Freundschaften über 30 „Über die Babyrutsche schlittern uns die Freunde weg“
Im Erwachsenenalter werden die alten Freunde weniger. Neu dazu kommen oft nur Bekannte. Dabei gibt es etwas, was wir tun können, um Freundschaften zu erhalten.
Im Erwachsenenalter werden die alten Freunde weniger. Neu dazu kommen oft nur Bekannte. Dabei gibt es etwas, was wir tun können, um Freundschaften zu erhalten.
Es gab mal Zeiten und Orte, da waren Freundschaften nicht aufkündbar. Sie bestand auf Lebenszeit und in der Not musste man seine Freunde verstecken, verteidigen oder mit Waffen versorgen. Man tauschte den Saft des Lebens – Blut – und bezeugte damit die Bereitschaft, füreinander zu sterben. Bei den Germanen gab es etwa diese Blutsbrüderschaft, quasi die höchste Form der Freundschaft, aber auch bei den Mongolen, in vielen Teilen Afrikas, bei der Mafia sogar heute noch. Diese Freundschaften waren vor allem Männersache.
Heute ist das alles anders. Freundschaften sind unabhängig vom Geschlecht möglich, werden nicht auf Lebenszeit geschlossen, und wer sie aufkündigt, wird nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Aber auch heute ist es so, dass Männer mehr Freunde haben als Frauen. Zumindest zu Spitzenzeiten. Nach einer Studie der Aalto Universität in Helsinki und der Universität Oxford ist das mit 25 Jahren. Mehr Freundinnen und Freunde als zu dieser haben wir nie, denn Kita, Schule und Studium sind gute Zeiten für Freundschaften. Gleiches Alter, ähnliche Interessen, viel gemeinsame Zeit, das sind Faktoren, die Freundschaften begünstigen. Aber danach nimmt die Zahl der Freunde laut der Studie ständig ab, mit 45 stagniert sie für lange Zeit, Frauen haben dann Männer im quantitativen Freundschaftswettbewerb da längst überholt.
Diese Zahlen deuten darauf hin, dass vor allem Männer irgendwann kaum Freunde mehr dazugewinnen. Dass die alten Freundschaften langsam wegerodieren und maximal Bekannte hinzukommen. Viele Artikel beschreiben das so, Menschen aus dem Umfeld erzählen einem davon.
Was passiert also, wenn Männer 25 und älter sind? Oft die erste längere Beziehung etwa. Und Beziehungen hätten freundschaftliche Funktionen sozusagen eingebaut, sagt der Soziologe und Freundschaftsforscher Janosch Schobin. „Da braucht man schon mal einen Freund weniger.“ Daher nehme die Zahl der Freundschaften mit der ersten Partnerschaft ab. Danach komme oft die „Babyrutsche“, wie es Schobins Studentinnen und Studenten nennen. Über die schlittern, durchschnittlich etwa ab 30, nochmal einige Freunde weg. In der Statistik sieht das nach einem steilen Gefälle aus.
In dieser Zeit ändern sich aber auch die Bedürfnisse, was Freundschaften angeht. „In der Studienzeit sind Freunde eine Unterstützung zur Autonomie“, sagt der Psychologe Horst Heidbrink, der zu Freundschaften forscht. „Sie zeigen uns Möglichkeiten, die wir aus dem Elternhaus nicht kennen.“ In anderen Worten: Freundinnen und Freunde tragen zu unserer persönlichen Entwicklung bei. „Wenn ich Familie und Karriere habe, sind mir diese Aspekte aber nicht mehr so wichtig“, sagt Heidbrink.
Eine mögliche Erklärung also, warum erwachsene Frauen weniger Freunde verlieren als erwachsene Männer: Mütter treffen andere Mütter – oft in ähnlichem Alter mit ähnlichen Problemen, während Väter meist mit denselben Kollegen wie vorher auf der Arbeit rumhängen – denn 93 Prozent der Väter mit kleinen Kindern sind vollzeitbeschäftigt, aber nur 27 Prozent der Frauen. Heidbrink sagt: Frauen würden Betreuungsnetze viel intensiver knüpfen und nutzen als Männer.
Zudem könnte eine unterschiedliche Art, Freundschaften zu führen, damit zu tun zu haben. Frauen sind eher „face to face“ orientiert, setzen sich gegenüber und erzählen sich, beziehen sich aufeinander. Männer sind eher „side by side“ orientiert, sie machen Sachen miteinander, ziehen gemeinsam um die Häuser. Das habe wohl mit Geschlechternormen zu tun, Weiblichkeit sei eher emotional kodiert, sagt Freundschaftsforscher Schobin. Letztlich habe Freundschaft aber für alle Geschlechter eine ähnliche Funktion: Einem zu zeigen, dass man gemocht wird. „Männer benutzen dafür nur andere Chiffres“, sagt Schobin.
