20 Jahre alt, lebt bei ihren Eltern in Schwäbisch Gmünd und hat nach dem Abitur an einem technischen Gymnasium ihr Freiwilliges Soziales Jahr im dortigen Kindergarten St. Koloman begonnen. Sie sagt von sich, sie könne mit Kindern besser umgehen als mit Erwachsenen. Und doch hat sie in der Zusammenarbeit mit den Erzieherinnen gelernt, genau hinzusehen, wie diese mit besonders schwierigen Kindern umgehen. „Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich so gut eingebunden werde“, freut sie sich.

Salome Wiens, 17 Jahre alt, stammt aus einem kleinen Dorf bei Backnang und ist das älteste von acht Kindern. Sie hat die Mittlere Reife gemacht und ist seit September FSJlerin im Marienhospital in Stuttgart. Schon als Vierjährige, sagt sie, habe sie im Krankenhaus arbeiten wollen. Salome will Hebamme werden. Obwohl sie eigentlich noch zu jung für den Kreißsaal ist, konnte sie ihre Arbeitgeber schnell von ihrer Fähigkeit überzeugen, Frauen bei der Geburt zu unterstützen.

„Der erste Monat war der Horror“, gesteht sie. Die 17-Jährige musste sich im Schnelldurchlauf ins Computerprogramm einarbeiten, Fachbegriffe lernen und Abläufe verstehen. Mittlerweile macht es ihr Spaß, die Räume für die Geburten vorzubereiten, werdende Mütter an den Wehenschreiber anzuschließen und ihnen Mut zuzusprechen. „Oft sind es eher die werdenden Väter, die beruhigt werden müssen“, amüsiert sie sich. Anfangs durfte Salome Wiens die Neugeborenen nicht anfassen, mittlerweile weiß man im Krankenhaus, dass sie durch ihre jüngeren Geschwister Übung hat. Gleich bei ihrer ersten Geburt durfte sie tatkräftig mithelfen und erlebte sich selbst – zu ihrer Überraschung – als locker.

Nicolas Keller, 19 Jahre alt, ist der Jüngste einer großen Patchworkfamilie in Waiblingen. In der Schule sei er nicht gut mitgekommen, gibt er freimütig zu. Partys mit Freunden standen im Vordergrund. In der 12. Klasse habe er sich zum FSJ entschlossen, zurzeit arbeitet er in der Tagespflege der Keppler-Stiftung in Waiblingen. In die Bewerbung habe er nur wenig Zeit investiert, und so fand er sich innerhalb kurzer Zeit in einer Einrichtung, in der alte Menschen und Demenzkranke den Tag verbringen, wieder. „Sie erzählen sehr viel, aber man muss sich daran gewöhnen, dass sie plötzlich am Tisch einschlafen“, beschreibt er die Atmosphäre seiner Arbeitsstelle. Es sei „krass“, wenn ein 92-Jähriger vom Krieg berichte. Oder wenn vertraute Personen sterben: „Das trifft einen schon.“

Von seiner eigenen Geschichte her war Nicolas nur wenig auf seine jetzige Arbeit vorbereitet. Gut, die Großeltern sind im vergangenen Jahr gestorben, eine Oma war dement. Doch vor dem FSJ habe er alte Menschen eher abgelehnt. „Aber die sind total interessant“, staunt er und erzählt begeistert von den Gesprächen. Und von den Kochrezepten, die er oft bekomme.

Was ihm noch Unbehagen bereite, sei die körperliche Seite, der Geruch, die Hinfälligkeit der zu Betreuenden. Er könne sich nicht vorstellen, jemanden zu pflegen, das sei ein sehr undankbarer Job. „Eigentlich eine Frechheit, wie schlecht die Pflegenden bezahlt werden“, meint er.

Über den Tellerrand hinausschauen

Manchmal wird den jungen Freiwilligen viel Verantwortung aufgebürdet, doch die meisten wachsen an der Aufgabe. Wenn sie den Tod eines Kindes erleben müsse, sei das schon hart, sagt Salome Wiens. Nach einer Weile aber habe sie es geschafft, die betroffenen Frauen in den Arm zu nehmen. Und es sei hilfreich, sich mit anderen FSJlern auszutauschen. „Es ist manchmal schwer, die Probleme auf der Arbeit zu lassen“, gibt auch Julian Lotze zu.

„In der Schule lebt man in seiner Peergroup. Im Freiwilligendienst schaut man über den Tellerrand hinaus und erweitert seinen Horizont“, sagt Petra Honikel, Sprecherin des Landesarbeitskreises Freiwillige. Seit der Aussetzung des Wehrdienstes ist in Baden-Württemberg die Zahl der Freiwilligen (inklusive jener, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst absolvieren) von 8400 (2010) auf 19 236 im Jahr 2017 gestiegen.

„Heute ist das Bild vielfältiger“, berichtet die Arbeitskreis-Sprecherin. Zwar sind die Frauen nach wie vor in der Mehrheit, doch sind alle Schulabschlüsse vertreten und die Arbeitsbereiche anspruchsvoller geworden. „Aber natürlich ist der Bedarf an helfenden Händen im Sozialsektor immer noch sehr groß, der Pflegenotstand ist nicht durch Freiwillige zu beheben“, betont Petra Honikel.

Verschwendete Zeit?

Sollte man den Freiwilligendienst also künftig zur Verpflichtung machen? Die Runde am Konferenztisch ist sich nicht sicher. Die jungen Leute selbst haben von ihrer Tätigkeit profitiert, sie haben gelernt, mit Menschen umzugehen, im Team zu arbeiten und sie sind selbstbewusster geworden. Ob das jedoch für jeden das Richtige ist? „Ich würde es allen Schülern nahelegen“, betont Salome Wiens. Sie selbst hat erlebt, dass sogar Lehrer an der Pflege- und Gesundheitsschule das FSJ als „verschwendete Zeit“ bezeichnet haben. Das ruft vehementen Widerspruch in der Gesprächsrunde hervor. „Man entwickelt im FSJ Respekt gegenüber den sozialen Berufen“, hebt Julian Lotze den gesellschaftlichen Aspekt hervor.

„Es geht eigentlich mehr darum, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich der Einsatz lohnt“, sagt auch LAK-Sprecherin Petra Honikel. Ihre Vision: „Es sollte zum guten Ton gehören, einen Freiwilligendienst zu machen. Das wäre ein Gewinn für die Gesellschaft. Aber ich halte es nicht für sinnvoll, diesen Dienst zur Pflicht zu machen.“

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