Fridays for Future machen Politik Die Konstanzer Klimaretter

Julian Kratzer (rechts) und die Psychologiestudentin Julia laden mit ihrer Aktion zur deutsch-schweizerischen Demo ein. Foto: Fridays for Future Konstanz

Der 22-jährige Fridays-for-Future-Aktivist Julian Kratzer und CDU-Oberbürgermeister Uli Burchardt könnten unterschiedlicher kaum sein. Und doch kämpfen sie gemeinsam für eine Sache: eine bessere Klimabilanz in Konstanz.

Konstanz - Das bisschen Nieselregen ist ihm egal. Seine Augen sind mit einem himmelblauen Streifen T-Shirt-Stoffs verbunden, zweilagig, sodass er nichts mehr sieht. Er zittert, das liegt an der Kälte und an der Erkältung, die er seit Tagen herumschleppt. In seinen Händen hält er ein Pappschild, es ist selbst gemalt und inzwischen halb aufgeweicht. „Augen auf für’s Klima“ steht darauf. Julian Kratzer, 22 Jahre alt und Umweltaktivist, müsste eigentlich auf das mündliche Abi lernen. Stattdessen stehen sie an diesem Mittwochnachmittag zu dritt mit Augenbinden vor dem Einkaufszentrum Lago in Konstanz und lassen sich von Passanten bestaunen. „Coole Idee“, sagt eine Schülerin und wird von ihrer Mutter weitergezogen. „Dürfen wir ein Foto machen“, fragt ein junger Schweizer und kniet zu Füßen der Frierenden für einen Handyschnappschuss. „Klar dürft ihr“, sagt Julian Kratzer, „kommt am Samstag zur Fridays-for-Future-Demo nach Kreuzlingen, es wird die größte, die wir bisher gemacht haben.“

 

Ohne Julian Kratzer und seine Mitstreiter hätte es die 86 000-Einwohner-Kommune am Bodensee letzte Woche weder in die „New York Times“ noch als erste Meldung in die „Tagesschau“ geschafft. Konstanz hat den Klimanotstand ausgerufen, als erste Stadt in Deutschland. Der Protest aus den Klassenzimmern kam im Gemeinderat an. So viel Jugend war dort noch nie, so viel Gejubel und Geklatsche auch nicht. Hinter den Butzenscheiben des historischen Konstanzer Rathaus haben die Fraktionen einstimmig beschlossen, jede künftige Vorlage unter einen Klimavorbehalt zu stellen – und es sind viele im Jahr, mehr als 500.

„Panik-Aktionismus“ von „Schulschwänzern“, schimpft die AfD-Fraktionschefin

Alles „Panik-Aktionismus“, losgetreten von „Schulschwänzern“, schimpft die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel auf Facebook und hält die Debatte für hysterisch. „Alles Kommunalwahlkampf?“, fragen andere und wollen wissen, wie es die Fridays-for-Future-Bewegung mit ihrer Ikone Greta Thunberg geschafft hat, die Politiker vor Ort in einen Ökotaumel zu versetzen?

„Die Planeten standen richtig“, sagt Oberbürgermeister Uli Burchardt, er trägt einen gut sitzenden Anzug und einen winzigen Glitzer-Ohrstecker links. Der OB ist CDU- und Attac-Mitglied, fährt privat einen Elektro-Smart und dienstlich eine E-Klasse. Die „Fridays“, wie sie sich selber nennen, hat er ins Rathaus geholt. Weil sie nicht wollten, dass er auf einer ihrer Demos spricht. Das war ein Anfang.

„Wir befinden uns wirklich in einer Krise“, sagt Julian Kratzer, schwarze Jeans mit Rissen am Knie und zwei Piercings unterhalb der Mundwinkel. Er hat sich entschieden, eine geplante Japanreise zu Freunden abzusagen. Sechs Tonnen Kohlendioxid würden anfallen. „Wir müssen jetzt handeln, sonst ist es zu spät. Das müssen doch alle einsehen.“

Der eine Abiturient, der andere OB – beide wollen das Klima retten

Der Schüler Julian Kratzer und Oberbürgermeister Uli Burchardt könnten unterschiedlicher kaum sein und wollen doch beide dasselbe: das Klima retten. Das hat sie zusammengebracht.