Auch Heidbrink ist skeptisch, was Geschlechterunterschiede beim Verlust von Freunden angeht. Die Studie, dass Menschen ab 25 Freunde verlieren, basiert auf Telefondaten. „Face to face“-Beziehungen ließen sich so besser erfassen als „side by side“-Aktivitäten, sagt Heidbrink. Wie viel Geschlechterunterschied beim Verlust von Freundinnen und Freunden bleibt, ist letztlich also nicht vollständig zu klären.
Klar ist aber: Ohne Zeit werden neue Freunde nicht mehr und alte Freundschaften nicht besser. Wissenschaftler Heidbrink nennt ein einfaches Rezept: Mehr gemeinsame Zeit und häufige Nähe lasse die Sympathien zwischen zwei Menschen anwachsen. Eine Studie der University of Kansas kommt sogar auf eine konkrete Stundenzahl. 80 bis 100 Stunden muss man demnach insgesamt mit einer Person verbringen, damit aus einer Bekanntschaft ein Freund oder eine Freundin wird – zumindest steigt nach diesem Zeitraum die Wahrscheinlichkeit dafür wesentlich. Für eine enge Freundschaft braucht es laut der Studie knapp 120 Stunden, die man innerhalb von drei Wochen miteinander verbringt. Das wäre etwa gleich viel Zeit, wie man in der Arbeit verbringt. „Grundvoraussetzung für eine Freundschaft ist das gegenseitige Vertrauen, und das wächst nicht von heute auf morgen“, sagt Heidbrink.
Dieses gegenseitige Vertrauen braucht nicht nur Zeit, es muss auch genährt werden. Früher gab es dafür Rituale. Bei den Germanen wurden die Arminnenseiten aufgeritzt und aneinandergehalten oder ein paar Tropfen Blut in Met oder Bier gegeben, von dem beide trinken mussten. Das Blut habe für die Seele des anderen gestanden, die man so in sich aufnimmt, sagt Freundschaftsforscher Schobin. Man lieferte sich dem Anderen aus. Heute erfüllen diesen Zweck private Geheimnisse: „Geheimnisse untermauern gegenseitiges Vertrauen“, sagt der Psychologe Heidbrink.
All das braucht aber laut Heidbrink eine Basis: „Man braucht immer ein gemeinsames Thema, gemeinsame Interessen.“ Nur gemeinsame Werte reichten demnach nicht. „Worüber unterhaltet man sich dann?“, fragt Heidbrink. Und ein gemeinsames Interesse gehe wiederum mit einem anderen Freundschaftsfaktor einher: Wer mit jemandem Tennis spielt, im Literaturkreis diskutiert oder an der Volkshochschule Spanisch lernt, sieht sich häufig. Und wer oft Zeit miteinander verbringt, wird sich eher sympathisch.
Gewinnen wir also irgendwann nur noch Bekannte und keine Freunde mehr dazu? Durchschnittlich würden Menschen angeben, vier enge Freunde zu haben, sagt Schobin. „Die Zahl ist relativ konstant über die Zeit.“ Und vielleicht kommt es auf die mehr an, als auf die absolute Zahl von Menschen. Denn ohne sie wäre unser Leben kürzer. Eine Studie von Julianne Holt-Lunstad und Timothy Smith hat 2010 ergeben, dass Einsamkeit so schädlich ist wie Alkoholmissbrauch oder 15 gerauchte Zigaretten am Tag.
Auswahl
Wir suchen unsere Freunde und Freundinnen nach Ähnlichkeiten aus: Alter und ethnische Gruppe seien solche Faktoren, sagt Freundschaftsforscher Janosch Schobin. Selbst Ähnlichkeiten im Gesicht spielten eine kleine Rolle, so Schobin.
Anpassung
Zudem passen sich Freunde gegenseitig an, als wirkten beide Seiten als Idol auf den anderen: Der Musik- und Kleidungsgeschmack ähnelt sich immer mehr, aber auch Alkohol- und Tabakkonsum gleicht sich an, sogar der Body-Mass-Index werde immer gleicher, sagt Schobin. Darin liege auch eine Schattenseite der Freundschaften, sagt Psychologe Horst Heidbrink: Einer der stärksten Prädiktoren für Rückfälle bei straffälligen Jugendlichen sei, wenn sie mit anderen Straftäterinnen und Straftätern befreundet seien.