Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi Totalverriss für indisches Gesetz gegen Kinderarbeit

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Im Herbst hat der indische Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi bei den Stuttgarter Gesprächen das Publikum begeistert. Nun geißelt er ein neues Gesetz gegen Kinderarbeit in seinem Heimatland. Den Politikern wirft er vor, damit das Volk zu täuschen.

Satyarthi hat im Herbst  das Publikum in Stuttgart begeistert. Foto: Lg/Kovalenko
Satyarthi hat im Herbst das Publikum in Stuttgart begeistert. Foto: Lg/Kovalenko

Stuttgart. - In diesem Punkt ist Indien nicht anders als die meisten anderen Länder. Als das Parlament vor wenigen Tagen ein Gesetz gegen Kinderarbeit verabschiedet hat, da lobten sich die Beteiligten erst einmal selbst in den höchsten Tönen. Als „historisch“ hat Arbeitsminister Bandaru Dattatreya das Regelwerk gerühmt, das zudem eng mit dem Recht auf Bildung verzahnt worden sei. Kinder, die jünger als 14 Jahre alt sind, dürfen künftig in keinem Bereich mehr arbeiten, ausgenommen sind lediglich die eigenen Familienbetriebe. Für Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahre gelten immerhin zahlreiche Restriktionen. Doch nun hat sich der Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi zu Wort gemeldet. Lob hat er nicht zu verteilen.

Es ist eine Geißelung der Machthabenden, die Satyarthi in der „Hindustan Times“ veröffentlicht hat. Das neue Gesetz sei eine Stärkung des Status Quo und täusche die Gesellschaft, wettert Satyarthi, der für seinen unermüdlichen Einsatz gegen Kinderarbeit 2014 zusammen mit der pakistanischen Kinderrechtlerin Malala den Friedensnobelpreis verliehen bekam. Im vergangenen Oktober war Satyarthi Premierengast der inzwischen etablierten „Stuttgarter Gespräche“, die von der Robert Bosch Stiftung und der Stuttgarter Zeitung ins Leben gerufen wurden.

Jedes Kind kann nun legal arbeiten

Kinder jeden Alters können jetzt legal in Ziegeleien, Schlachthäusern und Hüttenwerken arbeiten und an zahlreichen anderen hoch gefährlichen Arbeitsplätzen, kritisiert Satyarthi das neue Gesetz. Denn: „Die Definition von Familie und Familienbetrieb ist komplett fehlerhaft“. Mehr als 80 000 Kinder hat Kailash Satyarthi in den vergangenen 35 Jahren mit seiner Organisation „Bachpan Bachao Andolan“ aus Sklaverei und Schuldknechtschaft in Indiens Steinbrüchen, Ziegeleien und Teppichfabriken befreit. Ein Großteil der Kinder, die in den vergangenen Monaten von seinen Mitarbeitern gerettet worden seien, würden nicht unter dem Schutz der neuen Gesetzes stehen, erklärt Satyarthi nun und weist auf eine weitere Absonderlichkeit der indischen Gesetzgebung hin: „Wer einem Kind Zigaretten verkauft, dem droht Haft, aber es gibt keine Strafe, wenn er dieses Kind Zigaretten produzieren lässt“.

In Stuttgart hatte Satyarthi im vergangenen Herbst davon gesprochen, dass viele Kinder noch nie das Licht der Sonne gesehen hätten, dass sie auf Kakaoplantagen arbeiten, aber noch nie Schokolade gegessen haben. In seinem aktuellen Beitrag erzählt der Friedensnobelpreisträger von Kindern, die aus Familienbetrieben befreit wurden, die einem Arbeitslager ähneln. Gearbeitet hätten sie dort für den Verdienst von einer Rupie pro Tag – das ist umgerechnet etwas mehr als ein Cent.

Bayerischer Landtag macht einen ersten Schritt

Nach offiziellen Statistiken arbeiten in Indien 12,5 von 252 Millionen Kindern zwischen fünf und 14 Jahren. Damit ist Indien das Land mit der größten Zahl an Kinderarbeitern weltweit. Viele Experten halten diese Zahl sogar für viel zu niedrig angesetzt. Denn mehr als 65 Millionen indische Kinder zwischen sechs und 14 Jahren gehen nicht zur Schule. Ein Großteil von ihnen geht hingegen vermutlich zur Arbeit.

„Im Land von Mahatma Gandhi und Buddha müssen wir alles tun, um die Rechte der Kinder zu schützen“, sagt Satyarthi. Eine Initiative im weit entfernten Bayern wird den Aktivisten da sicherlich freuen. Nach einem knappen Jahrzehnt der Diskussionen hat der Landtag Ende Juli ein Gesetz gegen Grabsteine aus Kinderarbeit einstimmig beschlossen. Bayerns Kommunen dürfen künftig Grabsteine von ihren Friedhöfen verbannen, die von Kindern hergestellt wurden. Schätzungen zufolge stammen fast die Hälfte der Grabsteine in Bayern aus Indien oder Ländern, in denen Kinderarbeit an der Tagesordnung ist.