„Lassen Sie uns im Klassenzimmer treffen“, schlägt Julian Kratzer vor, das sei doch passend. Die Wessenbergschule liegt direkt am Rhein, mit Blick aufs Wasser beginnt ein langes Gespräch. Über die Niedergeschlagenheit eines Abiturienten, der verstanden hat, was es bedeutet, wenn sich die Erdtemperatur um 1,5 Grad oder gar 2 Grad erhöht. Naturkatastrophen, Hunger und Kriege werden zunehmen. Über die Hoffnung, die entsteht, weil die „Fridays“ gehört und ernst genommen werden. „Ich möchte etwas verändern können“, sagt der Konstanzer und hat seit Wochen keine freie Minute mehr. Weil er seit der ersten Klasse Theater spielt, fällt es ihm leichter vorne zu stehen. Er führt mit Megafon die Demos an, die jeden zweiten Freitag stattfinden, mal in der Schulzeit, mal danach. „Ich bin das Mädchen für alles“, gibt er zu. Er gehört zum Orgateam der Ortsgruppe von Fridays for Future Konstanz und ist als Delegierter für die Bundesebene gewählt worden. Er ist bei Müllsammelaktionen dabei und beim Bedrucken von Pullis mit FFF-Logo. Er bedient Instagram und koordiniert die Gruppen auf WhatsApp. „

Fast hätte Julian Kratzer im Rathaus losgeheult

Wir sind wie eine Familie“, sagt Kratzer, rund 30 Leute, der Jüngste 14, der Älteste um die 60 Jahre alt. Viele Schüler, Studenten, Azubis, „auch Eltern und Großeltern“. Er zeigt auf dem Handy Videos von jenem Donnerstag, als sich erfüllte, was sie so gut vorbereitet hatten: die Abstimmung im Gemeinderat. „Alle Hände gingen hoch“, sagt Kratzer. „Ich musste mich beherrschen, um nicht loszuschluchzen. Das war das Aufregendste in meinem Leben bisher.“

Der Coup hat Konstanz in die Schlagzeilen gebracht und OB Burchardt unter Zugzwang. Künftig muss er jedes halbe Jahr berichten, ob und wie die CO2-Emissionen pro Kopf in Konstanz zurückgegangen sind. Der 48-Jährige empfängt mit einem Glas Wasser und großer Offenheit im Dienstzimmer, er trägt am Revers das Wappen der Stadt. „Wir wissen alle noch nicht genau, was auf uns zukommt“, sagt er fast entschuldigend „aber das Ganze war einfach unwiderstehlich.“ Burchardt könnte man abnehmen, dass er die Sache ernst meint. Wären da nicht die Kommunalwahlen in wenigen Wochen und nächstes Jahr will er als Rathauschef wiedergewählt werden – in einer Stadt 16 000 Studenten.

OB Burchardt ging bei einem Tübinger Biobauern in die Lehre

Genau zweimal ging Burchardt bei Demos mit, erzählt er. Einmal wollte er als Jugendlicher eine Straße verhindern, vor ein paar Jahren protestierte er für eine bunte Stadt, ein Konstanz ohne Fremdenfeindlichkeit. Die Tochter seiner Partnerin malt in München für Fridays for Future Banner und überhaupt war Burchardt schon immer ziemlich eigenwillig und ziemlich öko. Der Professorensohn war Schulabbrecher, fing bei einem Biobauern in Tübingen eine Lehre als Landwirt an und wurde Zivi am Fraunhofer-Institut für Umweltforschung. Burchardt ist Förster und Unternehmensberater, er glaubt, dass sich Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg gut verbinden lassen. Wie das geht, hat er als Geschäftsführer bei Manufactum gezeigt, einem Warenhaus, das auf die Langlebigkeit seiner Produkte setzt.

