Stuttgart - Mit einem Mal wurde es still. Hannah Stieper erinnert sich noch gut an das letzte Mal, als sie Cora (Name von der Redaktion geändert) sah. Das vertraute Sofa in ihrem Wohnzimmer, das Rauschen des Fernsehers im Hintergrund.
Es war einer dieser Abende, die oft so unspektakulär wie wichtig für eine Freundschaft sind. Damals fühlte Hannah Stieper sich in der jahrealten Verbindung zu ihrer Schulfreundin Cora wohl. Man war sich vertraut, kannte sich so gut, dass das Zusammensein etwas beiläufig Heimeliges bekommen hatte – auf einer einfachen, aber irgendwie bedeutsamen Ebene.
Doch dann kam der große Einschnitt. Als an diesem Abend ein Nachrichtenbeitrag über die Ausschreitungen am Stuttgarter Eckensee im Fernsehen lief, bezeichnete Cora die Menschen auf dem Bildschirm plötzlich als „Kanaken“. Aufgebracht sprach sie davon, wie gerne sie den „Ausländer-Assis“ beibrächte, sich zu benehmen.
Professionelle Freundschaftsberatungen
Hannah Stieper wusste nicht, was sie darauf sagen sollte – und macht sich bis heute Vorwürfe. „Ich dachte immer, wir wären auf einer Wellenlänge. Und dabei habe ich scheinbar nur nicht gemerkt, dass sie solche rechtspopulistischen Gedanken hat. Das ist mir total fremd“, sagt sie im Gespräch. Von diesem Abend an stand das Thema schwer wie ein Betonpoller zwischen den beiden Freundinnen. Durchschauen ging nicht. Daran vorbei schon gar nicht.
„Das ist einer der klassischen Grenzbereiche von Freundschaft“, sagt Katharina Smutny. In ihrer Wiener Praxis bietet die Psychologin neben klassischer Einzel- und Paarberatung auch Freundschaftsberatungen an. Menschen, die zu ihr kommen, befinden sich in einem Stadium ihrer Freundschaft, in dem es schwierig wird.
„Sie haben konkrete Probleme, die sie angehen wollen – das kann zum Beispiel ein Vertrauensbruch sein oder das Gefühl, der andere habe nicht mehr genügend Zeit für die Freundschaft. Es kann aber auch sein, dass die Paare entdeckt haben, dass sie unterschiedliche Werte vertreten“, sagt Katharina Smutny.
Eine Handvoll guter Freunde haben Menschen im Erwachsenenalter einer Umfrage der Universität Chemnitz nach. Doch darüber, was genau Freundschaft eigentlich ist, welchen Stellenwert sie in der Gesellschaft hat und wo die Grenzen dieser Form von Beziehung liegen, ist bisher vergleichsweise wenig bekannt. Einer, der sich Gedanken macht, ist der Soziologe Janosch Schobin.
Freunde als eine Art zweite Familie
Mit guten Freunden verbänden uns vor allem Geheimnisse, die wir in der Öffentlichkeit nicht teilen, sagt er. Freundschaften, in denen man sich emotional öffnen kann, werden so zu einer Art doppelten Geiselnahme – man setzt einander die geladenen Pistolen auf die Brust, in der Hoffnung, dass am Ende keiner schießt. Diese Nähe verbindet und sorgt dafür, dass man sich beim anderen angekommen fühlt.
Für mehr als 55 Prozent der er Deutschen zwischen 18 und 55 Jahren stehen solche Freunde laut Schobins Berechnungen im Zentrum des eigenen Lebens. Eine Umfrage der Stiftung für Zukunftsforschung kommt zu einem noch deutlicheren Ergebnis: 74 Prozent der Deutschen sehen ihre Freunde demnach als eine Art zweite Familie.
Ganz unproblematisch ist das nicht – denn es koppeln sich hohe Erwartungen an die freundschaftliche Beziehung. Soziale Netzwerke, Artikel, Ratgeberliteratur: „Freundschaften stehen mehr in der Öffentlichkeit als früher“, sagt Katharina Smutny. Das Internet habe zudem neue Möglichkeiten eröffnet, Menschen kennenzulernen.
Freunde oder Bekannte?
Gleichzeitig lauert dort der soziale Druck, denn die Grenze zwischen „Freunden“ und „Bekannten“ ist oft schwammig. In den sozialen Medien wird der Begriff zur anklickbaren Massenware, das Sammeln von Bekanntschaften zum Teil der pseudosozialen Selbstbestätigung. Freunde sind zum Statussymbol postmoderner Einsiedler geworden – je höher die virtuelle Zahl, desto größer der reale Selbstwert.
