Roland Blach erhielt 2017 den Friedensnobelpreis. Wie sieht der Marbacher die aktuelle weltpolitische Lage? Und wie schafft er es, die Hoffnung auf Frieden am Leben zu halten?
Der UN-Atomwaffenverbotsvertrag trat vor fünf Jahren, am 22. Januar 2021, in Kraft. Für das Zustandekommen des Vertrags erhielt ICAN – ein globales Bündnis von mehr als 600 Organisationen in mehr als 100 Ländern, das sich für die vollständige Abschaffung von Atomwaffen einsetzt – 2017 den Friedensnobelpreis. Auch Roland Blach. Wie sieht der Marbacher die aktuelle weltpolitische Lage und wie schafft er es, sich immer wieder neu für seine Friedensarbeit zu motivieren?
Herr Blach, die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado hat ihre Friedensnobelpreis-Medaille dieser Tage dem US-Präsidenten übergeben. Was hat diese Nachricht in Ihnen ausgelöst?
(ungläubiges Kopfschütteln)
Teilen Sie die Kritik an diesem symbolischen Akt? Denn das Nobelkomitee in Oslo sagt klar: Der Preis kann weder übertragen noch geteilt werden.
Es ist weit mehr als ein symbolischer Akt und stellt die Integrität des wichtigsten Friedenspreises weltweit infrage. Wie vielleicht nie zuvor. Das Nobelpreiskomitee selbst sollte sich bewusst sein, was es mit der Entscheidung ausgelöst hat, denn die Nähe Machados zu Trump war schon vor der Entscheidung im Oktober klar.
Blach mit der Medaille mit dem Porträt von Alfred Nobel. Foto: photochron
Machado sieht in dem US-Militäreinsatz in Venezuela einen großen Schritt hin zu einem demokratischen Übergang. Sehen Sie den auch?
Wann hat ein so eklatanter Völkerrechtsbruch mit dem Sturz eines Machthabers wahrhaftig für einen nachhaltigen und demokratischen Frieden gesorgt? Ich erinnere nur an den Irak, an Libyen. Wie wichtig es auch immer ist, diktatorische Verhältnisse zu überwinden: Was hilft Gewalt von außen dabei? Eine neue Führungsperson muss die Menschen im Land einen und nicht spalten. Und das betrifft wahrlich nicht nur Venezuela.
Die weltpolitische Lage spitzt sich zu. Gerade auch seit dem Inkrafttreten des UN-Atomwaffenverbots. Wird es nicht immer schwieriger, die Hoffnung auf Frieden nicht zu verlieren?
Ich kann nur für mich sprechen und da lautet die Antwort: Nein. Auch als die Nachricht über den US-Militärschlag in Venezuela kam, bin ich in meinem inneren Frieden geblieben.
Wie schafft man das?
Ich habe mir über die Jahre hinweg eine innere Keimzelle geschaffen, die mir hilft, meine Zuversicht nicht zu verlieren. Überall nehme ich die Schönheit dieser Erde wahr – in der Natur, in der Begegnung mit Menschen. Auch das Radfahren ist für mich eine wichtige Kraftquelle.
Am 27. Januar wird die Doomsday Clock gestellt. Diese Weltuntergangsuhr zeigt, wie ernst Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die globale Lage einschätzen – in Bezug auf Atomwaffen, Klimawandel und Instabilität. Sie steht jetzt schon auf 89 Sekunden vor zwölf. Macht Ihnen das keine Angst?
Natürlich ist das eine Warnung, die auch mit mir etwas macht, aber meine gute Laune verliere ich dennoch nicht, weil es wunderbare Entwicklungen gibt wie diesen Verbotsvertrag. Und weil ich weiß, dass sich Menschen aus ihrem inneren Frieden heraus freier machen von dem, was auf der Welt passiert.
Sie haben 2017 als Teil des ICAN-Bündnisses in Oslo den Friedensnobelpreis überreicht bekommen. Was bedeutet Ihnen dieser Preis heute noch?
Die Erfahrung, die ich damals gemacht habe, haut mich noch immer um. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich davon erzählen darf. Frieden ist der Weg, Menschen mitzunehmen. Und so komisch das klingen mag – ich fühle mich in meinem Engagement für Frieden heute eher bestärkt als geschwächt, als vor fünf Jahren.