„Wir wissen ja, wir können das Klima nicht alleine retten, aber die Ausrufung des Notstands ist auch ein Signal“, sagt der Oberbürgermeister und hat sich überzeugen lassen vom „Druck der nächsten Generation“. „Über das Wie waren wir uns immer einig, nur nicht über das Wie schnell.“ Es gebe ein großes Potenzial, was alles verändert werden kann. In Deutschland, auf das seit der Energiewende die ganze Welt schaue, und lokal in Konstanz. Einen Sechs-Punkte-Plan hat der Gemeinderat als Leitfaden für die nächsten Schritte gleich mitbeschlossen. Da soll etwa ein Mobilitätsmanager eingestellt werden, um den Autoverkehr zu reduzieren. Es wird überlegt, wie die energetische Sanierung von Gebäuden vorangebracht werden kann, und die Umweltfreundlichkeit der Stadtwerke kommt auf den Prüfstand.

Klimaschutz sei eine Sache des Geldes, sagt der Rathauschef

Letztlich ginge es ums Geld, gibt sich Burchardt realistisch. Vielleicht müsse die Stadt ihren Kurs ändern und bewusst Schulden machen, um Energiesparprojekte anzustoßen. „Wir könnten beim Rathaus anfangen, einem ehemaligen Zunfthaus, da heizen wir ohne Ende.“ Auch die Bürger müssten mitziehen. Burchardt setzt darauf, dass viele dabei sein wollen bei der tiefgrünen Neuausrichtung. „Klimaschutz ist keine Pizza, man bestellt das nicht einfach so beim OB“, sagt Burchardt und weiß, dass es in Konstanz die jungen Menschen sind, die am meisten fliegen. Damit aufzuhören wäre ein großer Baustein für eine bessere Klimabilanz. Und Fleisch teurer machen und die CO2-Steuer einführen. Burchardt will Veränderung. Den schweren Öl-Schinken an der Wand des Dienstzimmers hat er einlagern lassen – eine Ratssitzung im opulenten Rahmen. Heute hängt dort eine Luftaufnahme, stylisch blau. „Unsere Fahrradbrücke bei Rheinkilometer Null, bis zu 17 000 Radler am Tag, eine der meistbefahrensten Strecken in Deutschland.“

In der Imbissbude lobt der kurdische Chef den jungen Aktivisten

Zu Fuß macht sich Julian Kratzer auf den Weg, es tröpfelt. „Hoffentlich regnet es bei der Demo am 11. Mai nicht“, sagt er und läuft auf dem Weg in die Altstadt an dem Hochschulgebäude vorbei, in dem sie ihre erste Pressekonferenz am Tag nach dem Gemeinderatsbeschluss abgehalten haben. Aus ganz Deutschland kamen die Journalisten. Julian Kratzer hat sie moderiert, dieses mal durfte der OB sprechen. An der Imbissbude gleich beim Münster macht Julian Kratzer einen Zwischenstopp. Er bestellt einen veganen Döner und bekommt erst mal minutenlang Lob vom kurdischen Chef höchstpersönlich. „Die müssten sich schämen im Gemeinderat“, sagt Musa Cebe, der vor fast 40 Jahren aus der Türkei nach Konstanz kam, „die hätten längst mehr machen können.“ Da brauche es ein Mädel aus Schweden und Leute wie Julian, damit sich die Dinge bewegten. Er verspricht, mit Tochter und Frau auf die Demo zu kommen. „Macht weiter so“, sagt er zum Abschied.

Es regnet sich ein an diesem Nachmittag im Mai. Julian Kratzer, Julia, die gerade ihren Master in Psychologie macht, und Janis, der genervt ist „von all dem Müll und den Autos“ in der Stadt, stellen sich vors Einkaufszentrum Lago und frieren mit verbundenen Augen für den Klimaschutz. „Letztes Mal hatten wir stundenlang Sonnenschein“, erinnert sich Julian Kratzer, aber dafür seien sie ziemlich beschimpft worden. Das bisschen Regen sei nichts dagegen.

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