Interview„Fridays For Future“ am 20. September „Ich riskiere für den Klimaschutz mein Abitur“

Von Siri Warrlich 

Am 20. September ruft „Fridays for Future“ weltweit zu einem Klimastreik auf. Verdi und weitere Organisationen haben sich dem Streikaufruf angeschlossen. Kolja Schultheiß aus dem Stuttgarter Organisationsteam erklärt, warum auch Berufstätige an dem Streik teilnehmen sollten.

Kolja Schultheiß engagiert sich seit rund einem Jahr bei „Fridays for Future“ in Stuttgart. Foto: Siri Warrlich
Kolja Schultheiß engagiert sich seit rund einem Jahr bei „Fridays for Future“ in Stuttgart. Foto: Siri Warrlich

Stuttgart - Unter dem Motto #AllefürsKlima rufen Schüler und Studenten am Freitag, 20. September, zu einem weltweiten Klimastreik auf. Auch die Dienstleistungsgesellschaft Verdi fordert ihre rund zwei Millionen Mitglieder auf, an den Demonstrationen teilzunehmen. „Wir brauchen ein deutlich konsequenteres Handeln der Politik beim Klimaschutz“, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Natürlich rufe die Gewerkschaft nicht zu einem ordentlichen Streik auf. Aber wer kann, solle ausstempeln und mitmachen. Naturschutzorganisationen wie der BUND und Greenpeace haben sich dem Streikaufruf ebenfalls angeschlossen.

Kolja Schultheiß aus Esslingen arbeitet im Stuttgarter Organisationsteam von „Fridays for Future“ an den Vorbereitungen. Wir haben im Vorhinein mit ihm gesprochen.

Herr Schultheiß, was plant „Fridays for Future“ am 20. September in Stuttgart?

An diesem Tag rufen wir weltweit zum Klimastreik auf. Es sind explizit auch Erwachsene aufgerufen, an den Demonstrationen teilzunehmen. In Stuttgart gibt es um 11 Uhr für alle, die dabei sein wollen, drei Treffpunkte: Hölderlinplatz, Erwin-Schoettle-Platz und Kernerplatz. Von dort aus ziehen alle Demozüge Richtung Rote-Bühl-Platz. Um 13.30 Uhr gibt es eine große Abschlusskundgebung mit Livemusik am Schlossplatz. Morgens gibt es auch schon eine Fahrraddemo. Um 10.30 Uhr treffen sich die Teilnehmer am Esslinger Bahnhof und radeln gemeinsam nach Stuttgart. Auch hierzu ist jeder eingeladen.

Warum machen Sie das?

Der 20. September ist ein wichtiger Tag. Zum einen findet in den Tagen danach die nächste UN-Klimakonferenz in Santiago de Chile statt. Zum anderen will das deutsche Klimakabinett an dem Tag Beschlüsse vorstellen. Ein zentraler Punkt in der Klimastrategie, die zum Beispiel die CSU vorgelegt hat, ist ein Steuernachlass für energieeffiziente Haushaltsgeräte. Wir brauchen eine fundamentale Veränderung unseres Energie- und Verkehrssystems – und die Partei kommt mit Kühlschränken! Ich gehe davon aus, dass die Beschlüsse des Klimakabinettsnicht ansatzweise weit genug gehen werden. Dagegen wollen wir am 20. September demonstrieren.

Wie laufen die Vorbereitungen?

Wir hoffen, dass es die größte Veranstaltung wird, die wir bisher organisiert haben. Wir wollen aus Fehlern bei vergangenen Demos lernen und den Tag sehr professionell gestalten. Ich persönlich kümmere mich zum Beispiel gerade darum, dass es bei der Abschlusskundgebung einen geregelten Backstage-Bereich für die Musiker und Organisatoren gibt. Manchmal hatten wir in der Vergangenheit 50 Leute hinter der Bühne, die Selfies mit Musikern schießen wollten. Dann war Chaos. Ein anderer Punkt sind die Funkgeräte, damit wir während der Demo gut kommunizieren können. Funkgeräte kann man sehr teuer mieten – oder privat ausleihen. Ich suche derzeit nach Menschen und Organisationen, die uns Funkgeräte leihen. Außerdem haben wir ein Pressetraining für „Fridays for Future“-Aktivisten organisiert. Wir wollen lernen, wie man zum Beispiel gut auf den Vorwurf reagiert, dass wir doch eh nur Schulschwänzer seien. Das Training für uns macht eine Aktivistin des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“.

Der 20. September ist ein Freitag. Berufstätige müssen arbeiten. Befürchten Sie nicht, dass die Teilnehmerzahl eher gering sein wird?

Prognosen über Teilnehmerzahlen sind schwierig, dazu lasse ich mich nicht hinreißen. Bislang ist die Resonanz aber enorm groß. Wir kriegen viele Anfragen über Social Media oder bei Mobilisierungsaktionen, was an dem Tag los sein wird – und die Mehrzahl der Anfragen kommt momentan von Erwachsenen. Ich riskiere für den Klimaschutz mein Abitur, weil ich jeden Freitag fehle. Da können Berufstätige, denen das Thema am Herzen liegt, doch auch mal eine verlängerte Mittagspause machen.

Was passiert, wenn der Tag vorbei ist?

Im Anschluss gibt es noch eine „Week for Future“. Bundesweit wird es in der Woche weitere Demonstrationen geben. In Stuttgart planen wir jeden Tag eine Aktion, zum Beispiel Konzerte, Kleidertauschbörsen und ein Sleep-In – also eine Gruppenübernachtung an einem öffentlichen Ort als politische Kunstaktion. Das genaue Programm werden wir in den nächsten Tagen auf unserer Facebook-Seite von „Fridays for Future“ Stuttgart veröffentlichen.

Kolja Schultheiß, 17 Jahre, ist Schüler und kommt aus Esslingen. Seit rund einem Jahr engagiert er sich bei „Fridays for Future“. 2020 macht Schultheiß Abitur. In den Sommerferien ist er mit dem Zug durch Schottland gefahren, um mit seinen Reiseplänen möglichst wenig CO2 zu verursachen. Gelegentlich ist Schultheiß auf Autofahren angewiesen, weil er als Hobby Kanutouren macht. Zu Weihnachten will er sich von seinen Eltern eine Kompensationszahlung für das CO2 wünschen, das er über das Jahr durch Autofahren verursacht hat.

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