Ich finde es wunderbar, wie zahlreich sich junge Menschen engagieren und sich Gedanken machen um Krieg und Frieden.
Roland Blach, Friedensnobelpreisträger aus Marbach
Das klingt nach großer Zuversicht. Wie nehmen Sie die Menschen um sich herum wahr?
Ich nehme natürlich große Angst wahr – auch von Menschen, die in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts für den Frieden auf die Straßen gegangen sind. Die sagen mir: „Roland, die Situation aktuell ist schlimmer als damals.“ Die Sorge vor einem Atomkrieg ist sehr groß.
Wie hoch schätzen Sie persönlich die Gefahr eines Atomkrieges ein?
Wir wissen nicht, wann er kommt. Aber es ist naiv zu glauben, es wird nie passieren. Ob es morgen, übermorgen oder in 30 Jahren passiert, spielt keine Rolle. Wenn wir uns nicht von diesem Irrsinn befreien, wird irgendwann eine Atombombe fallen.
Halten Sie das Risiko eines Atomkriegs für größer als vor fünf Jahren?
Ja. Das Dilemma ist, dass einerseits aufgerüstet wird – die Volksrepublik China ist dabei, neue Atomwaffen zu entwickeln. Und andererseits haben wir eine wunderbare Entwicklung rund um diesen Vertrag – inzwischen haben ihn 99 Staaten unterschrieben. Es gibt eine starke Gegenbewegung von Menschen, die die Hoffnung nicht aufgeben und sich für Frieden engagieren. Ich lasse mir jedenfalls von einem Trump und einem Putin nicht mein Leben diktieren.
Welchen Rat haben Sie für Menschen, die angesichts der weltpolitischen Lage in einem Angststrudel ertrinken?
Offen auf Menschen zugehen und schauen, ob es Personen gibt, mit denen man sich Kraftquellen erschließen kann und mit denen man sich auch über seine Ängste austauschen kann. Und: Hinschauen, wo Dinge gut laufen. Denn da gibt es unendlich viel.
Gibt es abseits des Persönlichen etwas, was Ihnen Hoffnung gibt?
Ich finde es wunderbar, wie zahlreich sich junge Menschen engagieren, sich Gedanken machen um Krieg und Frieden und beispielsweise sagen: Wieso wollt ihr uns in die Wehrpflicht zurückschicken? Das ist für mich ein großer Schatz, dass sie nicht resignieren, sondern sich wehren gegen die Pläne der Politik.
Gibt es eine Haltung zu Frieden, die Sie revidieren oder ändern mussten?
Nein. Ich begegne dem aber in meinem Umfeld, wenn Menschen, die früher für Frieden auf die Straße gegangen sind, sich heute für Waffenlieferungen in Kriegsgebiete einsetzen.
Wenn Sie den Entscheidungsträgern auf der weltpolitischen Bühne einen Rat geben könnten, wie würde der lauten?
Fangt an zu verhandeln, dass wir diese Waffen auf dieser Welt nicht mehr brauchen. Warum geht es immer darum, sich auf eine Seite zu stellen und sich mit den Machthabern dieser Welt zu verbünden? Wir sollten uns immer auf die Seite der Menschen stellen, die leiden. Wir sind Menschen, das eint uns. Und wir alle wollen Frieden und Sicherheit.
Sagen Menschen zu Ihnen, dass Sie ein unverbesserlicher Träumer sind?
Ja – das höre ich regelmäßig. Es trifft mich manchmal auch, aber es bringt mich nicht von meinem Weg ab, den ich mit vielen anderen teile.
Zur Person
Engagement Roland Blach arbeitet hauptberuflich für die Friedenswerkstatt Mutlangen und initiierte Ende 2023 den Friedensstammtisch im Treff Q in der Marbacher Fußgängerzone.
Feier Der 5. Jahrestag des Inkrafttretens des UN-Atomwaffenverbotsvertrags wird im Treff Q (Marktstraße 15) am Donnerstag, 22. Januar, von 18.30 bis 21 Uhr gefeiert. Roland Blach hält einen Impulsvortrag. Danach gibt es die Möglichkeit zum Austausch.