Fremdenhass in Mügeln Bis heute regiert die Angst

Von Michael Kraske 

Nach der Jagd auf Inder vor drei Jahren in Mügeln will ein Verein sich gegen Rechte wehren. Doch er steht fast allein.

Proteste gegen rechts wie hier in Gera sind in Mügeln undenkbar. Foto: dapd 3 Bilder
Proteste gegen rechts wie hier in Gera sind in Mügeln undenkbar. Foto: dapd
Stuttgart - Manchmal ist mir nur noch zum Heulen zumute", gesteht Roman Becker. "Wir wollten etwas bewegen in Mügeln, aber irgendwann hat man keine Kraft mehr." Gegen den 23-jährigen Vereinsvorsitzenden läuft ein Ordnungswidrigkeitsverfahren. Die Stadt Mügeln hat seinen Verein Vive le Courage beim Landratsamt wegen illegaler Nutzung des Vereinshauses angezeigt, weil es als Wohnhaus deklariert war. Jetzt dürfen sie es nur noch betreten, um es zu warten. "Das Vereinsleben ist lahmgelegt", sagt Becker.

Mügeln. Das ist die Stadt, wo sich vor drei Jahren nach dem Stadtfest acht Inder, die in einer Schlägerei schwer verletzt worden waren, in die Pizzeria Picobello retteten. Ein hasserfüllter Mob versuchte, angestachelt von fremdenfeindlichen Parolen, das Lokal zu stürmen. Ein Polizist stellte sich den Angreifern damals in den Weg. Der Richter sprach später davon, Mügeln habe kurz vor einem Pogrom gestanden.

Mitglieder von Courage wurden mehrfach durch den Ort gejagt


Roman Becker und andere junge Leute haben danach getan, was nach solchen Taten in Sonntagsreden gern gefordert wird. Sie gründeten den Verein, wollten Konzerte und Lesungen für Jugendliche organisieren und über die Gründe für die Gewalt sprechen, über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Zur Gründungsveranstaltung luden sie den Bürgermeister und die Stadträte in die Gaststätte Sachsenkrone ein, dazu Schulleiter und den Pfarrer. Abgesagt haben wenige, gekommen ist keiner. Stattdessen kamen junge Männer, die rechte Parolen grölten. Die Polizei brach daraufhin die Veranstaltung wegen Sicherheitsbedenken ab. Ein geplantes Konzert im Park ließ die Stadt nicht zu.

Vor einem Jahr stand wieder eine hasserfüllte Horde auf der Ernst-Thälmann-Straße. Unweit der Pizzeria Picobello, in die sich die Inder geflüchtet hatten, riefen sie "Sieg heil" und "Wir kriegen euch", warfen Flaschen und Feuerwerkskörper gegen das Vereinsheim, das nur noch Bretterverschläge hat, wo mal Fensterscheiben waren, weil die immer wieder zerstört wurden. Die Polizei bekam die massive Gewalt erst am dritten Wochenende mit mehreren Mannschaftswagen in den Griff. Einem Polizisten entfuhr der Satz, es gehe nicht an, dass in der Provinz Bürgerkrieg herrsche. Mitglieder von Courage wurden mehrfach durch den Ort gejagt, einige wurden zusammengeschlagen.

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