Friedenspreis Der Historiker als Kassandra

Russland und die Ukraine sind die Lebensthemen von Karl Schlögel. Foto: IMAGO/Jürgen Heinrich

Wohin der Expansionskurs Putins führt, hat der Historiker Karl Schlögel schon lange erkannt: Jetzt erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels kartografiert die Problemlagen dieser Welt. Wer wissen möchte, was die Stunde geschlagen hat, kann sich die Riege der Preisträger der letzten Jahre vor Augen führen und wird in unterschiedlichsten Zusammenhängen immer wieder auf denselben Zeigerstand verwiesen: fünf vor zwölf. Im letzten Jahr wurde die polnisch-amerikanische Totalitarismusforscherin Anne Applebaum in der Frankfurter Paulskirche geehrt, 2022 der zum Verteidigungskampf gegen Russland mit allen Mitteln mobilisierende ukrainische Autor Serhij Zhadan.

 

Inzwischen ist der Zeiger noch weiter gerückt, und eines der Bücher der Stunde stammt von dem Historiker und Osteuropa-Experten Karl Schlögel. Es heißt „Entscheidung in Kiew“ und beginnt so: „Wir wissen nicht, wie der Kampf um die Ukraine ausgehen wird; ob sie sich gegen die russische Aggression behaupten oder ob sie in die Knie gehen wird, ob die Europäer, der Westen, sie verteidigen oder preisgeben wird; ob die Europäische Union zusammenhalten oder auseinanderfallen wird.“

Unheimliche Wiederkehr

Ach ja, diese Zeilen stammen aus dem Jahr 2015. Doch was sie umreißen, ist brisanter denn je. Sie entstanden unter dem Schock der kurz zuvor erfolgten russischen Annexion der Krim und der Installation sogenannter Volksrepubliken im Osten der Ukraine. In seinem Buch reist der 1948 im Allgäu geborene Wissenschaftler durch Städte, die mittlerweile nur noch in Gestalt zerbombter und zerstörter Fassaden durch die Nachrichten flimmern, solange die sich einstellende Gewöhnung sie nicht verdrängt: Charkiw, das zu Anfang des letzten Jahrhunderts einmal ein Pilgerort für viele war, die wissen wollten, wie die Welt von morgen aussehen sollte; Donezk, wo sich der Krieg als erstes eingenistet hat; Kyjiw, von Osip Mandelstam einst als die zählebigste Stadt der Ukraine beschrieben. Urbizid nennt Karl Schlögel das Vernichtungswerk der russischen Kriegsmaschinerie. Zu seinen Verfahren zählt die „Wendung zum Raum“, die historische Entwicklungen durch die Analyse von Stadtbildern, Architektur und räumlichen Kontexten erhellt.

Mit dem von Russland bereits 2014 angezettelten Krieg im Osten der Ukraine habe sich die Geschichtszeit mit einem großen Knall zurückgemeldet, schreibt Schlögel, dessen Buch so endet: „War man in ein Loch gefallen, war einem der Boden unter den Füßen weggezogen worden? Jedenfalls gab es Grund zu einer Beunruhigung, in der sich etwas zurückgemeldet hatte, was früher einmal als ,unheimlich‘ bezeichnet worden war.“ Längst ist das Unheimliche in offenes Grauen übergangen.

Utopie und Gewalt

Wer Karl Schlögel begegnet, erfährt, wie sehr ihn mitnimmt, was gerade passiert. Mit Putins Angriffskrieg steht für ihn gleich zweifach auf dem Spiel, wofür er ein Leben lang gearbeitet hat: Russland und die Ukraine. Der Emeritus für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder hat in Moskau und Petersburg gelebt. Er ist mit der russisch-jüdischen Publizistin Sonja Margolina verheiratet. 1966 reiste er erstmals in die Sowjetunion, zwei Jahre später 1968 erlebte er aus nächster Nähe den Prager Frühling. Seine mit prominenten Preisen ausgezeichneten Bücher wie „Terror und Traum. Moskau 1937“ oder „Das sowjetische Jahrhundert“ sind Schlüsselwerke der Geschichtsschreibung und lesen sich zugleich so spannend wie Krimis. Sie handeln auf unterschiedliche Weise von der Verschlingung von Utopie und Gewalt, ohne die sich auch die postsowjetische Welt nicht verstehen lässt.

Einen feinen Riecher für historische Verästelungen beweist die Studie „Der Duft der Imperien: Chanel No 5 und Rotes Moskau“. Schlögel folgt darin der Spur eines berühmten Parfüms, das ursprünglich 1913 zum 300. Jubiläum der Romanows in Russland kreiert wurde und nach der Oktoberrevolution nach Paris gelangte. Nach der Lektüre ist das Bukett des edlen Stoffs angereichert mit den sozialen Aromen einer Zeit im Umbruch.

Eine Parallelgeschichte erzählt auch sein jüngstes Werk, das den Blick nach Westen lenkt: „American Matrix“ beschreibt den „American Way of Life“ als das Versprechen, unabhängig von traditionellen Bindungen die Welt zu verändern – nicht unähnlich dem sozialistischen Experiment in Russland.

Kaum überraschend blickt Schlögel wenig zuversichtlich auf die zweite Trump-Präsidentschaft, hofft jedoch, dass die USA die Ukraine nicht im Stich lassen werden. Denn wie er mit Kassandra-hafter Inständigkeit nicht müde wird zu betonen: „Die Ukraine trägt die Hauptlast einer Auseinandersetzung, die uns alle betrifft.“

Als Laudator war Karl Schlögel schon mehrfach in der Paulskirche zu hören. Am 19. Oktober steht er dort nun zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse selbst im Mittelpunkt. Zu recht. Einzig vielleicht an einem Punkt ließe sich die Zuverlässigkeit des Friedenspreises als Indikator aktueller Brandherde dann doch hinterfragen: Gaza. Auch dort hat sich auf entsetzliche Weise der Krieg zurückgemeldet. Vor diesem Hintergrund hätte man sich durchaus auch eine Figur wie den deutsch-israelischen Historiker Meron Mendel vorstellen können, dessen Wirken jüdisches wie palästinensisches Leid gleichermaßen umgreift.

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