Freizeitparks Blinde müssen draußen bleiben

Von Rebecca Beiter 

Im Europa-Park Rust dürfen Blinde viele Attraktionen nicht nutzen, der TÜV verbietet es. Ist das Diskriminierung? Ein heikles Thema. Blinde Parkbesucher berichten von ihren Erfahrungen.

19 Attraktionen des Europa-Parks dürfen Blinde nicht benutzen. Foto: Europa-Park
19 Attraktionen des Europa-Parks dürfen Blinde nicht benutzen. Foto: Europa-Park

Stuttgart - Bügel zu, den Buckel hoch, und los geht es: Steil nach unten, Kurve, Schraube, am besten dabei die Arme hoch. Ralf Steeb liebt den Adrenalinkick beim Achterbahnfahren. Freizeitparkbesuche sind für den 28-Jährigen ein ganz besonderes Erlebnis, denn er sieht nicht, wohin die Achterbahn fährt: Ralf Steeb ist seit 15 Jahren blind. Den Spaß an Achterbahn und Co. lässt er sich deshalb aber nicht nehmen – es sei denn, er wird ihm genommen, wie es ihm im Europa-Park passierte.

Steeb erzählt, er habe „alles, was Spaß macht“ als Blinder nicht fahren dürfen, weder Bluefire noch den Alpenexpress, „nicht einmal die Schweizer Bobbahn“. Für den jungen Mann, der in Ehningen unter Achalm bei Reutlingen wohnt, ist diese Einschränkung eine Diskriminierung blinder Menschen. Denn in anderen Freizeitparks durfte er nach eigenen Angaben jede Attraktion nutzen.

Wie kann ein Park zum besten Freizeitpark der Welt gewählt werden, der blinden Menschen aber angeblich verbietet, mit den Achterbahnen zu fahren? Diese Frage stellt sich auch Linda Kanzler. Steeb und Kanzler kommentierten auf Facebook einen Text der Stuttgarter Nachrichten. Darin stand, dass der Europa-Park in Rust Anfang September eine Auszeichnung als bester Freizeitpark weltweit gewonnen hat – zu unrecht, wie Linda Kanzler findet.

 

Ihr Verlobter ist blind, sie schrieb ihre Bachelorarbeit über die Vor- und Nachteile von Freizeitparks für sehbehinderte Menschen. Der Europa-Park schnitt darin nicht gut ab. Befragte blinde Parkbesucher durften einige Attraktionen offenbar nicht nutzen, obwohl diese als für Blinde geeignet ausgeschildert und Begleitpersonen dabei waren. Kanzler hofft darauf, dass der Europa-Park seine Einschränkungen aufhebt, „und ich mit meinem Mann doch einen schönen Tag im Europa-Park verbringen kann“.

Diskriminierung oder nicht?

Hinter den Kommentaren von Kanzler und Steeb steckt eine heikle Frage: Können Blinde all das, was Sehende können? Sind die Einschränkungen des Parks berechtigt oder verstoßen Sie gegen die Grundsätze der Gleichstellung und der Inklusion?

Die Grundlage für die Diskussion bietet das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Darin steht: „Die Vertragsstaaten verbieten jede Diskriminierung aufgrund von Behinderung“. Diskriminierend seien Ausschließungen oder Beschränkungen zum Beispiel im sozialen oder kulturellen Bereich. Artikel 30 der Konvention geht speziell auf die Freizeit behinderter Menschen ein und hat zum Ziel, Menschen mit Behinderungen die gleichberechtigte Teilnahme an Erholungs-, Freizeit- und Sportaktivitäten zu ermöglichen. Demnach müsste das Angebot des Europa-Parks auch für Blinde offen stehen.

Die Sicherheit geht vor

Der Europa-Park erklärt auf Nachfrage, dass der Park allen Besuchern – ob mit oder ohne Handicap – einen erlebnisreichen Aufenthalt bieten möchte. Bei neuen Themenbereichen und Attraktionen lege man Wert darauf, dass diese auch für Menschen mit Einschränkungen zugänglich sind. „Da Sicherheit im Europa-Park stets oberste Priorität hat, gestattet der Technische Überwachungsverein TÜV jedoch an 19 Fahrgeschäften die Beförderung von Menschen mit Gehbehinderung oder Blinden nicht“, heißt es.

Grund sei, dass diese Parkbesucher unter Umständen nicht in der Lage seien, Evakuierungstreppen sicher und selbstständig zu gehen und sich nicht selbstständig befreien könnten.