„Der schönste Moment meiner Karriere“
Es ist der Morgen des 6. Juni 1999, als Steffi Graf zum allerersten Mal so richtig über das Endspiel nachdenkt, über ihren dramatischen, irren, abenteuerlichen 4:6, 7:5, 6:2-Sieg gegen ihre junge Herausfordererin aus der Schweiz. Sie ist nach einer langen Feiernacht noch einmal auf die Turnieranlage gekommen, sie ist nicht ganz nüchtern, noch ein wenig beschwipst vom vielen Rotwein der großen Titelparty. „Ich habe Mühe, das alles auf die Reihe zu bekommen. Es ist schwer, zu fassen, was passiert ist“, sagt sie auf einem der Nebenplätze, nachdem sie ihre Pflichten für den Turnierveranstalter erfüllt hat. Graf schüttelt mit dem Kopf: „Dass ich das geschafft hab´, meine Güte. Es war eigentlich schon alles aus, gegen mich gelaufen.“ Eins weiß sie schon da, noch nicht mal 24 Stunden nach dem Triumph: „Das war der schönste Moment meiner Karriere. Der schönste, der unerwartetste Sieg. Das werde ich niemals vergessen.“
Als Graf im letzten Jahr für einen Sponsorentermin in Paris weilte und ein Jugendturnier ihres Werbepartners Longines besuchte, kam selbstverständlich auch wieder dieser Sieg zur Sprache, der Sieg gegen Martina Hingis. Wer an Paris und Steffi Graf denkt, der denkt an diesen 5. Juni 1999, nicht an viele andere Glanzmomente im roten Sand. Nur ein zweiter denkwürdiger Auftritt kann mit dem Erfolg vor 20 Jahren mithalten, nämlich der erste Grand Slam-Sieg überhaupt, 1987 im Stadion Roland Garros gegen Martina Navratilova. Paris, die French Open, sie markieren so auch den Beginn und das Ende der Graf-Ära im Welttennis, zwölf Jahre mit einer zeitlich bisher unerreicht dichten Erfolgsserie. Zwölf Jahre für 22 Grand Slam-Titel, für 377 Wochen an der Spitze der Weltrangliste.
Graf hat das Spiel bis heute vor Augen
Der allerletzte Siegeslauf findet am 5. Juni seinen Höhepunkt. In einem Spiel, das sich ins kollektive Bewusstsein der Tenniswelt eingebrannt hat. Mit Szenen, die kaum einer, der alles im Stadion oder an den Fernsehschirmen sah, je vergessen hat. Graf sagt, sie erinnere sich nicht mehr an viele Matches ihrer Karriere, sie habe aber dieses Endspiel „noch sehr lebhaft vor Augen“, nicht zuletzt wegen der ziemlich verwegenen Aufholjagd: „Ich hatte mich selbst schon ein bisschen abgeschrieben. Aber ich wußte: Wenn ich noch mal eine Chance kriege, muss ich mit vollem Risiko draufgehen.“ Natürlich erinnert sich Graf auch noch an die Wochen davor, die Verletzungsprobleme, die Zweifel, ob sie überhaupt in Paris würde starten können. „Dass ich in diesem Finale stand, war ja schon ein Erfolg für sich“, sagte sie später, bei einem Blick zurück auf das Turnier. Das galt umso mehr, da sie im Viertelfinale gegen Lindsay Davenport und im Halbfinale gegen Monica Seles gewann, beide Siege waren eher überraschend gewesen.
Hingis’ dramatisches Scheitern
Das Endspiel bietet dann ein Spektakel der besonderen Art, gegen Martina Hingis, die in Paris den letzten noch fehlenden Grand Slam-Titel in ihre Sammlung aufnehmen will. Graf und Hingis mögen sich nicht übermäßig, es ist vielleicht auch der typische Generationenkonflikt zwischen der 29-jährigen, langjährigen Tennis-Königin und einer Spielerin, die in dieses Spiel schon selbst als Nummer 1 geht. Und die nun etwas erreichen will, was neben Graf nur wenige Spielerinnen überhaupt erreicht haben – einen sogenannten Karriere-Grand Slam. Hingis legt dann auch gleich los wie beseelt, in einer Art Überrumpelungs-Taktik. Die 18-jährige führt 2:0, dann 5:2, schließlich gewinnt sie den ersten Akt mit 6:4. Doch dann leistet sich Hingis, bei einer komfortablen 2:0-Führung im zweiten Satz, einen folgenschweren Fauxpas. Stuhlschiedsrichterin Anne Lassere gibt einen Returnball der Teenagerin aus, doch Hingis nimmt die umstrittene Entscheidung nicht einfach klaglos hin. Sie bittet Lassere, den Abdruck zu checken. Die Schiedsrichterin bestätigt aber ihre Aus-Entscheidung, zum Unwillen von Hingis. Die Weltranglisten-Erste verliert ihre Contenance, marschiert auf die andere Seite, markiert den Ballabdruck. Die Quittung: Ein gellendes Pfeifkonzert, laute „Steffi, Steffi“-Rufe.
Aufschlag von unten
Hingis setzt sich auf ihren Stuhl, verweigert die Fortsetzung des Spiels, läßt Oberschiedsrichterin Georgina Clark kommen. Es gibt weitere Diskussionen, dann eine Verwarnung für Hingis. Sie wirkt angezählt, gerät 3:4 in Rückstand, kämpft sich zurück, schlägt bei 5:4-Führung zum Match auf. Doch die nächste Wende bringt das Rebreak zum 5:5, kurz darauf auch den Satzausgleich.
Die Deutsche ist im Aufwind, führt 3:0 im dritten Satz, lässt sich auch durch zwei verlorene Spiele zum 2:3 nicht beirren. Bei 5:2 und 40:30 hat sie ihren ersten Matchball, Hingis serviert – und wie. Sie schlägt den Ball von unten, man nennt es despektierlich Hausfrauen-Service. Graf ist so verdutzt, dass sie den Ball ins Netz haut. Die Zuschauer brüllen Hingis fast nieder, die Schweizerin beschwert sich bei der Schiedsrichterin. Was Graf dann auch Nerven kostet: „Wollen wir diskutieren oder einfach nur Tennis spielen“, fragt sie – laut hörbar.
Hingis flüchtet unter Buh-Rufen
Es wird dann auch wieder Tennis gespielt, wenn auch nicht mehr sehr lange. Denn dann ist Graf zum sechsten und letzten Mal French Open-Siegerin, auch zum letzten Mal Grand Slam-Gewinnerin überhaupt, zwei Monate später wird sie zurücktreten. „Dieses Spiel hatte alles“, sagt Graf gleich nach der Partie, in einem ersten Interview. Hingis, die geschlagene Finalistin, ist da gar nicht in der Arena, unter weiteren Buh-Rufen ist sie vom Centre Court geflüchtet. Später wird sie von ihrer Mutter Melanie Molitor wieder zurückgebracht. Bei der Siegerehrung sagt Graf zu ihrer jüngeren Rivalin: „Du solltest nicht zu traurig sein. Du wirst eines Tages hier sicher gewinnen.“
Das allerdings sollte sich als Irrtum erweisen. Hingis gewann niemals die French Open, sie gewann nach dem 5. Juni 1999 auch nie mehr ein Grand Slam-Turnier im Einzel. Und Graf? Sie gewann noch mehr als ein Spiel, sie fand auch die Liebe ihres Lebens - die Sieger der Finals vor 20 Jahre wurden die Eheleute Graf und Agassi.
Sehen Sie in unserer Bilderstrecke Steffi Grafs unglaubliche Rekorde.