Dennoch kann das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auch positive Effekte haben. Smutny: „Dadurch wird die Beziehung oft auch stärker reflektiert. Das kann dazu führen, dass mehr Menschen sich aktiv mit ihren Freundschaften – und den darin liegenden Konflikten – auseinandersetzen.“
Und die können vielschichtig sein. Wie zehrend Freundschaft im Zeitalter anhaltender Flexibilität und Dauerpräsenz werden kann, beschreibt der Autor Friedemann Karig in einem Essay für das Online-Blog „Resonanzboden“. Seinen Freunden gegenüber fühle er sich chronisch schuldig.
Keine Vorwürfe, bitte!
Der Grund: In seinem vollgestopften Alltag zögen sie immer öfter den Kürzeren: „Unsere ständige Erreichbarkeit auf mehreren Kanälen, unsere flexiblen Lebensentwürfe führen nicht zu stabilerer Kommunikation voller Wertschätzung und Empathie, sondern zu einem systematisch schlechten Gewissen, sich nicht ,oft genug‘ gemeldet zu haben, nicht da zu sein, zu fehlen.“
Wenn Freundschaften an ihre Grenzen stoßen, verunsichert das in vielen Fällen tief. Denn die Frage, wie man in einer so fragilen Beziehung mit Konflikten umgeht, scheint oft unklar. Smutny hat darauf eine vermeintlich simple Antwort.
Ihrer Ansicht nach werden Konflikte in einer Freundschaft gelöst wie in jeder anderen Beziehung: mit guter Kommunikation: „Man muss individuell austarieren, ob es eine Art von Freundschaft ist, in der man sensible Themen gut ansprechen kann. Und es ist wichtig, dem anderen keine Vorwürfe zu machen, sondern zu formulieren, welche Gefühle man in der Konfliktsituation hat und was man sich stattdessen wünscht.“
Gute Kommunikation könne in manchen Fällen auch darin bestehen, einen vermeintlichen Konflikt gar nicht erst anzusprechen. Kann man zum Beispiel den Verlobten der besten Freundin nicht leiden, plädiert Smutny eher dafür, sein Missfallen für sich zu behalten. „Man sollte sich hinterfragen, was man mit diesem Gespräch erreichen möchte. Die Freundin ist eine erwachsene Frau und den Partner wird man ihr nicht ausreden können. Man beschwört eher einen Konflikt herauf“, sagt sie.
Nicht jede Freundschaft ist zu retten
Liege einem das Thema sehr am Herzen, etwa, weil man zu erkennen glaube, dass der Partner der Freundin schade, schlägt sie eine alternative Gesprächsmethode vor: „In diesem Fall könnte man eher vermitteln, dass man bei Gesprächsbedarf da ist, statt die Entscheidung der anderen infrage zu stellen.“
Doch nicht in allen Fällen lässt sich eine kriselnde Beziehung retten. Gute Freundschaften können enden – ein Verlust, der oft ähnliche Gefühle wie Liebeskummer auslöst. Mit einem Unterschied: Mit unseren Freunden machen wir nur selten aktiv Schluss. „In manchen Fällen kann das leise Ausschleichen sogar besser sein“, sagt Katharina Smutny. Wenn beide Seiten den voranschreitenden Kontaktverlust zuließen, ohne sich dagegen zu wehren, sei das für beide Parteien auch ein akzeptabler Weg.
In anderen Fällen sei ein klärendes Gespräch am Ende einer Freundschaft nur fair: „Darin sollte man dem anderen erklären, warum man die Freundschaft nicht mehr weiterführen möchte und welche Gefühle darunterliegen.“
Sich fragen, was man von der Freundschaft erwartet
Ob es bei Hannah Stieper und ihrer Freundin Cora so weit kommen muss, ist für die Freundschaftsberaterin offen. Unterschiedliche Wertvorstellungen ließen sich in einer Freundschaft durchaus tolerieren, wenn die Betroffenen an anderen Stellen genügend Positives an der Beziehung fänden. „Wir suchen bei Freunden zum Beispiel nach Nähe. Oder danach, gesehen und gehört zu werden. Es liegt bei jedem Einzelnen, einzuschätzen, ob diese positiven Aspekte andere Defizite ausgleichen.“
Hannah Stieper selbst hat die Äußerungen ihrer Freundin bisher nicht angesprochen. Der Kontakt zwischen den beiden hat sich jedoch – auch vor dem Hintergrund der Pandemie – auf ein Minimum reduziert. Gesehen haben sie sich seit dem verhängnisvollen TV-Abend nicht mehr. Am Telefon sprechen sie heute vor allem über Belanglosigkeiten. Warum, weiß Hannah Stieper selbst nicht genau: „Ich bin unsicher, was ein Gespräch überhaupt bringen soll.“
Auch Smutny stellt diese Frage in den Raum: „Vor einem solchen Gespräch sollte man sich ehrlich hinterfragen, was die eigenen Intentionen sind. Wenn man seine negativen Gefühle loswerden möchte oder hofft, die Freundin zu verändern, ist ein Gespräch wenig sinnvoll. Wenn man den anderen dazu anhalten möchte, doch mal anders über das Thema nachzudenken, dann kann es heilsam sein.“